Holaubek: "Ich, der Präsident!", oder einfach "der Joschi

Vor 50 Jahren stand der legendäre Wiener Polizeichef Josef Holaubek selbst im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit: Aufwand rund um das Gipfeltreffen Chruschtschow - Kennedy 1961 war seine größte Herausforderung.

(c) APA (Schneider Georges)

Er war gelernter Tischler, dann Feuerwehrmann in Wien, „Roter Falke“, Gestapo-Häftling und Feuerwehr-Soldat in Gotenhafen (Polen). Und er war ein Mann der „ersten Stunde“ nach 1945, als es um den Wiederaufbau der Wiener Berufsfeuerwehr ging: Josef Holaubek, den die Wiener später liebevoll „Joschi“ nannten.

Er hat nie eine Polizeischule besucht und nie eine Waffe getragen. Er hat in seiner Amtszeit Wasserwerfer angeschafft – und sie nie eingesetzt. Ein legendärer Wiener Polizeipräsident mit der längsten Amtszeit: September 1947 bis 31.Dezember 1972. Etwa hundert Staatsbesuche hat er betreut, mit Charme und Umsicht, mit polternder Jovialität und stets mit einem Blick auf die lauernden Kameraobjektive.

Holaubek war eine öffentliche Person, und er genoss es durchaus. Die Reporter seiner Zeit waren seine Schützlinge, manche durften sich stolz seiner Freundschaft rühmen. Als Belohnung für Wohlverhalten gab es dreistellige Autonummern, höchstpersönlich vom Präsidenten „verliehen“. Dass der Platz vor dem Wiener Verkehrsamt seinen Namen trägt, darf als augenzwinkernder Hinweis auf diese Zeiten des „Nummernadels“ verstanden werden. Wer etwas auf sich hielt, besaß ein dreistelliges Nummerntaferl (auch zwei „Presse“-Dienstfahrzeuge rollten damit stolz durch die Stadt). Diese billige und liebenswerte Befriedigung so mancher Eitelkeit ist von einem späteren Verkehrsminister schnöde beendet worden.

Nabel der Welt: Als der ''Kalte Krieg'' in Wien tobte

„Des bleibt unter uns!“

Dass Holaubek auch Gemeindewohungen in schöner Lage am Stadtrand vermitteln konnte, wurde zwar immer wieder gemunkelt, doch die Privilegierten wahrten eisern Stillschweigen. Zum Wohlverhalten gehörte auch, dass man schlüpfrige Weiberg'schichterln nicht berichtete, die der Präsident im Kaffeehaus bereitwilligst erzählte: „Ehrenwort, des bleibt unter uns!“

Er selbst bevorzugte die stadtbekannte Autonummer „W 100.000“. Der Chauffeur holte ihn im Morgengrauen aus der Hietzinger Laroche-Gasse ab – „ich hatte meine Schule in der Wenzgasse, also ums Eck“, erinnert sich Tochter Johanna – um sieben Uhr saß der Chef an seinem Schreibtisch in der Polizeidirektion, die anfangs noch am Parkring Nr.8 residierte. Nach 17Uhr hob der Präsident in den verwaisten Büros selbst den Hörer ab. Der Leibchauffeur war anfangs übrigens recht skeptisch. Seinem Haarschneider vertraute er an: „I' kann Ihnen nur eines sagen – lang halt' sich der bestimmt net...“

 

Wie Harun al Raschid

Natürlich muss man für die eigene Popularität auch manchmal nachhelfen. Die „Arbeiter-Zeitung“ berichtete 1967 die rührselige Geschichte vom alten Mutterl, das die Passformulare falsch ausgefüllt hatte, barsch aus dem Kommissariat gewiesen wurde und verzweifelt die „AZ“ einschaltete. Anderntags sei ein Kriminalbeamter bei ihr erschienen – mit dem fertigen Pass. Ein fescher, großer Herr sei das gewesen. „Da lass' i' mi' einestechen, wenn er das net g'wesen ist...“

Die Bundesregierung konnte sich in jeder Notlage auf ihn verlassen. Einmal, erzählt „Presse“-Doyen Thomas Chorherr, war sie vollzählig an der Bahre eines verblichenen Bundespräsidenten erschienen – aber der Kranz fehlte. „Joschi“ winkte, und ein Kranz war da. Niemand blickte auf die Schleife. „Gebrüder Groh“ stand drauf.

 

Von KPÖ-Maulwürfen gesäubert

„Der Präsident“: Ein dem Staatsganzen verpflichteter Sozialist, der in den Pionierjahren der jungen Zweiten Republik mit harter Hand den Polizeiapparat von kommunistischen Funktionären säuberte, die sich in vielerlei Schlüsselpositionen festgesetzt hatten. 1950 stellte er sich – mit dem Chef der Bau- und Holzarbeiter, Franz Olah – den demonstrierenden Kommunisten entgegen, die die schwarz-rote Koalitionsregierung zu Fall bringen wollten. Als das Schicksal der Republik auf des Messers Schneide stand, gab es 115 verletzte Polizisten und 21 Gendarmen. Aber auf keiner Seite verzeichnete man Tote. Das hätte zur Katastrophe geführt, weil die sowjetische Besatzungsmacht mit Sicherheit eingegriffen hätte.

1956 stellte er den gesamten Polizeiapparat in den Dienst der Flüchtlingsbetreuung, als tausende Ungarn ihre Heimat verlassen mussten, um der sowjetischen Knechtschaft zu entkommen. Und dies immer in Loyalität zu den wechselnden Innenministern, die – rein theoretisch – seine Vorgesetzten waren.

 

John & Jackie, Nikita & Nina

Der Mann war also schon längst eine Legende, als die Welt 1961 voll Spannung auf Wien blickte. Für den 3. und 4.Juni war das Gipfeltreffen der zwei mächtigsten Männer der Welt anberaumt: Nikita Chruschtschow für die Sowjetunion, ein altgedienter listiger KP-Funktionär; John F. Kennedy, erst seit Kurzem im höchsten Amt der USA.

Holaubek lief zur Höchstform auf. Er war immer schon gern dort, wo „die Musi' spielte“. Zelebritäten nahm er höchstpersönlich am Flughafen in Empfang, natürlich auch Kennedy und seine hübsche Gattin, Jackie. Chruschtschow kam mit Ehefrau Nina, einer rundlichen Dame, per Bahn. Die Limousinen waren schon da: ein russischer „ZIL“ aus Moskau, ein Cadillac aus den USA. Gepanzert war übrigens keines dieser Fahrzeuge. Auch der Mercedes 600 von Bundespräsident Schärf natürlich nicht.

 

Ein Freund der Reporter

Schon am ersten Tag der hitzig geführten Verhandlungen musste Holaubek zugunsten „seiner“ Journalisten intervenieren: Der sowjetische Sicherheitschef verweigerte kategorisch sämtlichen Journalisten den Zutritt zur Sowjetbotschaft in der Reisnerstraße. TV-Direktor Gerhard Freund war in heller Aufregung. So schleppten der Polizeipräsident und der TV-Chef höchstselbst Kabeltrommeln und Kameras in den Tagungsraum, und der Österreichische Rundfunk konnte die ganze Welt mit den wichtigen Filmaufnahmen versorgen.

Tags darauf sorgten die Amerikaner für ein Durcheinander. Der Bundespräsident Adolf Schärf gab für die beiden Ehepaare ein Diner im Schloss Schönbrunn. (Fast) alle Geladenen waren pünktlich da. Es fehlten die Kennedys. Schärf bemühte sich verzweifelt um gute Laune bei den Chruschtschows, nach 20 Minuten wurde er aber sichtlich ungehalten. Doch der Retter war schon zur Stelle: Holaubek hatte den Wagentross von der US-Residenz zum Schloss in einem Höllentempo selbst gelotst. Frau Jackies Friseur war nicht rechtzeitig fertig geworden. „Ob a König, a Staatspräsident oder a First Lady – alle san nur Menschen“, hat er seinem Freund Georg Markus in den Notizblock diktiert.

Und es war daher nur folgerichtig, dass ihm das „Syndikat der Pressefotografen und Filmreporter“ einen Ehrenring stiftete – als Dank für die vielfältige Hilfe, die er seinen Freunden, den Reportern, erwiesen hat. Orden besaß er ja schon zuhauf. Er war einer der meistdekorierten Österreicher. Die größte Freude aber hatte er mit einem goldglänzenden Stern: Die Polizei von Los Angeles hatte ihn zum „Ehrensheriff“ ernannt.

 

Vom „Schwarzkappler“ ertappt

Nach einem rührenden Abschied von seinen Mitarbeitern stieg der „Joschi“ am Silvestertag 1972 am Parkring in die Straßenbahn. Jetzt war er Pensionist. An sein Dienstauto gewöhnt, vergaß er, einen Straßenbahnfahrschein zu lösen. Und prompt erwischte ihn nach drei Stationen ein Kontrollor. Der zog nur sein Amtskappel und fuhr mit dem alten Herrn bis hinaus nach Hietzing zur Haltestelle Wenzgasse.

Am 10.Februar 1999 ist Josef Holaubek in Wien gestorben. Er stand im hohen Alter von 92 Jahren. „I' bin's, der Präsident, i' mach' kane Schmäh“, mit diesen Worten hatte er im November 1971 drei gefährliche Gefängnisausbrecher wieder inhaftiert. Die Ganoven waren bewaffnet und hatten mehrere Geiseln genommen. Ohne Pistole setzte der „Präsident“ seine einzige „Waffe“ ein: gutes Zureden, Wiener Schmäh. Mit Walter Schubirsch, dem Kopf der Bande, ist er, nach dessen Haftzeit, gern ins Café „Prückel“ gegangen. Und er hat ihm einen Job verschafft, sodass der Ausbrecherkönig nie wieder rückfällig wurde.

Der Wiener Gipfel 1961 im Rückblick der Historiker

Die großen Hoffnungen, die vor 50 Jahren in den Wiener Gipfel der beiden mächtigsten Männer der Welt, John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, gesetzt wurden, waren trügerisch. Der Sowjetführer soll den US-Präsidenten intern einen „Hurensohn“ genannt haben. Die zweitägigen Verhandlungen brachten nur Dissens. Der „Kalte Krieg“ wurde immer heißer: In Berlin ließ Chruschtschow im August 1961 die Mauer bauen. Und im Jahr darauf schickte er Atomraketen nach Kuba, um die USA zu bedrohen.

Ein Fehlschlag also? „Ja“, sagt der Grazer Historiker Stefan Karner, „denn es gab kaum zählbare Ergebnisse.“ Oder doch nicht? „Erstmals sahen die Supermächte, dass es nur einen Weg gab, der Apokalypse ihrer Atomarsenale zu entrinnen: den Dialog. Der ,Friede durch Angst‘ und der ,Heiße Draht‘ zwischen Washington und Moskau verhinderten eine atomare Konfrontation.“ Österreich stellte dabei seine neue Rolle als neutraler Staat und Gastgeber erfolgreich unter Beweis. Wien wurde zum Ort der Begegnung im Kalten Krieg.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung: Vor zwei Wochen fand dazu an der Diplomatischen Akademie in Wien eine internationale Fachtagung unter der Leitung Stefan Karners statt. Auf der Basis russischer und westlicher Quellen analysierten die Experten, was sich damals wirklich abspielte. Und wie nahe man an einer Katastrophe vorbeischrammte.

Das Buch dazu: „Der Wiener Gipfel 1961: Kennedy – Chruschtschow“ von Stefan Karner (Hrsg.), Manfred Wilke, Barbara Stelzl-Marx, Natalja Tomilina, Alexander Tschubarjan, Günter Bischof, Viktor Iscenko, Peter Ruggenthaler und Gerhard Wettig.
Studienverlag, 1056Seiten, 39,90Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2011)

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