„Er fragte Mitarbeiter in Geschichte ab“

Horst Teltschik, 77, gilt als Mitarchitekt von Kohls Außenpolitik. Wie er den verstorbenen Altkanzler erlebte und worüber Kohl und Mitterrand hinter den Kulissen sprachen. ?

Horst Teltschik (hinten) war knapp zwei Jahrzehnte lang an Kohls Seite.
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Horst Teltschik (hinten) war knapp zwei Jahrzehnte lang an Kohls Seite.
Horst Teltschik (hinten) war knapp zwei Jahrzehnte lang an Kohls Seite. – (c) imago/Sven Simon (imago stock&people)

Sie waren knapp zwei Jahrzehnte lang, bis 1990, als außenpolitischer Experte an Helmut Kohls Seite. Hat es Ihnen wehgetan, dass tagelang Familienzwist über die Trauerfeiern das Andenken an Kohl überschattete?

Horst Teltschik: Nur soviel: Ich halte es für unwürdig, was sich da abgespielt hat. Ich hätte es für selbstverständlich erachtet, wenn in Deutschland ein Staatsakt stattgefunden hätte – zusätzlich zu dem europäischen Trauerakt. Dass sich ein Anwalt eingemischt hat, ist zumindest ungewöhnlich.

 

Wie finden Sie als Vertrauter das Bild, das von Kohl nach dessen Tod gezeichnet wird?

Es ist zunächst einmal eine Ironie der Geschichte, dass ein solcher Mann erst tot sein muss, um so gewürdigt zu werden. Sein Lebenswerk war ja zu Lebzeiten bekannt. Aber da hat man den im Vergleich dazu marginalen Skandal mit der Parteispendengeschichte immer in den Vordergrund geschoben.

 

Fehlt Ihnen etwas in all den Porträts?

Angesichts der aktuellen Ereignisse: Er legte von Anfang an größten Wert auf enge Beziehungen zur Sowjetunion und dann zu Russland. Er war mit Boris Jelzin und eben Michail Gorbatschow eng befreundet, der mir selber einmal gesagt hat: „Wenn ich das Vertrauen in Kohl nicht gehabt hätte, wäre manches anders gelaufen.“

 

Kohl wird auch als sehr, sehr machtbewusst beschrieben.

Ein Politiker der an die Spitze will, muss doch so sein. Ein Beispiel: Helmut Kohl hat mich 1972 angeheuert. Damals war er Ministerpräsident. Ich bin dann zu ihm und habe gefragt, welche Perspektive ich als außenpolitischer Experte in Rheinland-Pfalz habe. Da kam die Antwort: „Ich will Bundeskanzler werden.“ Das war 1972, zehn Jahre bevor er es wirklich wurde. Und entgegen der Meinung von Franz Josef Strauß und Kohls Vorgänger Helmut Schmidt ist er auch ein großer Kanzler geworden.

 

Man tat ihn als Provinzpolitiker ab?

Ja, ich habe Kohl öfters gesagt, dass dies ein Vorteil für ihn sei, dass man ihn unterschätzt. Wobei Schmidt später Größe bewies: Er hat mir gegenüber eingeräumt, dass er Kohl unterschätzt habe und ihn später öffentlich gewürdigt – auch wegen der deutschen Einheit, die ja möglich wurde, ohne dass ein einziger Schuss fiel und mit der Zustimmung aller Nachbarn! Das hat nicht Kohl allein bewirkt, aber die Nachbarn haben eben Vertrauen in ihn gehabt.

 

Woher kam dieses Vertrauen, wie hat Kohl hinter den Kulissen die Gorbatschows und Bushs eingewickelt?

Er hat ja Geschichte studiert, und sich oft einen Spaß daraus gemacht, Mitarbeiter abzufragen – um ihnen deutlich zu machen, dass sie sich mehr um Geschichte kümmern müssen. Und vor jeder Auslandsreise holte er sich Geschichtsbücher über das jeweilige Land. Er hat mit Frankreichs Präsident François Mitterrand fast jedes Gespräch über historische Ereignisse begonnen.

 

Worüber redeten die beiden konkret?

Da ging's um Erfahrungen, die sie im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten. Kohl erzählte vom Tod seines Bruders und Mitterrand war ja in deutscher Gefangenschaft gewesen. Kohl redete immer in historischen Zusammenhängen. Ich erinnere mich, dass er mit Felipe González über den spanischen Bürgerkrieg sprach. Das hat ihm Spaß gemacht. Und als er 1987 Erich Honecker empfing, ging es auch um das Saarland, wo Honecker aufgewachsen war.

 

Das war 1987. Hatten Sie damals, vor dem Mauerfall, schon die Einheit im Kopf?

Das Ziel war, jede Reformentwicklung, jede Eruption in den Warschauer-Pakt-Staaten zu unterstützen, weil das Auswirkungen auf die DDR haben würde. Wir waren immer wieder in Prag, Budapest, Warschau, auch in Bukarest. Unsere Priorität war also Freiheit vor Einheit, weil demokratische und Wirtschaftsreformen der DDR zur Einheit geführt hätten. Dass es anders gekommen ist, hat die Geschichte bestimmt.

 

Also der Mauerfall. Hatte den wirklich niemand auf dem Zettel?

Nein. Da waren ja selbst die SED und das Politbüro überrascht. Aber wir hatten damals unglaubliches Glück. Es hätte ja nur ein Grenzbeamter schießen müssen – nur aus Angst – und es hätte vielleicht ein Blutbad gegeben. So ein Ereignis kann man nicht managen.

 

Kein Monat später überrumpelte Kohl Gorbatschow mit dem Zehn-Punkte-Programm, das aus Ihrer Feder stammt und am Ende die Einheit vorsah. Wie riskant war das damals?

Naja, Gorbatschow hätte die Grenzen spielerisch leicht schließen können. Und er hat ja unseren Plan zunächst abgelehnt und erklärt, das sei ein Diktat.

 

Auch die Alliierten wurden über Kohls Rede nicht oder zu spät informiert.

Ja, aber was wäre passiert, wenn Kohl vorher angerufen hätte? Selbst George Bush hätte gesagt: „Helmut, you know, I'm backing you, but let us talk about it.“ Der Plan hätte sich verschleppt. Und im Zweifel wäre er tot gewesen.

 

Kohl hatte hinter den Kulissen sicher auch Zweifel an der Einheit.

Nein, das habe ich mir immer wieder gedacht: Wir hatten nie gezweifelt, dass wir es schaffen können. Aber wir hatten mit fünf bis zehn Jahren bis zur Einheit gerechnet. Es war weniger als ein Jahr.

 

Hätte es die Einheit ohne Kohl gegeben?

Ich glaube schon. Im Ergebnis. Aber sicher nicht so schnell und vielleicht mit dramatischen Verwerfungen.

 

Welche Rolle spielte Österreich für Kohl?

1989/90 war Kanzler Franz Vranitzky wichtig, als es darum ging, dass Österreich die DDR-Flüchtlinge aus Ungarn – das waren ja zigtausende – ein- und durchlässt. Das ging sehr einvernehmlich. Kohl hatte immer enge Beziehungen zur ÖVP, etwa zum verstorbenen Alois Mock. Das war eine enge persönliche Freundschaft. Und er war jährlich in Österreich auf Urlaub.

 

Sie haben später jahrelang die Münchner Sicherheitskonferenz geleitet. Hand aufs Herz: War Politik nicht in Ihren Kohl-Jahren einfacher, weil es die großen Blöcke gab und nicht das globale Durcheinander von heute?

Ja und nein. Natürlich war die Welt aufgeteilt. Aber wir haben damals Fundamente gelegt, auf denen man heute hervorragend aufbauen könnte. Wenn die Europäer klug genug sind, haben sie eine Riesenchance, sich zu integrieren. Emmanuel Macron macht mir Hoffnung. Kanzlerin Angela Merkel sagt dagegen immer nur: Wir brauchen mehr Europa – ohne das zu konkretisieren.

 

Sie ist weniger mutig als Kohl?

Ja. Sie ist niemand, der bereit ist, langfristige Ziele zu benennen und über Strategien zu reden. Sie moderiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2017)

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