Ägypten: „Ein Schweinestall ist humaner“

135 Gefangene in einer Zelle, Fäkalien auf dem Boden: Der Fall eines in Kairo inhaftierten Österreichers wirft ein Schlaglicht auf die Haftbedingungen am Nil.

Symbolbild Gefängnis
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Symbolbild Gefängnis – Clemens Fabry

Wien/Kairo. Elf Monate. So lange hatte Lisa Führinger ihren Mann Hannes nicht gesehen. Elf lange Monate, die der Österreicher im Tora-Gefängnis am Stadtrand von Kairo zubringen musste, in einer Massenzelle mit 60 Mitgefangenen und mehr. Dort vegetierte er quasi seit Ende 2011, seit er am Flughafen Kairo verhaftet wurde, weil er im Rahmen des ersten großen Auftrags seiner eigenen Sicherheitsfirma, einen Schiffstransport zu schützen, vier Gewehre eingeführt hatte. Deklariert.

Nach einem Prozess, der mit seinen Pannen und Vertagungen nach Kafka klingt, mit einem Staatsanwalt, der sagte, „Der Teufel hat es ihm eingegeben, aber Allah hat es vereitelt“, und einem Belastungszeugen, der zugab, alles nur aus zweiter Hand zu wissen, wurde Hannes Führinger am 25. März wegen Waffenschmuggels zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Doch es kam noch schlimmer. Dieser Tage hatte Lisa Führinger endlich wieder die Möglichkeit nach Kairo zu fliegen und ihren Mann zu besuchen. Bei den ersten beiden Visiten vergangene Woche war noch alles normal, soweit man von Normalität sprechen kann. Doch beim dritten Mal war Hannes Führinger plötzlich nicht mehr da. Verlegt in ein anderes Gefängnis, wie man ihr mitteilte. Und plötzlich erschienen die schwierigen Haftbedingungen im Tora-Gefängnis als das kleinere Übel: „Sie werden behandelt wie Tiere“, erzählt eine hörbar erschütterte Lisa Führinger der „Presse“ nach ihrer Rückkehr aus Kairo: „135 Menschen in einer Massenzelle, so wenig Platz, dass er sitzend schlafen muss, überall auf dem Boden Fäkalien.“ Hannes Führinger und sein deutscher Kompagnon, der zu zwei Jahren verurteilt wurde, sind die einzigen Ausländer. Der Rest: vor allem Einheimische, vor allem Schwerverbrecher. Niemand, der nur ein Wort Englisch spräche.

 

Enorme psychische Belastung

„Ich habe meinen Mann noch nie so erlebt“, sagt Frau Führinger: „Er hatte Fieber, und er hat wieder abgenommen. In einem Schweinestall wären die Bedingungen humaner.“ Die psychische Belastung ist mittlerweile enorm, für beide.

In der neuen „Zelle“, ist nicht einmal Platz für die meisten Habseligkeiten von Hannes Führinger. Zwei Taschen voll hat er seiner Frau mitgegeben. Dafür hat die Gefängnisleitung die Hälfte der mitgebrachten Lebensmittel nicht durchgelassen.

Zurück in Wien bleibt Lisa Führinger nur die Hoffnung, dass die Botschaft durch massiven Druck eine Verbesserung der Haftbedingungen erreicht, oder gar die Verlegung in ein „besseres“ Gefängnis. Und sie setzt nun neben der Diplomatie auch auf die Politik: „Bisher hieß es, in ein laufendes Verfahren können wir uns nicht einmischen. Doch jetzt ist er ja verurteilt und nicht mehr in U-Haft“, appelliert sie an die Regierung, sich einzuschalten.

Doch Hannes Führinger will kämpfen. Er will in Berufung gehen. Sein ägyptischer Anwalt bereitet den Einspruch vor. Erfahrungsgemäß kann es aber neun Monate dauern, bis das Gericht überhaupt entscheidet, eine Revision zuzulassen. Und dann geht alles wieder von vorn los.

 

Lebensmittelpakete

Von Österreich aus ihrem Mann zu helfen, in Ägypten seine Verteidigung zu organisieren, wäre schon schwierig genug, wenn das Justizwesen am Nil einigermaßen transparent wäre. „Es ist aber nicht möglich, verbindliche Informationen zu bekommen“, klagt Lisa Führinger. Egal, ob es sich um die Modalitäten des Gefangenenbesuchs, Verfahrensregeln oder Zuständigkeiten handelt: Immer wieder wurde sie im Kreis geschickt, immer wieder erwiesen sich Informationen schlicht als falsch, immer wieder zeigte sich, dass auch eine Genehmigung wenig bringt, wenn der Beamte im Gefängnis sie nicht anerkennt.

Und so kann Lisa Führinger vorerst nur weiter Lebensmittelpakete nach Kairo schicken. Und hoffen, dass ihr Mann zumindest einen Teil davon erhält.

Auf einen Blick

Hannes Führinger (33) wurde im November 2011 auf dem Flughafen Kairo verhaftet. Der Burgenländer hatte den Auftrag, einen Schiffstransport zu schützen und zu diesem Zweck vier Mosin-Nagant-Gewehre samt Munition im Gepäck, beides deklariert. Im März 2013 wurde er wegen Waffenhandels zu sieben Jahren Haft verurteilt. Über die Facebook-Seite „Freedom for Hannes Führinger“ versucht seine Frau, auf den Fall aufmerksam zu machen. Dort ersucht sie auch um finanzielle Unterstützung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2013)

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