Kindergarten: Männer tun (nicht nur) den Buben gut

Nur 0,8 Prozent der österreichischen Kindergartenpädagogen sind Männer. Schade, denn: Nicht nur die Buben profitieren von ihnen, sondern auch die Mädchen. Männer sind im Alltag von kleineren Kindern oft Mangelware.

Paedagogik Maenner Kindern
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Gregor Müllner – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wenn man ihn so sieht, ist er viel, nur kein Klischee. „Wahrscheinlich sollte ich Dreadlocks haben oder so aussehen wie Daniel Küblböck – also ein bisschen weiblicher, mehr Milchgesicht“, sagt Gregor Müllner. Aber im Kindergarten Maria Salesia der St. Nikolaus-Stifung im 15. Bezirk in Wien steht ein junger Mann mit kräftigen Oberarmen, mit kurzgeschorenen Haaren und einem Hauch von einem Ziegenbart. Gleich wird der 32-Jährige die Mädchen und Buben im Alter von drei bis sechs Jahren zusammentrommeln. Mit ihnen Spiele spielen und dann und wann ein Lied singen – auch wenn er selbst sagt, dass sein musikalisches Talent ausgeprägter sein könnte.
Gregor Müllner ist einer der wenigen seiner Art. Nicht einmal jeder hundertste Kindergartenpädagoge in Österreich ist ein Mann. Dabei wären Männer in den Kindergärten dringend nötig, sagt der Innsbrucker Psychologe und Pädagoge Josef Christian Aigner, der sich seit einigen Jahren mit dem Thema befasst. Warum, dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Ein erster, simpler: „Man sollte nicht einfach die Hälfte der Welt – die männliche – aus dem Kindergarten draußen lassen.“

Männer sind Mangelware. Umso mehr, als Männer im Alltag von kleineren Kindern oft Mangelware sind. Immer mehr Eltern sind geschieden, Kinder wachsen größtenteils bei den Müttern auf, Väter werden zu Randpersonen. Besonders die Buben reagieren darauf nicht immer unproblematisch. Sie wollen „männlich“ sein – dabei wissen sie oft gar nicht, wie Männer wirklich sind. Die Pädagogen haben daher eine wichtige Funktion. „Es braucht die männlich konnotierten Eigenheiten“, sagt Aigner. „Aber: Die Kinder sollen auch sehen, dass Männer dasselbe machen können wie Frauen, dass Männer auch fürsorglich sein können.“

Wie Männer im Kindergarten tatsächlich wirken, hat Aigner kürzlich in einer vom Sozialministerium geförderten Studie erforscht. Mehr als 40 Stunden Videomaterial vom Alltag in Kindergärten mit und ohne männliche Betreuer wurden dafür analysiert. Fazit: Männer tun den Buben gut – und nicht nur ihnen. Da wäre einmal, dass Buben häufiger die Nähe der männlichen Betreuer suchen als die der Frauen. Während Mädchen mit Frauen wie mit Männern gleichermaßen kommunizieren, fühlen sich die Buben bei männlichen Betreuern offenbar besser aufgehoben. Sie gehen aktiver auf sie zu, und wenn sie Hilfe brauchen – beim Spielen, bei Aufgaben –, holen sie sich diese eher von den Männern. „Die Buben haben offenbar einen Bedarf an gleichgeschlechtlichem Austausch“, sagt Aigner.
In den gemischt geführten Gruppen sind die Buben außerdem extrovertierter, aktiver und raumgreifender. Ein positiver Effekt? Ja, meint Forscher Aigner: „Sie erlauben sich ihre Verhaltensweisen eher, wenn ein Mann dabei ist.“ Nicht ohne Grund: Was das Herumtoben betrifft, sind die männlichen Betreuer toleranter als die Frauen – allen gegenüber, auch den Mädchen. Spielerisches Raufen, Rangeleien, Bewegung – all das ist offenbar selbstverständlicher für die Männer als für die Frauen. Die Gefahr, dass die Mädchen untergehen, bestehe aber nicht, sagt Aigner. Im Gegenteil: Auch sie würden von der Anwesenheit der männlichen Pädagogen profitieren. Denn sie nähern sich dem an, was gemeinhin als Bubenverhalten gilt. „Geschlechtstypisches Verhalten wird durch die Männer nicht verstärkt, sondern durchmischt“, sagt Aigner.

Gregor Müllner kann das zum Teil bestätigen. Im Alltag, sagt er, übernehme er genau die gleichen Aufgaben wie seine Kolleginnen, trotzdem verhalten sich die Kinder anders: Bei ihm testen sie die Grenzen öfter aus. Wollen wissen, wie weit sie gehen können. Was wohl daran liegt, dass Müllner eine Spur länger zusieht als seine Kolleginnen. Ein grundsätzlicher Unterschied: „Ich denke oft: Das machen wir schon. Das kriegen wir schon hin.“ Die Kolleginnen würden sich mit dieser Einstellung manchmal schwer tun. Auch in der Tagesgestaltung merkt er einen Unterschied. Er tut sich eine Spur leichter, sich Spiele für die Buben auszudenken. „Bei den Mädchen muss ich öfter nachfragen, was sie wollen.“ Trotzdem hält Müllner nicht allzu viel von Unterscheidungen zwischen den Frauen und Männern im Kindergarten: „Wichtig ist, dass jeder einfach gute pädagogische Arbeit leistet.“

Abschreckende Vorurteile.
Aigner ist indes überzeugt, dass es – neben den vielen Frauen – mehr Männer braucht. Sein nächstes Projekt: Er will herausfinden, welche Maßnahmen wirken, um Männer für den Beruf des Kindergartenpädagogen zu gewinnen. Was sie davon abhält, hat Aigner bereits im Vorjahr in der Studie Elementar untersucht. Ergebnis: Ein unterbewertetes, nicht professionalisiertes Berufsbild, die traditionelle Kindferne von Männern und eine Art Generalverdacht gegen männliche Pädagogen – Stichwort: pädophil – sind die Hauptgründe dafür, dass sie in Kindergärten unterrepräsentiert sind.

Gregor Müllner ist über Umwege zu seinem Job gekommen. Nach einer Malerlehre arbeitete er in der Gastronomie und als Nachtwächter. „Damals hatte ich viel Zeit nachzudenken“, sagt er. Weil sein Volksschullehrer ein Vorbild war, kam er auf die Idee, Kindergartenpädagoge zu werden. Heute ist er mit der Entscheidung glücklich. Eines ist für ihn aber klar: „Wer karriereorientiert ist, ist in dem Job falsch.“ Kaum Aufstiegschancen, schlechte Bezahlung: Und das betrifft im Kindergarten Männer wie Frauen gleichermaßen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)

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