Venezuela: "Heiligenkult" um kranken Hugo Chávez

Nach einer weiteren Krebsoperation in Havanna dürfte sich der Gesundheitszustand von Venezuelas Präsidenten Chávez weiter verschlechtert haben. Die Minister des Revolutionärs beten für ihn im Fernsehen.

„Heiligenkult“ um kranken Hugo Chávez
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„Heiligenkult“ um kranken Hugo Chávez
„Heiligenkult“ um kranken Hugo Chávez – (c) EPA (MIGUEL GUTIERREZ)

Buenos aires/Caracas. Die Venezolaner müssen sich auf das Ende einer Epoche einrichten. Der Gesundheitszustand ihres Präsidenten Hugo Chávez hat sich während der letzten Tage des alten Jahres verschlechtert. Kenntnis bekamen sie davon durch eine TV-Ansprache des Vizepräsidenten Nicolás Maduro am Samstagabend, umgeben von Chávez' Tochter Rosa Virginia, deren Ehemann Jorge Arreaza, der Venezuelas Wissenschafts- und Energieministerium leitet, und der Generalstaatsanwältin Cilia Flores, der Ehefrau von Maduro. Der Gesundheitszustand des an Krebs erkrankten Präsidenten sei ernst, es habe zuletzt Komplikationen gegeben, die jedoch sofort behandelt worden seien.

Kommuniqué aus Havanna

Konkreter wurde Maduro nicht, aber die Tatsache, dass er sein Kommuniqué aus Kubas Hauptstadt Havanna verlas und dass er ankündigte, „auf Wunsch des Comandante“ auch die kommenden Tage auf der Insel zu bleiben, ließen in der Heimat die Alarmglocken schrillen. Postwendend sagte die Regierung alle öffentlichen Silvesterfeierlichkeiten ab, auch das traditionelle Großkonzert auf der Plaza Bolivar.

Sämtliche Minister der chavistischen Regierung beteten in einer vom Fernsehen live übertragenen Messe im Präsidentenpalast für die Genesung ihres Comandante. Seit Chávez' vierter Operation am 11. Dezember ähnelt das Staatsfernsehen, in dem üblicherweise die „Großtaten“ der Revolutionsregierung vorgeführt werden, einem Kirchensender. „San Hugo“ überschrieb die regierungskritische Tageszeitung „El Universal“ eine Kolumne über den Heiligenkult auf allen Staatskanälen.

Die magere Informationspolitik der Regierung – bis zu Maduros düsterer Einschaltung aus Kuba hat es ausschließlich zuversichtliche Kurzmeldungen gegeben – kontrastiert mit den Gerüchten. Schon seit Wochen wiederholen sich vor allem in den sozialen Netzwerken die Behauptungen, Chávez sei schon gar nicht mehr am Leben.

Dabei dürfte es sich wohl vor allem um Wunschdenken der im Internet aktiven glühenden Chávez-Gegner handeln. Allerdings erkannten Beobachter bereits vor Maduros Auftritt Anzeichen für Nachrichten, die schlechter sind als die offiziellen. So wollte Boliviens Staatspräsident Evo Morales nach der Visite bei seinem Freund und Förderer Chávez partout keine Fragen beantworten. Diese Aufgabe übernahm – und zwar in einer Diktion, die an die alte „Kreml-Poesie“ gemahnte – eine Sprecherin, die allerdings nicht auf Kuba war.

Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner flog gar total inkognito ans Krankenbett des „Compañero“ Chávez, mit dem sie seit Jahren eine enge private Freundschaft verbindet. Auch von ihr gab es anschließend kein Wort über den tatsächlichen Zustand des venezolanischen Patienten.

Korrekte Informationen

Alle Information über den Zustand von Chávez stammen von Nelson Bocaranda, dem inoffiziellen Sprecher des multinationalen Ärzteteams. Der venezolanische Journalist hat seit der ersten der inzwischen vier Krebs-OPs regelmäßig Informationen veröffentlicht, die sich später als korrekt erwiesen. In den zurückliegenden Wochen meldete er, dass Chávez auf dem OP-Tisch eine gefährliche Blutung erlitt, was die Regierung eine Woche später bestätigen musste. Auch die Infektion der Atemwege, die Chávez jetzt wieder plagt, wurde zunächst vom Reporter verkündet und später offiziell bestätigt.

Laut Bocaranda habe der Krebs – ein seltener und besonders bösartiger Weichteiltumor namens Rhabdomyosarkom – seit der Erstoperation im Juni 2011 Metastasen gebildet. Davon seien Knochen, die Bauchspeicheldrüse und eine Niere betroffen. Auch Chávez' langjähriger Chefideologe Heinz Dieterich erwähnte in einem Interview mit der chilenischen Zeitung „La tercera“ die Diagnose Rhabdomyosarkom.

Das offizielle Caracas behandelt Chávez' genauen Gesundheitszustand bis heute wie ein Staatsgeheimnis. Ob sich das noch lange aufrechterhalten lässt, wird sich bald zeigen. Am 10. Jänner müsste Chávez seine Präsidentschaft antreten. Die Wahl hatte er im Oktober unter anderem wegen der Behauptung gewonnen, er sei vom Krebs geheilt.

„Absolut“ oder „temporär“?

Sollte er es nicht schaffen, sein Amt anzutreten, muss das nach einer Säuberung zu Jahreswechsel inzwischen mit 100 Prozent Chavistas besetzte Höchstgericht entscheiden, ob Chávez' Ausfall „absolut“ oder „temporär“ ist. Um den Ausfall als befristet zu erkennen, was zwei Aufschübe der Amtseinführung um jeweils 90 Tage ermöglichen würde, wird das Höchstgericht allerdings schwer umhinkommen, ein ärztliches Gutachten einzuholen.

Dieser „temporäre Ausfall“ hat in den Planungen der Chavistas Priorität, angeblich hat die Gerichtspräsidentin schon das fertige Urteil in der Schublade. Doch die akuten Atemprobleme des Präsidenten scheinen das Land vor neue Fakten zu stellen.

Auf einen Blick

Hugo Chávez wurde am 11. Dezember bereits zum vierten Mal operiert. Unbestätigten Meldungen zufolge handelt es sich bei seiner Krebserkrankung um einen seltenen Weichteiltumor namens Rhabdomyosarkom, der seit der Erstoperation im Juni 2011 Metastasen in Knochen, der Bauchspeicheldrüse und den Nieren gebildet haben soll. Bei der jüngsten OP soll Chávez eine gefährliche Blutung erlitten haben, derzeit seien seine Atemwege infiziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2013)

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