Sarrazin: "Ich würde manches noch verschärfen"

Wer ihn kritisiert, habe seine Bücher nicht richtig gelesen, sagt Thilo Sarrazin. Der umstrittene Autor über Provokation als Methode und die Bedeutung seiner SPD-Mitgliedschaft.

Sarrazin wuerde manches noch
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Sarrazin wuerde manches noch
Sarrazin – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Herr Sarrazin, seit wann können Sie wieder sorglos im Café sitzen?

Thilo Sarrazin: Konnte ich immer.

Wir dachten, Sie hätten Polizeischutz.

Den habe ich nur bei öffentlichen Auftritten. Ansonsten kann ich mich in der Stadt frei bewegen, denn die meisten Leute haben ja gar nichts gegen mich.

 

Sie haben mit Ihren beiden Bestsellern „Deutschland schafft sich ab“ und „Europa braucht den Euro nicht“ sowie zahlreichen Interviews für Aufsehen gesorgt. Sind Sie das Sprachrohr für diejenigen, die sich von der Politik nicht mehr repräsentiert fühlen?

Sehen Sie, in der öffentlichen Diskussion zeigen sich immer wieder Wahrnehmungs- und Begründungslücken, greifen Teile der Politik und Medien auf bequeme, bloß opportune Denkfiguren und Vorurteile zurück und blenden einen Katalog von gesellschaftlichen Problemen aus. Das führt zu Problemstau und zu Missmut. Wer in diese Wahrnehmungs- und Begründungslücken mit einer klaren Sprache hineinstößt und sich dem Diktat politischer Korrektheit verweigert, der kann durchaus auf breite Resonanz stoßen.

 

Manche sehen in Ihnen das deutsche Pendant zu rechtspopulistischen Parteien in anderen europäischen Ländern. Nur eben nicht wählbar und ein wenig harmloser. Das hieße dann: Sie wären derjenige, der den Volkszorn artikuliert. Ein Wutgewinnler, Profiteur einer erregungsbereiten Masse.

Ach, das sind hilflose Versuche des Feuilletons, die Dinge zu erklären, vorgetragen von Medienleuten, die selbst gerne mal ein erfolgreiches Buch schreiben würden, und vor sich selbst irgendwie rechtfertigen müssen, weshalb sie das nicht tun. Es ist alles viel einfacher. Vor allem mit meinem ersten Buch habe ich die Existenz von muslimischen Parallelgesellschaften und die wachsende Dominanz bildungsferner, leistungsschwacher Schichten in der Grundgesamtheit der Bevölkerung angesprochen. Das sind Themen, die viele Menschen umtreiben.

 

Sie weisen unsere Erklärung ziemlich brüsk zurück.

Das mag sein. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu richten, weshalb sich Menschen für meine Überlegungen interessieren. Ich kann nur sagen: Ich stehe inhaltlich hinter jeder meiner Aussagen. Und offensichtlich finden diese Zustimmung. Was habe ich getan? Ich würde sagen, ich habe einige Trends miteinander verbunden, sauber recherchiert und Konsequenzen aufgezeigt; das ist alles.

 

Infolge Ihres Interviews in der Zeitschrift „Lettre International“ aus dem Jahre 2009 kam es sehr schnell zu einer Lagerbildung. Von zahlreichen Politikern und Journalisten wurden Sie vehement angegriffen und als Rassist beschimpft. Dann zeigte sich, dass breiten Teilen der Bevölkerung diese Attacken missfielen und sie sich eher auf Ihre Seite schlugen – ganz nach dem Motto: „Endlich sagt es mal einer“. Die Folge war, dass manche Medien umschwenkten und eine erstaunliche Bigotterie zeigten: Zuerst wurden Sie verteufelt, dann interviewt und gedruckt. Diese Bigotterie zieht sich bis heute durch.

Das stimmt, auch wenn die Front nicht ganz so einheitlich zwischen Medien und Bevölkerung verlief, wie Sie gerade behauptet haben. Aber man kann die Rezeptionsgeschichte dieses Interviews tatsächlich so deuten, dass hier Medienempörung und Publikumsempörung auseinanderklafften. Zunächst erregten sich zahlreiche Medienvertreter und selbst ernannte Integrationsexperten über mich. Das Publikum empörte sich wiederum über diejenigen, die mich auf eine alarmistische und hysterische Art und Weise attackierten. Und viele Menschen waren dankbar dafür, dass sich endlich mal jemand nicht von Ideologien und Sentimentalitäten leiten lässt, sondern sich einen klaren Blick bewahrt hat.

 

Einen klaren Blick? Dürfen wir zitieren? In dem besagten Interview mit „Lettre International“ heißt es: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin.“

Auch für dieses Zitat gilt: Man muss es im Zusammenhang des gesamten Textes sehen und verstehen. Es geht hier auf etlichen Seiten um das Bemühen, eine nüchterne, durch Zahlen und Statistiken fundierte Analyse der Situation in Berlin vorzulegen, die ich durch Schlussfolgerungen ergänze. Aber: Diese Schlussfolgerungen sind allesamt sauber empirisch belegt. Darauf kommt es an.

 

Sie wollen sich nicht von diesem Zitat distanzieren? Jetzt hätten Sie die Gelegenheit dazu.

Nein. Warum sollte ich? Grundsätzlich halte ich diese Sätze für eines meiner Meisterwerke, weil sie eine so starke kommunikative Wirkung entfaltet haben. Sie haben ein Thema gesetzt; das war ihre Funktion.

 

Demografische Kurven, historische Details, Ethnien, Völker, die andere Völker verdrängen: Ist das für Sie der Schlüssel zum Weltverständnis?

Sie kommen nun einmal nicht an der Erkenntnis vorbei, dass sich die Menschen durch Auswanderung aus Afrika über die Welt ausgebreitet haben. Oder daran, dass es unterschiedliche Stämme und Ethnien gibt und dass deren relative Ausbreitung, deren Überleben und Untergehen die Menschheitsgeschichte bestimmt haben.

 

Manchmal gehen offensichtlich die Gäule mit Ihnen durch, wenn Sie kritisiert werden. Sie haben den Politikwissenschaftler Gideon Botsch, der das Gutachten für das erste Parteiausschlussverfahren der SPD erstellt hat, um zu prüfen, ob die Aussagen in dem Originalinterview mit „Lettre International“ rassistisch waren, als „Afterwissenschaftler“ bezeichnet und sein Gutachten als „schleimig und widerlich“.

Das war keine Beleidigung. Er hat aus dem Interview, das ich „Lettre International“ gegeben hatte, in scheinwissenschaftlicher Manier völlig abstruse Schlussfolgerungen gezogen, indem er mir Rassismus unterstellte und diesen Begriff in einer völlig willkürlichen und unwissenschaftlichen Weise verwendete. Deshalb waren meine Bemerkungen keine Beleidigung, sondern pointierte Zusammenfassung einer sorgfältigen Analyse dieses Schriftsatzes.

 

Es gab dann noch ein zweites Parteiausschlussverfahren. Die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte damals, sie wäre froh, wenn Sarrazin endlich ginge. Wieso klammern Sie sich eigentlich so an eine Partei, die Sie nicht mehr haben möchte?

Falsch, ich klammere nicht. Ich hatte Gründe, die mich 1973 zum Eintritt in die SPD bewogen haben. Und die gelten, unabhängig vom aktuellen Führungspersonal, nach wie vor. Ich wurde Mitglied, weil ich der Meinung war, dass wir einen starken Staat brauchen, eine deutliche staatliche Umverteilung und ein Bildungssystem, das Chancengleichheit bietet. All das glaube ich noch immer. Übrigens hatten beide Ausschlussanträge ein derart erschütterndes intellektuelles Niveau, dass sie in vollem Umfang durchgefallen sind.

Sie mussten lediglich eine vage Erklärung abgeben, in der es hieß, Sie hätten nie die Absicht gehabt, Migranten zu diskriminieren und Grundwerte der SPD zu verletzen. Fühlen Sie sich noch als Parteimitglied wohl?

Oh ja, ich fühle mich als Parteimitglied sehr wohl.

 

Brauchen Sie die SPD-Mitgliedschaft auch aus strategischen Gründen? Wären Sie nämlich nicht in der SPD, könnte man Sie leichter als rechten Krawallmacher abkanzeln.

Es ist wahr, dass die SPD-Mitgliedschaft durchaus gegen den Rassismusvorwurf hilft. Die, die mich verleumden wollen, haben es schwerer, wenn eine Parteischiedskommission gesagt hat, dass meine Äußerungen nicht den Statuten der SPD widersprechen.

 

Sie halten hartnäckig daran fest, dass alles unproblematisch sei, was Sie gesagt haben. Gibt es irgendwelche Aussagen, die Sie bereuen oder heute anders formulieren würden?

Nein, nicht einen einzigen Halbsatz. Manches würde ich vielleicht sogar noch verschärfen.

 

Der Verlag hat hingegen einiges entschärft. Zum Beispiel wurde die Aussage, Menschen aus dem Nahen Osten hätten wegen der vielen Verwandtenehen dort häufiger „angeborenen Schwachsinn“, gestrichen.

Stimmt. Aus taktischer Rücksichtnahme habe ich zugestimmt, dass der Hinweis auf Studien herausgenommen wird, die im Übrigen völlig richtig sind.

 

Auch wenn Sie nichts zurücknehmen würden, waren Sie doch mit den Reaktionen auf Ihre Thesen nicht immer glücklich. Die NPD hat mit Aussagen von Ihnen geworben.

Jedes Mal, wenn die NPD versucht hat, mit Aussagen von mir zu werben, habe ich das gerichtlich untersagen lassen. Mit diesen Leuten und irgendwelchen anderen Idioten vom rechten Rand habe ich nicht das Geringste zu tun. Ansonsten ist mir wichtig, dass mir namhafte Wissenschaftler und Experten zustimmen und dass mir kein einziger sachlicher Fehler nachgewiesen wurde.

 

Wir haben noch eine Frage zum Schluss: Man hat uns erzählt, Sie hätten selbst einmal einen Intelligenztest gemacht. Stimmt das?

Das ist korrekt. Mein Intelligenzquotient wurde, als ich 27 Jahre alt war, gemessen. Und er liegt über dem Durchschnitt. Und doch ist mir bewusst, dass es deutlich intelligentere Menschen gibt, die ein anderes Abstraktionsvermögen besitzen. Ich hoffe, das reicht. Lassen wir es dabei bewenden.

»Gehetzte Politik«

Dieses Interview ist ein Vorabdruck aus dem Buch von Professor Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hg.): „Die gehetzte Politik. Die neue Macht der Medien und Märkte“. Es erscheint im Februar 2013 im Herbert von Halem Verlag.
http://die-gehetzte-politik.halem-verlag.de

Tübinger Studierende haben das Interviewbuch gemeinsam mit Pörksen (Medienwissenschaft) und Krischke (Journalist, Sprachwissenschaftler) verfasst. Zu Wort kommen u. a. Finanzminister Wolfgang Schäuble, der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit und der Philosoph Richard David Precht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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