Peter Kai: Abstellplatz für den Rucksack der Gefühle

Auf dem "Sterntalerhof" von Peter Kai finden Familien eine Raststation, die vor der schwierigsten Lebensprüfung stehen oder danach: Dem Verlust eines Kindes.

Pater Peter Kai, Seelsorger, Leiter Sterntalerhof in Stegersbach Foto: Teresa Z�tl
Pater Peter Kai, Seelsorger, Leiter Sterntalerhof in Stegersbach Foto: Teresa Z�tl
(c) Teresa Zötl

Der weißhaarige Mann mit dem warmherzigen Opa-Lächeln zwischen dem Vollbart sitzt am Küchentisch. Gegenüber hängt ein Geburtstagskalender an der Wand, obwohl es hier eigentlich um das Gegenteil geht. Am „Sterntalerhof“ von Peter Kai steht die Endlichkeit des Lebens im Mittelpunkt. Das mögliche Sterben. Der nahende Tod. Kai und sein Team betreuen Familien, die vor der schwierigsten Aufgabe stehen, die das Leben bereit halten kann, oder danach: dem Verlust des eigenen Kindes.

Kai, bei der „Presse“-Wahl der „Österreicher des Jahres“ einer der Kandidaten, bietet ihnen eine Raststation, „in der sie ihren Rucksack der Gefühle abstellen und schauen können, was nehme ich mit und was nicht mehr. – Bevor sie weiterreisen.“

Aber wohin eigentlich? Wie erklärt man einem Kind, was es erwartet? Wie das wird, was nach dem Leben kommt? Es sind „Knödel-im-Hals“-Fragen, vor allem wenn sie von Kindern gestellt werden, deren Morgen tatsächlich in den Sternen steht. „Aber sie wissen immer die richtige Antwort“, sagt Kai. Und wenn nicht, hat er sich verständliche Metaphern zurechtgelegt; Vergleiche mit der Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling, Bilder von einer gemeinsamen Bergtour, bei der das Kind schneller am Ziel ist und oben auf der Hütte auch eine Weile warten muss, bis es die Eltern wiedersieht.

Auf dem „Sterntalerhof“ am Ortsrand von Stegersbach im Südburgenland wird allen Beteiligten – dem Kind, den Eltern, den Geschwistern, die aus Rücksicht auf die Eltern oft im Stillen leiden – die Zeit, der Platz und die Begleitung gegeben, die sie brauchen, um mit ihrer Trauer, ihrem Zorn, ihrer Wut und Angst umzugehen. „Wir sind keine Wunderheiler, von uns gehen die Leute nicht ohne Probleme weg – aber sie haben hoffentlich weniger Angst vor der Angst“, sagt Kai. Vor zehn Jahren hat der ehemalige Krankenhausseelsorger den „Sterntalerhof“ gegründet.

Angst vor Floskeln

„Weil es nirgends einen Ort gab, an dem die Menschen mit ihrer verständlichen Überforderung, ihrer unendlichen Leere und Verzweiflung ankommen konnten“, erinnert sich der gebürtige Osttiroler. Auf dem „Sterntalerhof“ finden sie einen Ort, an dem das Thema „Abschied“ offen angesprochen wird. „Denn wenn Gefühle keinen Raum haben, dann gibt es keinen Trost“, sagt Kai.

Betroffene hätten „Angst vor Floskeln“. Auch vor jenen der Amtskirche, die bisweilen „zynischer klingen, als dass sie helfen“. „Viele Geistliche verstecken sich aus Angst hinter Ritualen. Es geht aber nicht darum, schlagfertig ein passendes Bibelzitat bei der Hand zu haben, sondern zuzuhören und sich berühren zu lassen.“ Das tut weh. Auch er hadere immer wieder mit der Frage nach dem „Warum“. Der Wind treibt ein sanftes Kinderlachen über den Hof. „Ich habe durch diese Arbeit bemerkt, wie intensiv ein Lachen sein kann“, sinniert Kai. Durch diese „Dichtheit der Freude“ werde er selbst immer bereichert; sie zeige, dass es „Humor gibt, der auch die schweren Dinge lebbar macht“.

35 bis 40 Familien pro Jahr hilft er wieder zurückzufinden, Lebensfreude abseits von Schuldgefühlen zu tanken. „Unsere wichtigsten Therapeuten sind unsere fünf Pferde, weil wir es dank ihnen schaffen, den Menschen das Gefühl zu geben, durch ihre schwierige Situation durchgetragen zu werden“, beschreibt Kai einen Therapieansatz. Daneben werden musiktherapeutische und Kunsttherapie-Einheiten angeboten – in Sichtweite zur Therme Stegersbach, schon bald in einer auf zwei Familien-Wohneinheiten und zehn Pferde erweiterten Anlage in der Nähe von Loipersdorf. Ende des Jahres wird übersiedelt. Durch das Fenster brechen sich herbstliche Sonnenstrahlen. Draußen hört man es wieder, das Kinderlachen.

Auf einen Blick

Peter Kai betreibt das Kinderhospiz Sterntalerhof. Er ist Kandidat bei der „Presse“-Wahl der „Österreicher des Jahres“. Die große Gala mit der Überreichung der Austria'09-Trophäen wird am Nationalfeiertag vom ORF im TV übertragen.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2009)

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