Heute vor 100 Jahren: Rucksackverbot für Kinder und Kranke

Das in Kraft getretene und rücksichtslos gehandhabte “Rucksackverbot” werde zur Folge haben, dass die Sterblichkeit und der Krankenstand in entsetzlicher Weise hinaufschnellen werden, warnt ein Arzt.

Neue Freie Presse am 19. August 1919

Ein Arzt schreibt uns: “Im letzten Monatsausweise war das Wiener Gesundheitsamt in der glücklichen Lage, darauf hinweisen zu können, daß sich die Sterblichkeit und der Krankenstand in Wien gegen das Vorjahr gebessert habe. Das a 1. d. in Kraft getretene rücksichtslos gehandhabte “Rucksackverbot” wird zur Folge haben, daß die Sterblichkeit und der Krankenstand in entsetzlicher Weise hinaufschnellen werden, soweit die Aerzte bis jetzt in zwei Wochen einen Ueberblick bekommen können. Es gibt in Wien Zehntausende von Menschen, insbesondere von Kindern und Greisen, die seit Jahren keinen Tropfen Milch trotz ihrer Rayonierung erhalten haben, selbst wenn sie eine Anweisung für Schwerkranke hatten. Für diese Armen sorgten ihre Angehörigen, indem sie ohne Rücksicht auf die Mühseligkeiten, die Kosten und den Zeitverlust einer Reise, ein- bis zweimal in der Woche aufs Land fuhren, um von Verwandten oder Bekannten für viel Geld, viel gute Worte und für Tabak, Wäsche, Goldwaren etwas Milch, Kartoffeln und Eier zu erbitten. Auf diese Weise sind in den letzten Jahren Zehntausende von Menschenleben erhalten worden, die rettungslos verloren gewesen wären, wenn diese Leute, die die Schleichhandelspreise in Wien nicht zahlen konnten, nicht auf diese Weise Zubußen zu den bewilligten Narhungsrationen erhalten hätten.Rückhaltlose Bewunderung verdient der beispiellose Heroismus tausender Wiener Frauen, die für etwas Milch für ihre Kinder buchstäblich ihr Leben aufs Spiel setzen. Ich habe zwei Frauen ärztlich behandelt, die durch Schüsse ungarischer Grenzwächter verletzt wurden, als sie im Winter die Leitha durchwateten, um ihren Kindern etwas Nahrung aus Ungarn zu bringen. Durch das unsinnige Rucksackverbot hat - das kann jeder Arzt in Wien bezeugen - der Hunger Einzug in die Kinder- und Krankenstuben von Zehntausenden gehalten. Das Hungerödem und das große Sterben der Kinder wird sich wiederholen. Und warum dies alles? Cui prodest? Die Bauern werden nicht mehr abliefern als früher, und hunderte Wiener können zusehen, wie auf dem Lande die Milch statt nach Wien in die Tröge der Schweine oder ins Butterfaß wandert. Als direkte Folge des famosen Rucksackverbotes ist die Steigerung der Preise im Schleichhandel um 50 bis 60 Prozent, so daß ein Ei statt 2 K. 3 K. 50 H. und ein Kilogramm Butter schon 140 K. kostet. Die Reichen zahlen auch diese wahnsinnigen Preise willig, die Kranken jedoch müssen zugrunde gehen. Ist es nicht widersinnig und jedem Gesetz und jeder Vernunft hohnsprechend, daß man Reisenden, die auf Grund einer Ausfuhrbewilligung aus ihrer Heimat aus Böhmen Lebensmittel nach Wien bringen, diese einfach mit Gewalt abnimmt? Wir Aerzte verlangen mit Rücksicht auf das Wohl und das Leben der Kranken auf das nachdrücklichste die Aufhebung des unsinnigen, zwecklosen “Rucksackverbotes”!

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