Roma: Das vergessene Volk

In Osteuropa leben zehntausende Roma am Rande der Gesellschaft: ausgestoßen, ohne Jobs und ohne Bildung. Doch nicht wenige haben auch bewiesen, dass "Roma" nicht einfach ein Synonym für "Sozialfälle" ist.

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HUNGARY ROMA DEMONSTRATION – (c) EPA (Kosztucsak Szilard)

Melindas Antwort schockierte. Minutenlanges Schweigen, dann fanden ihre Mitstudenten die Fassung wieder: „Also, du bist wirklich eine Romni?“ „Ja.“ „Das heißt, deine Mutter und dein Vater sind Roma?“ „Ja, und ich bin stolz darauf.“ Nur kurz zuvor hatte Melindas Universitätsdozentin gefragt, warum sich die 22-Jährige denn so sehr für Roma-Themen interessiere. Und die Begründung erhalten: „Weil ich selbst eine bin.“

Über Melinda Kardos' Gesicht huscht ein Schmunzeln, als sie erzählt, wie ihr Outing ihre Kollegen und ihre Dozentin gleichermaßen verwunderte wie verstörte. Denn davon, was Roma sind, haben viele in Rumänien ein klares Bild: Roma sitzen in zerlumpter Kleidung am Straßenrand und strecken Passanten die ungewaschenen Hände entgegen, um Almosen zu erbetteln. Roma sind die, die nicht arbeiten wollen, sich besaufen und sich mit Gaunereien durchs Leben schlagen. Eine strebsame, intelligente Psychologiestudentin in einem Hörsaal an der Uni in Cluj-Napoca (Klausenburg) – das passt so gar nicht ins Stereotyp Roma.

„Viele Roma-Kinder hätten das Potenzial zu studieren“, sagt die junge Frau. Doch viele erhalten nie eine Chance. Nicht die Chance, zu studieren oder einen ordentlichen Schulabschluss zu machen. Nicht die Chance auf eine Arbeit, von der man sich und seine Familie ernähren kann. Nicht die Chance auf ein Leben in Würde.

Gefangen in einem Teufelskreis. Von den etwa acht Millionen Roma in Europa leben viele als Außenseiter am Rand der Gesellschaft. Gerade in Ost- und Südosteuropa, wo 70 Prozent der Roma wohnen, oft gefangen in einem Teufelskreis: Sie kommen aus einem mittellosen Elternhaus mit niedrigem Bildungsniveau, gelten damit von vornherein als „dumm“ und werden in Sonderschulen abgeschoben.

Auch Gustav und Eva schienen nie eine Chance gehabt zu haben. Arbeit? Gustav schüttelt den Kopf: Nein, Arbeit hat er nicht. Der 37-Jährige stapft jeden Tag mit seinem ältesten Sohn durch die verschneiten Wälder rund um den ostslowakischen Ort Lomnička. Um Holz zu holen für den alten Ofen, der etwas Wärme in das kahle Zimmer bringt. Nur die Glut im Ofen und eine schwache Glühbirne an der Decke spenden Licht. Es riecht nach Rauch. Von den Wänden bröckelt der Verputz. Auf einem zerschlissenen Teppich stehen drei Betten, rauben Platz in dem engen Raum. 30Quadratmeter für Gustav, seine Frau Eva und ihre neun Kinder.

Potemkinsche Integration. Die schwangere Eva drückt ihre Tochter Sandra fester an sich. Zwei Jahre ist die Kleine alt, doch sie sieht deutlich jünger aus. Eine Stoffwechselerkrankung hemmt Sandra in ihrer Entwicklung. Sie braucht spezielle Milch – schwer aufzutreiben für die mittellose Familie. Einen Job haben in Lomnička nur etwa 30 Personen, meist als Hilfsarbeiter in der Hauptstadt Bratislava. Dabei leben 2200 Menschen in dem Ort, 1500 davon sind jünger als 18, alle sind Roma.

Über die verschneiten Wegen zwischen den niedrigen Häusern toben Kinder. Ihr Johlen vermischt sich mit dem fernen Bellen von Hunden. Vor dem Gemeindeamt hat sich eine große Schar versammelt. Heute wird Sozialhilfe ausbezahlt. Unter die Wartenden haben sich auch Wucherer gemischt – Roma, die anderen Roma zu horrenden Zinsen Geld verleihen. Sie sind gekommen, um ihren Gläubigern alles sofort wieder abzunehmen und sie damit noch tiefer in Abhängigkeit und Armut zu stürzen.

Während der kommunistischen Herrschaft hatten alle Roma aus Lomnička offiziell Arbeit: in den Wäldern oder als Hilfsarbeiter in der Industrie. Doch ihre „Integration“ war potemkinscher Natur. Denn auch die Kommunisten hatten keine Ambitionen, die soziale Situation der Roma nachhaltig zu verbessern. Sie wiesen ihnen nur einfache Tätigkeiten zu, kümmerten sich nicht darum, ob der verpflichtende Schulbesuch den Roma-Kindern auch bessere Bildung brachte.

Als Ende der Achtziger-, Anfang der Neunzigerjahre Osteuropas kommunistische Systeme einstürzten, gehörten viele Roma zu den ersten Verlierern der Wende. Plötzlich waren ihre Jobs weg. Ihre einfachen Tätigkeiten in ohnehin sterbenden Betrieben brauchte in der neuen Marktwirtschaft niemand mehr. Viele bekamen nie mehr ordentliche Beschäftigung. Das Resultat: eine große Zahl von Menschen ohne ausreichende Bildung, die seit 20Jahren nicht mehr in der Arbeitswelt richtig Fuß fassen konnten – mit all den Problemen, die das mit sich bringt.

„Diese Probleme sind kein ethnisches, roma-typisches Phänomen“, meint Roma-Experte Alexander Mušinka von der Universität im slowakischen Prešov. „Arme Menschen, egal aus welchem Volk, benehmen sich immer annähernd gleich: geringe Bildung für die Kinder, Abgleiten in Alkohol, Kleinkriminalität. Sobald sie es auf ein höheres soziales Niveau schaffen, verschwinden diese Verhaltensweisen.“

Hilfe durch die Caritas. Doch für die, die abgeglitten sind, ist der Weg aus der Misere nicht einfach. „Wir haben nicht die Mittel, um die Armut in Lomnička zu beseitigen“, sagt die Ordensschwester Terézia Krausová. „Wir wollen nur die glücklichen und traurigen Momente mit den Menschen hier teilen, wollen ihnen zeigen, dass es jemanden gibt, der sich um sie kümmert.“ Krausová verteilt mit anderen Ordensschwestern Medikamente, Milch und Kleidung, gibt den Kindern Nachhilfeunterricht. Hilfe kommt von der Caritas Österreich, die sich in ihrer Kinderkampagne 2010 „Gemeinsam Wunder wirken“ den ärmsten Kindern in Osteuropa widmet. Die Caritas unterstützt dabei auch Schulprojekte. „Nur mit einer guten Ausbildung haben die Kinder eine Chance auf Arbeit und damit auf eine bessere Zukunft“, meint Caritas-Präsident Franz Küberl.

Branislav besucht die Schule in Lomnička gerne. „Mein Lieblingsgegenstand ist Mathematik“, erzählt der Zwölfjährige. Schwierig? Nein, schwierig sei Mathematik nicht, meint Branislav und lacht. Sein großer Traum: „Ich will Eishockeystar werden.“ Doch Branislav kehrt von seinen Bubenträumen rasch in die Realität zurück. „Wichtig ist, erst mal Arbeit zu finden.“ Etwa in Podolinec, der nächstgrößeren Stadt oder am besten im Nachbarland Tschechien. Hier in Lomnička sieht er keine Zukunft. Sein Vater hat schon in Tschechien auf Baustellen gearbeitet.

Die Wirtschaftskrise hat Jobs in Osteuropa noch rarer gemacht, gerade für viele Roma. Auch für Roma, die gut ausgebildet sind – wenn ihre potenziellen Arbeitgeber wissen, dass sie dieser Volksgruppe angehören. Egal, wie qualifiziert der Bewerber sein mag: Für viele in der Mehrheitsbevölkerung ist er nicht mehr als ein arbeitsscheuer Kleinkrimineller. „Von einem Rom wird doppelt so viel verlangt wie von einem Nichtrom“, meint der Student Alpár aus eigener Erfahrung.

Viele bekennen sich deshalb nicht dazu, Roma zu sein. Und die Scheu davor wird immer größer. Denn in ganz Osteuropa beuten rechtsextreme Parteien wie die slowakische „Pospolitost“ und die ungarische „Jobbik“ die Vorurteile gegen Roma aus, verstärken sie, schüren Hass, um die Kluft zwischen Roma und „Weißen“ zu vertiefen und davon politisch zu profitieren.

Welches der Kinder Rom ist und welches nicht, spielt im Sozialzentrum „Integretto“ im rumänischen Ort Ardud keine Rolle – und ist auch gar nicht zu erkennen. Das Zentrum wird von der Caritas Satu Mare betreut, die Caritas Österreich unterstützt das Projekt. Aufgenommen werden hier Kinder aus sozial schwachen Familien: Ungarn, Rumänen, Roma – um ihnen kreative Freizeitbeschäftigungen zu bieten, sie auf die Schule vorzubereiten, mit ihnen zu lernen. Auch Imre Lakatos' Kinder besuchen das Zentrum. Der 33-Jährige wohnt mit seiner Familie im Roma-Viertel von Ardud, versucht mit Tagelöhnerarbeiten auf der Baustelle und im Wald Geld zu verdienen. Einen besseren Job zu finden ist schwierig, denn eine Schule hat Imre Lakatos nie besucht. Voll Bewunderung blickt er auf seine achtjährige Tochter Lidia, die in einem ihrer Bücher blättert. Das Mädchen hat Großes vor: „Ich will einmal Ärztin werden.“

Melinda Kardos und ihre Schwester Ilike haben es geschafft, vom Roma-Viertel in Ardud an die Uni Cluj-Napoca. Sie haben gezeigt, dass Roma nicht einfach ein Synonym für „Sozialfälle“ ist – wie sehr das ihre Umgebung verwundern, ja schockieren mag. „Die Eltern müssen ihre Kinder in der Schule unterstützen“, sagt Melinda. „Und die Roma-Kinder dürfen sich von niemandem die Träume nehmen lassen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)

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