"Eichmann ist meine Leidenschaft"

Simon Wiesenthals schmachvoller Misserfolg bei der Jagd nach NS-Verbrecher Adolf Eichmann und seine Rolle als Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad.

(c) AP (STR)

Schon im August 1947 hätte Adolf Eichmann, einer der Organisatoren des Holocaust, gefasst werden können. Nazi-Jäger Simon Wiesenthal veranlasste damals eine Hausdurchsuchung in Altaussee im Ortsteil Fischerdorf, Haus Nr. 8. An der Adresse vermutete er Adolf Eichmann. Stattdessen hielten sich die Gendarmen an die Hausnummer 38, wo sie einen anderen gesuchten NS-Verbrecher dingfest machen konnten.

Als die Gendarmen dann zum Haus mit der Nummer acht zurückkehrten, öffnete ihnen Veronika Liebl-Eichmann, die behauptete, sie sei im März 1945 von ihrem Mann geschieden worden und habe ihn seither nicht mehr gesehen. Wiesenthal erfuhr auch, dass Veronika Eichmann schon seit einiger Zeit versucht hatte, ihren Mann für tot erklären zu lassen. Wiesenthal wusste, wenn ihr das gelingt, dann hätte man seinen Namen von den Fahndungslisten gestrichen, „und jede offizielle Suche der Behörden hätte aufgehört“, zitiert Tom Segev, Autor der neuen Wiesenthal-Biografie aus einem Brief.

 

Das Debakel von Altaussee

Ende 1949 dann das Debakel von Altaussee. Zum Jahreswechsel sollte Eichmann seine Familie besuchen, „dabei werden wir ihn uns holen“, habe ein österreichischer Polizeibeamter zu Wiesenthal gesagt und ihn eingeladen, an der Aktion teilzunehmen. Dann tauchte ein Gast aus Israel bei ihm auf, offenbar ein Geheimagent – er durfte ebenfalls mitfahren. Der Agent saß aber in der Gaststube des „Erzherzog Johann“ in Bad Aussee und unterhielt die Ausseer mit Geschichten aus Israel.

Das Gerücht von der Anwesenheit eines Israelis verbreitete sich im halben Ausseerland wie ein Lauffeuer. Die Polizeioperation misslang, Eichmann war gewarnt. „Ich fürchte, ihr Freund hat uns die Aktion verdorben“, sagte der Kriminalbeamte zu Wiesenthal.

Eichmann wurde erst am 11.Mai 1960 in Buenos Aires gefasst, nach Israel gebracht und am 31.Mai 1962 im Gefängnis von Ramleh, Israel, hingerichtet. Wiesenthal war übrigens gegen die Vollstreckung des Todesurteils – er meinte, der Organisator des Holocaust habe noch nicht alles gesagt, was er wusste. Historiker Segev belegt auch, was der Chef des israelischen Geheimdienstes Isser Harel stets bestritten hatte: Dass Wiesenthal an der Ergreifung Eichmanns maßgeblichen Anteil hatte. Schon 1953 hatte er den Mossad über Eichmanns Aufenthaltsort informiert.

Interessant ist auch ein weiteres Detail aus Segevs Buch: Wiesenthal war unter dem Decknamen „Theokrat“ für den israelischen Geheimdienst Mossad tätig. Er hatte einen israelischen Pass erhalten und bekam ein Monatsgehalt von rund 300 Dollar. Sein erstes Büro in Wien wurde ebenfalls vom Mossad finanziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2010)

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