Wo ist die globale Abkühlung geblieben?

Von Natur her wäre die nächste Eiszeit überfällig. Aber der Mensch hat sie verschoben, weit.

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(c) REUTERS (FRANCOIS LENOIR)

Der menschgemachte Klimawandel überhitzt die Erde? Niemand warnt so vernehmlich davor wie Hans-Joachim Schellnhuber, Chef des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Er weiß allerdings auch, dass es noch viel größere Schrecken gibt als die der Wärme: die der Kälte. Und deren Herrschaft wäre längst überfällig, wenn es nach dem präzisen Takt ginge, den die Himmelsmechanik mit den Zyklen schlägt, in denen die Erde ihre Neigung und den Abstand zur Sonne ändert: Auf 100.000 Jahre Eiszeit folgen 10.000 Jahre Warm- bzw. Zwischeneiszeit.

So war es zumindest über die letzten Jahrhunderttausende. Aber die letzte Eiszeit war vor 12.800 Jahren zu Ende. Wo ist die nächste geblieben? Die Menschen haben sie vertrieben, und zwar dadurch, dass sie die Landwirtschaft erfanden! Mit dieser Hypothese bzw. der vom „frühen anthropogenen Einfluss“ wurde William Ruddiman (University of Virginia) 2003 einem breiteren Publikum bekannt. Ihm war an Eisbohrkernen ein eigenartiges Muster der Treibhausgase aufgefallen: Immer am Ende früherer Eiszeiten waren viel Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH4) in der Luft, dann sanken die Gehalte kontinuierlich. So war es auch am Ende der letzten Eiszeit, vor 12.800 Jahren. Aber vor 7000 Jahren kehrte sich der Trend beim CO2 um, und vor 5000 Jahren stiegen auch die Methankonzentrationen wieder.

 

Landwirtschaft brachte Wärme

Warum? Vor 7000 Jahren verbreitete sich die Landwirtschaft, die vor 9000 Jahren in Anatolien erfunden worden war, über ganz Eurasien, und vor 5000 Jahren begann in China großflächig der Anbau von Reis auf überfluteten Feldern. Für Ruddiman waren das mehr als Koinzidenzen: Für die Landwirtschaft wurden Wälder gerodet, das setzte den im Holz gespeicherten Kohlenstoff frei; und im Wasser der Reisfelder verrottete Biomasse, sie ließ Methan zum Himmel steigen.

Beides zusammen hätte die globale Temperatur um drei Grad nach oben getrieben, veranschlagte Ruddiman. Er erntete Spott, die frühe Menschheit sei viel zu klein gewesen bzw. ihre Technik viel zu wenig entwickelt, als dass sie ins Klima hätten eingreifen können, das habe die Menschheit erst mit der Industriellen Revolution und ihrer Nutzung der fossilen Energien tun können.

Aber Ruddiman blieb dabei, und nun bekommt er Bestätigung, von Schellnhuber aus Potsdam. Der hat gemeinsam mit Andrey Ganopolski durchgerechnet, dass die CO2-Gehalte der Atmosphäre schon in vorindustriellen Zeiten so hoch waren, unnatürlich hoch, dass sie die Zwischeneiszeit von den normalen 10.000 auf 20.000, möglicherweise 50.000 Jahre ausdehnten. Wären wir noch in der Zeit vor der Landwirtschaft, als 240 ppm (Teilchen pro Million) in der Luft waren, wären wir jetzt in der Eiszeit. Denn die Bedingungen der Himmelsmechanik sind derzeit danach, vor allem bei der Neigung der Erde zur Sonne.

Irgendetwas hat die Himmelsmechanik aber ausgehebelt: Die Gehalte stiegen schon vor der Industrialisierung auf 280 ppm, das brachte den langen Aufschub. Rechnet man den Anstieg durch die Industrielle Revolution hinzu, kommt man auf 100.000 Jahre ohne Eiszeit: Ein gesamter Zyklus der Natur fällt weg (Nature 13. 1.). „Das zeigt sehr deutlich, dass wir längst in eine neue Ära eingetreten sind, in der die Menschheit zur geologischen Kraft geworden ist“, schließt Schellnhuber.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2016)

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