Kulinarik

Für den Mittagstisch im Alpbacher Hallenbad

Ein Innsbrucker Verein erntet und verkocht Gemüse, das zu wenig perfekt für den Supermarkt ist – auch beim Forum Alpbach. Dabei entstehen Suppen und soziale Räume.

Birnen, die sonst am Boden verfault wären und Wespen angelockt hätten, sind ein Beispiel für Produkte, die Luzia Dieringer und ihr Verein „Feld“ nutzen.
Schließen
Birnen, die sonst am Boden verfault wären und Wespen angelockt hätten, sind ein Beispiel für Produkte, die Luzia Dieringer und ihr Verein „Feld“ nutzen.
Birnen, die sonst am Boden verfault wären und Wespen angelockt hätten, sind ein Beispiel für Produkte, die Luzia Dieringer und ihr Verein „Feld“ nutzen. – Andrei Pungovschi

Vor Beginn der Seminarwoche in Alpbach haben die Mitglieder des „Feld“-Vereins noch schnell einen Birnbaum abgeerntet. Für den Nachtisch beim Mittagsmenü im Alpbacher Hallenbad, wo Seminarwochen-Teilnehmer neben der Hauptschule bequem essen gehen konnten. Mit der Birnenernte war aber nicht nur für frisches Obst gesorgt, sondern es gab auch einen angenehmen Nebeneffekt: „Der Baum steht im Garten einer Kinderkrippe“, sagt Luzia Dieringer vom Verein. „Dort waren die Betreiber froh, dass eine potenzielle Gefahrenquelle gebannt ist.“ Wespen finden also bei diesem Baum keine Nahrungsquelle mehr auf dem Boden, die Kinder können wieder durchs Gras laufen.

„Wir müssen was machen"

Das ist das Konzept des Innsbrucker Vereins: das zu verwenden, was da ist, gut ist, aber nicht gebraucht wird. Die Vereinsmitglieder ernten die Überreste auf Feldern ab oder sammeln aussortiertes Gemüse von großen Höfen ein. Rund 15 Landwirte arbeiten mittlerweile eng mit dem Verein zusammen. Aber auch Privatpersonen liefern manchmal Obst oder Gemüse, für das sie keine Verwendung haben. Daraus entstehen dann Speisen, Konserven; inzwischen bietet das Team des Vereins auch Ernährungsprojekte für Schulen an.

Entstanden ist der „Feld“-Verein allerdings aus einer eher unbestimmten Motivation. „Wir müssen etwas machen“, sagten sich Dieringer und Claudia Sacher. Sie entschieden sich dazu, einen Verein zu gründen, der ungebrauchtes Gemüse und Obst nutzt und weiterverarbeitet. Heute, knapp drei Jahre nach der Gründung, kann man ihre Suppen, Marmeladen, Eintöpfe in Innsbrucker Bäckereien finden (und gegen einen „Wertschätzungsbeitrag“ – nach eigenem Ermessen – mitnehmen) oder durch Fahrradboten zu Mittag ins Büro geliefert bekommen.
Das Gefühl, „was machen zu müssen“, speist sich meist aus vielen Quellen – aus gesellschaftlichen Überlegungen zum Beispiel, aus persönlichen, aus beruflichen, aus wirtschaftlichen –, meistens sogar aus vielen gleichzeitig. Bei Dieringer und Sacher war das nicht anders. Primär hatten sie sich eigentlich Gedanken zum Thema Arbeit gemacht – wohl auch wegen Erfahrungen in der klassischen Berufswelt. Wie sollte „Arbeit“ für sie aussehen? Welche Themen wollten sie bearbeiten? „Welche Dinge kann man nutzen, anstelle wieder neue Produkte herzustellen?“ – das hätten sie sich gefragt, erzählt Claudia Sacher. Dass es schließlich ein Verein wurde, in dessen Mittelpunkt die Nahrung steht, ergab sich daraus. Und auch noch aus einem weiteren Grund: „Wir kochen gerne“, sagt sie. Und Dieringer ergänzt: „Es ist kreative Arbeit.“
Unpraktisch ist das Generalthema Essen freilich nicht, denn: „Essen transportiert viele Themen“, meint Sacher. Und so sprechen die Vereinsmitglieder mit ihrem Schaffen nicht nur Innsbrucks Foodies an, sondern auch Umweltbewusste, Ressourcenschoner, Gesundesser, Zurück-zum-Ursprung-Konsumenten genauso wie Konsumkritische.
Nach der Vereinsgründung im Dezember 2014 begannen die beiden Frauen, erst einmal Dinge einzukochen, haltbar zu machen. Marmeladen und Chutneys waren das Erste, was sie für den „Feld“ -Verein aus dem Kochtopf hoben. Angefangen habe man mit der Streuobst- und Kartoffelnachernte, erinnert sich Sacher. Das Einkochen bewältigten sie nicht alleine, der Hintergedanke war, Menschen dafür zusammenzubringen.

Innsbrucker Einkoch-Abende

Sie schrieben die Einkoch-Abende aus, sammelten in Innsbruck Glasflaschen und Gläser. Der Verein gewann bald an Größe, die Ressourcen, die gesammelt wurden, waren nicht nur materiell, sondern auch immateriell. Gleichzeitig nutzte der Verein zu Beginn zum Kochen noch die Küche eines Cafés außerhalb dessen Öffnungszeiten. „Leerstandsbespielung“ nennt sich das im urbanen Fachjargon; die Café-Betreiber bekamen dafür keine Miete, sondern Marmeladen. Mittlerweile operiert der „Feld“-Verein aus der Innsbrucker Kulturbäckerei heraus (deren Betreiber wiederum leiten die Bar im Alpbacher Hallenbad während des Forums).

Während der Verein nach der Seminarwoche auch noch heute, Montag, und am Mittwoch im Hallenbad Forumsgäste versorgt, gibt es einige nachdenkliche Stimmen seitens des Teams. Die jungen Menschen, die während der Seminarwoche weltpolitische Themen diskutierten, sich engagieren und kritische Geister sein wollen, hätten kein Gefühl gehabt für den Wert des Essens, beschreiben Dieringer und Sacher ihre Beobachtungen. „Die Frage war immer: Wie viel kostet es?“, sagt Dieringer. „Niemand hat gefragt: Was gibt es zu essen?“

Web: www.feld-verein.at

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Für den Mittagstisch im Alpbacher Hallenbad

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.