Die Retterin der Schildkröten

Im Trauma-Zentrum für Schildkröten in Kanadas Provinz Ontario werden schwer verletzte Tiere operiert, versorgt und wieder ausgesetzt. Nur so kann der Bestand erhalten werden.

Eine Schnappschildkröte im Trauma-Zentrum. 70 Prozent der Patienten können wieder ausgesetzt werden.
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Eine Schnappschildkröte im Trauma-Zentrum. 70 Prozent der Patienten können wieder ausgesetzt werden.
Eine Schnappschildkröte im Trauma-Zentrum. 70 Prozent der Patienten können wieder ausgesetzt werden. – (c) Gerd Braune

Vorsichtig nimmt Diana Morrison die Schildkröte aus dem Wasserbecken. „Das ist Andrea, unser Liebling.“ Andrea ist eine Amerikanische Sumpfschildkröte. Ihr Panzer ist gelb gefleckt. Sie hat den Kopf eingezogen. „Andrea wurde von einem Auto überfahren. Sie verlor ihr rechtes Auge. Auf dem linken Auge kann sie kaum etwas sehen. Ihr Panzer war zerbrochen. Sue, unsere Tierärztin, hat ihn zusammengeflickt.“ Die Schildkröte überlebte, aber in freier Natur hätte das sehbehinderte Tier keine Chance. Daher bleibt sie in der Obhut der Menschen.

Die Schildkröte lebt in einem geräumigen Becken im Ontario Turtle Conservation Centre in Selwyn bei Peterborough, 150 Kilometer nordöstlich von Toronto nahe des Kawartha-Seengebiets. Morrison leitet die Verwaltung des Zentrums, das für sein Schildkrötenspital bekannt ist. Im Kawartha Turtle Trauma Centre werden verletzte Schildkröten operiert und gepflegt. Sue Carstairs ist die leitende Tierärztin und Schildkrötenchirurgin. Im Sommer herrscht Hochbetrieb. In der Eingangshalle des kleinen Schildkrötenhospital gibt eine Schautafel die Patientenzahl an. 706 waren es Ende Juli, zehn Tage später bereits mehr als 740.

Täglich werden verletzte Tiere gebracht. „Sie werden von Autos überfahren, von Motorbooten verletzt, sie verschlucken Angelhaken oder werden von Hunden gebissen. Viele Tiere haben dramatische Verletzungen“, berichtet die Tierärztin. Sie trägt einen blauen OP-Kittel und eine Kopflupe. Gerade hat sie eine Operation beendet. Zwanzig Operationen an einem Tag sind keine Seltenheit. Seit 30 Jahren ist sie Tierärztin, seit 2009 in Selwyn.

Bedrohte Tiere

Dicht an dicht stehen blaue und graue Plastikwannen mit den Patienten auf dem Fußboden oder in Regalen. Lampen spenden Licht und Wärme. „Es ist sehr beengt. Wir brauchten dringend ein größeres Gebäude“, sagt Carstairs. Das Ontario Turtle Conservation Centre ist eine von Spenden abhängige gemeinnützige Organisation. Für Forschungsprojekte und Feldarbeit bekommt es Zuschüsse der Provinz. Acht Schildkrötenarten sind in der kanadischen Provinz Ontario beheimatet. „Alle brauchen unsere Hilfe“, sagt Sue Carstairs. Die Roten Listen stufen sie als bedroht, gefährdet oder potenziell gefährdet ein.

Aus ganz Ontario werden Tiere nach Selwyn gebracht. Eine Kurierin trifft ein und reicht Carstairs einen Karton. „Das sieht böse aus“, sagt die Veterinärin. In der Kiste liegt ein Tier, dessen Panzer völlig zersplittert ist. Es blutet. Vorsichtig berührt Carstairs die Beine, begutachtet den Kopf. Dann muss sie feststellen: „Da ist nichts mehr zu machen. Sie ist vermutlich schon tot.“

Aber meist kann sie helfen. Ein weiteres verletztes Tier wird sediert und bekommt Medikamente gegen den Schmerz. Die OP-Lampe leuchtet den zerbrochenen Panzer aus. So kann die Ärztin erkennen, ob Organe verletzt sind. Muss sie steril operieren, wird das Tier mit OP-Tüchern abgedeckt, so dass nur noch die Operationsstelle frei liegt. Tiefgehende Operationen nimmt die Ärztin nur im Ausnahmefall vor, da die Organe schwer zu erreichen sind. Sie setzt auf die Selbstheilung der Natur, die sie medikamentös unterstützt.

Das Zusammenfügen zerbrochener Panzer ist ihre Hauptarbeit. Carstairs nimmt einen Bohrer und bohrt vorsichtig am Panzerrand, wo sie keine Weichteile verletzen kann, Löcher in die einzelnen Teile. Dann wird Draht durch die Löcher geführt, der Panzer wieder zusammengeschoben und mit dem Draht stabilisiert. Auf dem Panzerrücken, durch den sie nicht bohren kann, halten Pflaster oder Klammern die Teile zusammen.

Carstairs begutachtet Röntgenaufnahmen. Sie erkennt sofort zwei Angelhaken. „Die Entfernung der Haken ist sehr schwer. Sie können tief im Halsbereich sitzen oder weiter nach unten wandern. Ich versuche, Angelhaken durch das Endoskop aus Rachen oder Speiseröhre zu entfernen. Im schlimmsten Fall muss ich ihn durch operativen Eingriff in die Bauchhöhle oder den Darm entfernen.“

„70 Prozent der Tiere, die uns gebracht werden, können wir erfolgreich wieder in der Natur aussetzen“, sagt Carstairs. „Jedes einzelne Tier ist so wichtig.“ Bei Schildkröten dauert es viele Jahre, bis der Kreislauf der Natur ein getötetes Tier ersetzt. Die Weibchen legen zwar jedes Jahr viele Eier, zehn bis 20, alte Schnappschildkröten bis zu 60. „Aber weniger als ein Prozent der Eier führen zu einem Tier, das das Erwachsenenstadium erreicht. Viele geschlüpfte Tiere werden von anderen Tieren gefressen oder überfahren. Überleben sie diese gefährliche Phase, dauert es 20 Jahre, bis eine Schildkröte selbst Eier legt.“ Besonders lang dauert es bei Schnappschildkröten. Statistisch werden 1500 Eier benötigt, und es dauert 59 Jahre, um eine weibliche Schnappschildkröte in der Natur zu ersetzen. „Daher ist es so wichtig, ältere Tiere nach Unfällen zu heilen“, sagt Carstairs.

Langsame Heilung

Mindestens acht bis zwölf Wochen bleiben Tiere nach einer OP im Krankenhaus. „Schildkröten heilen gut, aber langsam“,sagt die Ärztin. Sie kniet auf dem Boden zwischen Wannen mit Patienten. Vorsichtig entfernt sie das Pflaster vom Panzer einer Schnappschildkröte. Zum Vorschein kommt das rote Innere des Tieres. „Eine typische Verletzung“, sagt sie. Der Panzer wurde an mehreren Stellen weggerissen. Fühlen sich die Tiere bedroht, stellen sie sich auf ihre Beine, um den Feind abzuschrecken. Mit fatalen Folgen, wenn es ein Auto ist: Das Fahrzeug schleift über die Schildkröte und reißt Panzerteile ab. „Diese Schildkröte hat starke Schmerzen. Sie erhält ein synthetisches Opioid und wird mit Antibiotika behandelt.“ Die Ärztin tupft die Wunde ab und legt einen neuen Verband an.

Hinter dem Krankenhaus informiert das Zentrum in einem Garten mit Freigehegen über die Bedeutung der Schildkröten für das Ökosystem. Sie fressen kranke Fische, verwesende Tiere und Pflanzen, halten die Wasserwege offen und dienen selbst als Futter für andere Tiere. „Wir müssen Feuchtgebiete schützen. Wir müssen bei der Bauplanung Rücksicht auf Schildkröten nehmen. Wir müssen Tunnels bauen, durch die sie Straßen unterqueren können, und Zäune, die zu diesen Tunnels führen.“

Tausende Schildkröten hat sie bereits geheilt. Aber sie sagt: „Wir können als Krankenhaus Soforthilfe leisten. Wenn aber jemand einer Schildkröte hilft, eine Straße zu überqueren, tut er mehr für den Erhalt des Bestandes als wir im Krankenhaus.“ Dann kehrt sie zurück an den OP-Tisch. Der nächste Patient wurde eingeliefert.

Fakten

Im Kawartha-Seengebiet nordöstlich von Toronto und weit verbreitet in der gesamten kanadischen Provinz Ontario leben acht heimische Schildkrötenarten. Sie sind in Seen, Teichen, Flüssen, Marschland und Sümpfen zu finden.

Die Arten. Neben Sumpfschildkröten findet man dort Zier- und Landkarten-Höckerschildkröten, Moschus-, Tropfen- und Weichschildkröten, Waldbach- und Schnappschildkröten. Sieben der acht Arten gelten als gefährdet.

Eingebürgert. Nicht zu den heimischen Schildkrötenarten Kanadas gehört die Rotwangen-Schmuckschildkröte mit den charakteristischen roten Streifen am Kopf. Die im Süden der USA heimische Schildkröte war auch in Kanada – wie in Europa – ein beliebtes und billiges Aquarientier. Viele aber wurden von „Tierliebhabern“ ausgesetzt, sobald sie nicht mehr die putzigen kleinen Tierchen waren, und sind nun in Kanada und Europa eine „invasive“ eingebürgerte Art.

Das Trauma-Zentrum. Während im Jahr 2011 272 verletzte Schildkröten behandelt wurden, stieg die Zahl 2012 auf 664. In diesem Jahr sind bereits über 740 verletzte Tiere ins Zentrum gebracht worden.

Mehr Informationen unter ontarioturtle.ca

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2017)

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