Wieso libysche Luftabwehr nur ein schwacher Gegner ist

Mangels starker Luftwaffe müsste die Flak die Hauptlast im Kampf gegen Flieger tragen. Sie ist zahlenmäßig stark, gilt aber als ineffektiv. Was an etwas liegt, das man „arabisches Rüstungssyndrom“ nennen kann.

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(c) EPA (LUCAS DOLEGA)

Die libysche Luftverteidigung, so urteilten erst im Vorjahr westliche Militärexperten, ist hinter jener Ägyptens die stärkste und umfassendste des afrikanischen Kontinents. Sie verfügt über mehrere hundert Raketenstartrampen (die genaue Zahl ist nicht bekannt) sowie viele teils radargesteuerte Maschinenkanonen.

Weil Libyens Luftwaffe mit ihren bestenfalls noch 50 einsatzbereiten Jagdbombern für westliche Luftwaffen keinen echten Rivalen darstellt, kommt der Flak die Hauptlast bei einer Luftintervention zu. Doch trotz ihrer auf dem Papier beeindruckenden Größe gilt sie als schwach. Was auch an etwas liegt, das man „arabisches Rüstungssyndrom“ nennen kann: Schwere Waffen werden in riesigen Mengen gekauft, aber dann miserabel gewartet und nachlässig behandelt, zu wenige Leute werden daran ausgebildet. Am Ende sind oft nur wenige einsatzbereit.

Der größte Teil der strategischen, also ortsfesten Luftabwehr, steht in Clustern an der Küste. Sie stützt sich zunächst auf ein System von 17 aktiven und vier inaktiven Radarstationen. Die Systeme sind russisch und „sehen“ Objekte in bis zu 400 Kilometer Distanz. Dazu dürfte Libyen fünf mobile italienische Tiefflieger-Radars besitzen. Interessanterweise ist fast ein Drittel der Radars um die Fliegerbasis Sabha in der südlichen Wüste konzentriert – hier bastelte Libyen an Boden-Boden-Raketen, heute ist Sabha ein Eckpfeiler für die Luftbrücke, über die Gaddafi Söldner und Versorgungsgüter einfliegt.

 

Konzentration an der Küste

Auch die eigentlichen Raketenbasen sind meist an der Küste (s. Karte S. 1). Es gibt drei Systeme: SA-2 „Guideline“ und SA-3 „Goa“ mit Reichweiten von 35 bzw. 25 Kilometern sowie SA-5 „Gammon“ (280 km). Die Raketen sind auf Batterien verteilt, die normal je sechs Werfer haben. Von der „Gammon“ soll es acht Batterien geben, von der „Goa“ 33, von „Guideline“ mindestens 18.

Die Batterien waren zuletzt auf 31 aktive Basen aufgeteilt, elf davon mit SA-2, 16 mit SA-3 und vier mit SA-5. Letztere bilden die Vorfeldverteidigung bis weit vor der Küste, die anderen die Nahbereichsabwehr. Zudem gibt es etwa 30 inaktive Flakbasen, von denen nicht sicher ist, ob sie im Ernstfall einsatzbereit gemacht werden können.

Fast alle Basen sind um Städte und Fliegerhorste an der west- und ostlibyschen Küste verteilt. Jene in Ostlibyen wurden meist von Rebellen besetzt und fallen für Gaddafis Luftschild aus. Zudem haben die weitreichenden Gammon-Raketen einen Nachteil: Was tiefer als 300 Meter fliegt, können sie, anders als die anderen Raketen, nicht bekämpfen. Flieger und Marschflugkörper können „unten durchschlüpfen“. Zudem gibt es am Südufer der Großen Syrte keine Flakbasen mit SA-2/SA-3, sodass hier ein Einflugstor aufklafft. Am dichtesten ist die Flak um Tripolis, hier stehen mindestens acht Batterien.

Neben der strategischen Luftabwehr gibt es auch mobile Systeme, etwa SA-8 „Gecko“ und die französische „Crotale“, sie sind auf die Armeeeinheiten verteilt. Über ihre Zahl ist wenig bekannt, sie haben aber allesamt Reichweiten unter 15 Kilometern.

 

Systeme veraltet und leicht störbar

Die Effektivität der Flak gilt als gering. Neben dem schlechten Zustand (auf Fotos sieht man Raketen, die auf Karren in der Wüste lagern und von Flugsand bedeckt sind) sind alle russischen Systeme veraltet. Solche wurden in vielen Kriegen eingesetzt und die Gegner konnten Erfahrung damit sammeln (John McCain, US-Präsidentschaftskandidat 2008, wurde als Pilot über Vietnam von einer SA-2 abgeschossen). Ihre elektronischen „Signaturen“ (quasi der Fingerabdruck der Radars) sind bekannt, man kann sie elektronisch stören. Auch können die meisten Batterien nur ein Ziel zur selben Zeit bekämpfen.

Als US-Bomber 1986 Tripolis und Bengasi angriffen, machte die libysche Flak keinen effizienten Eindruck: Nur ein Bomber wurde abgeschossen, obwohl hunderte Raketen in den Himmel jagten. Sowjetische Offiziere, die die Lage analysierten, klagten über den schlechten Zustand der Systeme und Unfähigkeit der Crews – dabei war Libyens Flak damals auf ihrem Höhepunkt, seither wurde sie nicht mehr modernisiert

Auf einen Blick

Der UN-Sicherheitsrat verhängte in Resolution 1973 unter Punkt 6 eine Flugverbotszone über Libyen. Dieses Verbot gilt aber ausdrücklich nicht „für Flüge, deren einziger Zweck ein humanitärer ist“. Darunter fallen Hilfslieferungen an Lebensmitteln und medizinischen Gütern sowie der Transport der entsprechenden Helfer. Ebenfalls ausgenommen sind Evakuierungsflüge, mit denen Ausländer in Sicherheit gebracht werden. Dass Kampfeinsätze der Staatengemeinschaft zur Durchsetzung des Flugverbots nicht unter selbiges fallen, versteht sich zwar von selbst, wird aber dennoch extra erwähnt. Alle UN-Mitglieder werden aufgefordert, die Flugverbotszone und die anderen Maßnahmen zu unterstützen.

Neben der Androhung militärischer Gewalt hat der UN-Sicherheitsrat die Wirtschaftssanktionen verschärft. Betroffen ist davon auch die Libyan National Oil Corporation, Geschäftspartnerin der OMV. Deren Engagement in Libyen könnte damit vorerst vor dem Aus stehen, sobald die EU – vermutlich Anfang nächster Woche – die UN-Sanktionen umsetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2011)

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