Türkei: Die vielen Geschäfte des Bilal Erdoğan

Italien ermittelt gegen den Sohn des türkischen Präsidenten wegen Geldwäsche. Nicht zum ersten Mal wird der Erdoğan-Clan mit kriminellen Handlungen in Verbindung gebracht.

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Bilal Erdoğan – (c) APA/EPA/SEDAT SUNA

Wien/Ankara. Im Dezember 2013 kommt die Familie Erdoğan richtig in Stress. Eben haben die Behörden im Zuge von Korruptionsermittlungen eine Reihe hochrangiger Unternehmer und Politikersöhne festgenommen, als der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, früh am Morgen seinen Sohn Bilal anruft. Operationen seien im Gange, sagt er, er solle alles im Haus Befindliche wegschaffen. „Was könnte ich schon haben“, antwortet Bilal, „in der Kassa ist dein Geld.“ „Das meine ich ja“, sagt der Vater. Weitere Telefonate folgen, und nach hektischen Transfers von einem Konto auf das nächste bleiben bis zum Abend noch immer 30 Millionen Euro übrig. „Erledigt das, heute Abend kann ich nicht kommen“, sagt der Präsident.

Wenig später tauchen Mitschnitte dieser Gespräche auf YouTube auf und bringen die Präsidentenfamilie in die Bredouille. Dabei ist bis heute nicht gesichert, ob die Mitschnitte authentisch sind. Denn: Warum spricht der Präsident mit seinem Sohn über Konten und Schmiergeld, obwohl er weiß, dass er abgehört wird, wie er in einem Nebensatz erwähnt? Recep Tayyip Erdoğan ortet ein Komplott seiner Gegner, die Ermittlungen gegen seinen Sohn werden schließlich eingestellt. Fragen bleiben offen: Gibt es das Geld wirklich, und wo ist es? Unter anderem in Italien, vermutet der Medienunternehmer Murat Hakan Uzan. Vor wenigen Monaten hat er eine Anzeige gegen den 35-jährigen Bilal Erdoğan eingereicht, am Mittwoch wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Bologna die Ermittlungen gegen ihn aufgenommen hat. Der Vorwurf lautet auf Geldwäsche. Uzan, Mitglied einer vermögenden Familie, stand ehemals dem Medienimperium Star vor. Er soll sich selbst als Opfer der Erdoğan'schen Politik bezeichnen. Was Bilal betrifft, reihen sich die Geldwäschevorwürfe in eine Serie krimineller Aktivitäten, derer er beschuldigt wird. Erst im Dezember haben russische Medien berichtet, dass Bilal Erdoğan in den über die Türkei abgewickelten Erdölschmuggel der Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) involviert sei.

 

Keine Konten in der Schweiz

Hintergrund war der Abschuss einer russischen Rakete zwischen der Türkei und Syrien vergangenen November. Damit habe die Türkei die Ölgeschäfte retten wollen, hieß es aus Moskau, zumal die russischen Bomber rigoros die IS-Öltanker zerstören würden. Die Vorwürfe gegen ihn haben sich derart hartnäckig gehalten, dass sich Bilal Erdoğan zu einem raren Interview mit einem ausländischen Medium durchgerungen hat. Der mailändischen „Corriere della Sera“ sagte er, mit Ölgeschäften habe er nichts zu tun: „Der IS ist der Feind meines Landes. Ich sehe sie nicht als Muslime an.“ Seine Firma baue Gebäude in Istanbul. Und Konten in der Schweiz, wie kolportiert, besitze er auch nicht. Auf die Frage, woher denn sein Reichtum rühre, sagte der Präsidentensohn: Abgesehen von seiner Firma BMZ betreibe er fünf Restaurants in Istanbul.

Über die Rolle von BMZ spekulieren türkische Medien immer wieder. Gegründet wurde das Unternehmen 2013 von Bilal Erdoğan, seinem Onkel sowie Schwager als Reederei und Baufirma, wiewohl er die Reederei nicht aktiv betreibe, so Erdoğan gegenüber der italienischen Zeitung. Jedenfalls sollen mehrere Riesentanker im Besitz der Firma sein, die Erdöl quer durch das Mittelmeer verschiffen. Zuvor war der Harvard-Absolvent und Vater zweier Söhne an einer Kosmetik- und Lebensmittelfirma beteiligt.

Für mehr Gesprächsstoff sorgt aber seine Funktion in der Stiftung Türgev, die Studentenwohnheime baut, vermietet und Stipendien vergibt. Seine Schwester Esra sowie Mitglieder der regierenden AKP sind ebenfalls in der Stiftung. Offiziell erhält sich die Türgev über Spenden. Immer wieder tauchen jedoch Vorwürfe auf, dass die Stiftung Grundstücke geschenkt bekommt und sich die Schenker dadurch Erdoğans Gunst sichern (die Eröffnung eines Türgev-Wohnheimes in Wien stand kurzzeitig ebenfalls zur Debatte).

Seit mehreren Monaten nun weilt der Präsidentensohn in Italien. Wie auf der Flucht sei er aufgrund der vielen Vorwürfe ins Ausland gestürmt, rief damals die Opposition. Erdoğan selbst gab an, an der John-Hopkins-Universität das lange vernachlässigte Doktoratsstudium wieder aufnehmen zu wollen. Sein Widersacher Uzun behauptet: Hier führt er seine Geschäfte weiter. [ APA ]

AUF EINEN BLICK

Bilal Erdoğan. Der Sohn des türkischen Präsidenten, Jahrgang 1981, soll illegale Geldgeschäfte der Familie führen. Die Staatsanwaltschaft Bologna ermittelt gegen ihn wegen Geldwäsche. Erdoğan besitzt gemeinsam mit seinem Onkel und Schwager eine Reederei und Baufirma und ist in der Stiftung Türgev aktiv, die Studentenwohnheime baut. Um beide Organisationen ranken sich Gerüchte über Schmiergelder oder illegale Ölgeschäfte. Beides konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Erdoğan studierte an der renommierten Harvard Universität und war Praktikant bei der Weltbank. Derzeit hält er sich für sein Doktoratsstudium in Italien auf. Der ehemalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi war einer seiner Trauzeugen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2016)

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