„Für Pessimismus ist es zu spät“

Klimawandel. Gernot Wagner ist ein Jungstar unter den Klimaökonomen. Der Erfolgsautor greift auch das heißeste Eisen an: Sollen wir Schwefeldioxid in die Stratosphäre pumpen, um uns zu schützen?

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Gernot Wagner
Gernot Wagner – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Unser Planet ist ein Patient, sein Leiden ist akut: Keine Sorge, von solch dramatischen Appellen hält Gernot Wagner wenig. Stattdessen nutzt der Jungstar unter den Klimaökonomen, der es aus Amstetten nach Harvard geschaffthat,Vergleiche dieser Art lieber zur Lösungssuche. Also, ganz konkret: „Was macht ein Arzt bei einem stark übergewichtigen 55-Jährigen mit einem Herzschaden?“ Natürlich wäre es besser, „er hätte Salat gegessen und wäre laufen gegangen“, und auch jetzt noch ist ihm beides zu empfehlen. Aber wir wissen: Er würde dem Rat nicht folgen. Damit bleiben als Notmaßnahmen nur eine Gefäßstütze und blutverdünnende Medikamente.

Umgelegt auf den Klimawandel: „Geo-Engineering“, der bewusste Eingriff in Naturabläufe. Hier: das Befördern von Aerosolen in der Stratosphäre. Geringe Mengen an Schwefeldioxid könnten dort das Sonnenlicht reflektieren und so die erdnahen Luftschichten kühlen. Heiß diskutiert und hoch umstritten, weil wir über die Folgen noch wenig wissen. Aber doch kein Fall für Ökonomen, oder? „Von wegen!“, meint der Koautor von „Klimaschock“, dem Wissenschaftsbuch des Jahres. Denn das „größte Risiko“ liege nicht in neuen Möglichkeiten, sondern darin, wie wir auf sie reagieren.

Trittbrettfahrer und Selbsthilfe

Seit seiner Matura-Fachbereichsarbeit forscht der heute 37-Jährige zum Klimawandel, mit heißem Herz und kühlem Kopf. Er hat keinen Führerschein und ist Vegetarier. Aber er weiß genau: Damit lässt sich die Erderwärmung nicht aufhalten. Freiwilliger Verzicht und teure Investitionen scheitern am Problem der Trittbrettfahrer: Es ist für den Einzelnen immer günstiger, wenn er die anderen machen lässt. Beim Geo-Engineering aber ist es genau umgekehrt: Einen Ballon mit Schwefeldioxid steigen zu lassen, ist allzu einfach und billig. Jeder Millionär, der seine Villa am Meer retten will, könnte im großen Stil zur Selbsthilfe greifen – noch bevor die Naturwissenschaftler ihr grünes Licht für die „Chemotherapie“ geben.

Politiker aber „trauen sich über das Thema nicht drüber“. Denn, „wenn sie etwas unterlassen, verzeihen das die Wähler, für ihr aktives Handeln aber müssen sie geradestehen“. Sie warten also, bis die Forschung alle Zweifel aus dem Weg räumt. Was jedenfalls zu lange dauert: „Die Zeit ist nicht unser Freund.“ Die größte Gefahr aber liege in der erwartbaren Reaktion von uns an allen: Wenn sich die Durchschnittstemperatur so einfach stabilisieren lässt, geben wir uns mit der Symptombehandlung zufrieden und packen das Übel nicht mehr an der Wurzel. Was ebenso falsch wäre, wie wenn der Herzkranke, den die Stents vorerst gerettet haben, „weiter täglich seine Hamburger isst“.

Kein Durchbruch ohne den Markt

Anders als viele seiner Kollegen blickt Wagner nicht nur auf die wahrscheinliche mittlere Erwärmung, sondern auch auf mögliche Extreme: Wenn die Temperatur auch nur mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit um ganze sechs Grad steigt, darf unser Risikomanagement das nicht ausblenden. Beim Kampf gegen die Ursachen – den CO2-Ausstoß von Verkehr und Industrie – folgt Wagner dem Konsens seiner Zunft. Er setzt auf die Mechanismen des Marktes: Emissionszertifikate (wie in der EU und Kalifornien) oder eine CO2-Steuer (wie in der kanadischen Provinz British Columbia). Der richtige Preis: 35 bis 40 Dollar pro Tonne, weniger würde die wahren Kosten nicht abbilden. Der Austro-Amerikaner plädiert aber nicht nur deshalb für den Markt, weil er effizienter wirkt als staatliche Verbote und Subventionen. Die gedankliche Dreh ist ein anderer: Eine starke Erderwärmung mit allen katastrophalen Folgen lasse sich nur noch durch große Innovationen vermeiden. Die dafür nötige menschliche Tatkraft könne sich nur im Markt entfalten, der den Einfallsreichtum seiner Akteure zugleich in dierichtige Richtung lenken muss. Wenn das gelingt, entsteht eine positive Eigendynamik, die auch der mächtigste Politiker der Welt nicht mehr stoppen kann: „Trump will die Erneuerbaren Energien bremsen und die Kohleindustrie wiederbeleben? Viel Glück!“

Freilich: Wenn die Anreize des Marktes in die falsche Richtung gehen, kann die Politik sie ebenso wenig stoppen. Deshalb lasse sich die die erfreuliche Ohnmacht des US-Präsidenten auch als „frustrierendes Zeichen“ deuten. Aber wenn es um den Klimawandel geht, sind wir zur Hoffnung verdammt: „Für Pessimismus ist es zu spät.“


[NSYYJ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2017)

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