Da capo: Erschlug ein Asteroid die Clovis und die Mammuts?

Vor 12.800 Jahren verschwanden alle großen Tiere und die Menschen aus Nordamerika. Eine Hypothese vermutet einen Asteroiden dahinter. Sie war schon totgesagt und lebt nun auf.

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(c) EPA (SERGEI ILNITSKY)

Wo auch immer die frühen Menschen hinkamen, verschwanden bald die anderen großen Säuger, das war in Australien so vor 50.000 Jahren, das war in Japan so – dort gab es Elefanten, bis die Insel vor 33.000 Jahren besiedelt wurde –, in Amerika auch. Die große Ausnahme ist Afrika, dort konnte sich die übrige Megafauna – dazu rechnet man alle Tiere mit mehr als 44 Kilo Gewicht – früh und langsam auf den Neuankömmling der Evolution einstellen, er war auch noch kein großer Jäger.

Aber als er vor 70.000 bis 60.000 Jahren von Afrika aus loszog, nahm er seine Innovationen mit, auch die Waffen und die Jagdtechniken. Das brachte ihn später in den Verdacht, er habe die anderen ausgerottet, entweder direkt und rasch durch Jagd („Blitzkrieg“) oder indirekt durch Veränderung der Habitate („Sitzkrieg“), vielleicht hatte er mancherorts auch Gehilfen dabei, Hunde, die Krankheiten einschleppten.

Nach der Eiszeit: Neue Kälte

Aber ist es möglich, dass einer allein alle anderen erlegt, auch die Größten – Elefanten, Mastodons, Mammuts –, und das mit Speeren und Pfeilen mit Steinspitzen? Viele Forscher bezweifeln es, sie sehen Klimaschwankungen hinter den großen Verschwinden, vor allem hinter dem umstrittensten, dem in Nordamerika: Vor 12.800 Jahren, als die Eiszeit ausklang, wurde es plötzlich wieder kalt auf der Nordhalbkugel, die Jüngere Dryaszeit begann. In Nordamerika verschwanden (außer den Bisons) alle Großen, nicht nur Mammuts, Kamele und Säbelzahntiger etc., sondern auch die Menschen, die Clovis. Die waren gerade erst aus Asien eingewandert, trockenen Fußes, die Eiszeit hatte die Meeresspiegel gesenkt.

Kalt wurde es vermutlich wieder, weil die Eiszeit zu Ende ging: In Nordamerika bildeten sich riesige Schmelzwasserseen, die irgendwann ihre Eiswände sprengten und den Nordatlantik mit ihrem Süßwasser überfluteten. Dadurch wurde die Meeresströmung lahmgelegt, die als kalte Tiefenströmung vom Nordatlantik ausgeht und als warme Oberflächenströmung dorthin zurückkehrt, der Golfstrom. Das könnte erklären, warum die Jüngere Dryaszeit Europa Kälte brachte, es wird vom Golfstrom erwärmt. Aber Nordamerika? Dorthin kommt der Golfstrom nicht, und zudem wurde es in der Jüngeren Dryaszeit auch nicht kälter als in der Eiszeit zuvor, und deren Temperaturen hatten Tiere und Menschen getrotzt. Woher also die neue Kälte und vielleicht noch andere böse Überraschungen? Vom Himmel! Eine kosmische Katastrophe fegte die Mammuts und Clovis hinweg, wie es der Asteroid von Chicxulub bei Yucatan vor 65 Millionen Jahren mit den Sauriern getan hatte!

„Schwarze Matten“ und Nanodiamanten

Die Idee kam Ende der 80er-Jahre auf, und bei einer Tagung der American Geophysical Union 2007 wurde sie breit propagiert. 27 Forscher legten viele Hinweise aus jener Erdschicht vor, die den Beginn der Jüngeren Dryaszeit markiert und archiviert, von „schwarzen Matten“ – Kohle aus verbrannter Biomasse – bis hin zu Nanodiamanten, wie sie nur beim Einschlag eines Himmelskörpers („giant impact“) entstehen können, hexagonale Lonsdaleite. Das Szenario sah so aus: Ein oder mehrere Asteroiden war(en) in Nordamerika eingeschlagen oder in der Atmosphäre explodiert, sie setzten die Schmelzwasserseen frei. Und über eisfreies und begrüntes Land brachten sie eine Feuerwalze. Die überzog den Kontinent mit ihren Rauchwolken, und die ließen kaum Sonnenlicht mehr zum Erdboden, brachten Kälte.

Daran waren die Überlebenden der Katastrophe zwar gewöhnt, aber sie hatten, wegen der Brände, keine Nahrung mehr. So weit die feurige Hypothese, sie erhitzte rasch die Gemüter. Denn zum einen gibt es keinen Einschlagkrater. Und zum anderen war unter den 27 ein einzigen Impact-Spezialist. Der Rest der Zunft widersprach heftig – vor allem Christian Köberl tat es, Geochemiker der Uni Wien und heute auch Chef des Naturhistorischen Museums – und zerpflückte die Kette der Hinweise: Keiner hielt der Betrachtung stand, die „schwarzen Matten“ fanden sich nur an Feuerstellen der Clovis, und die speziellen Nanodiamanten fanden sich überhaupt nirgends. Ein Artikel in Science fasste 2010 alles zusammen (329, S. 1140), die Hypothese vom „giant impact“ war tot.

Nun kehrt sie wieder, an einem entlegenen Ort, in Sedimenten eines Gebirgssees in Mexiko. Dort hat eine Gruppe um James Bischoff (US Geological Survey)  neuerlich die Hinweise gefunden, alle, von der Holzkohle bis zu den Diamanten: „Ein irdischer Mechanismus kann das nicht hervorgebracht haben“, schließen die Forscher: „Alles ist konsistent mit einem Impact.“ (Pnas, 5. 3.) Auch ein Kraterkandidat wird präsentiert, im St-Lorenz-Golf in Kanada soll er liegen.

Den Streit um das Verschwinden der großen Tiere wird das nicht klären, weder im Fall Nordamerika noch in den anderen Fällen. Graham Prescott (Cambridge) hat alle durchgemustert und kommt zu dem so salomonischen wie leeren Urteil, dass die beste Erklärung in jedem Fall ein Zusammenwirken von Einwanderern und Klima ist.

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