Kindergarten: Männer tun (nicht nur) den Buben gut

26.01.2013 | 16:55 |  von Bernadette Bayrhammer und Eva Winroither (Die Presse)

Nur 0,8 Prozent der österreichischen Kindergartenpädagogen sind Männer. Schade, denn: Nicht nur die Buben profitieren von ihnen, sondern auch die Mädchen. Männer sind im Alltag von kleineren Kindern oft Mangelware.

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Wenn man ihn so sieht, ist er viel, nur kein Klischee. „Wahrscheinlich sollte ich Dreadlocks haben oder so aussehen wie Daniel Küblböck – also ein bisschen weiblicher, mehr Milchgesicht“, sagt Gregor Müllner. Aber im Kindergarten Maria Salesia der St. Nikolaus-Stifung im 15. Bezirk in Wien steht ein junger Mann mit kräftigen Oberarmen, mit kurzgeschorenen Haaren und einem Hauch von einem Ziegenbart. Gleich wird der 32-Jährige die Mädchen und Buben im Alter von drei bis sechs Jahren zusammentrommeln. Mit ihnen Spiele spielen und dann und wann ein Lied singen – auch wenn er selbst sagt, dass sein musikalisches Talent ausgeprägter sein könnte.
Gregor Müllner ist einer der wenigen seiner Art. Nicht einmal jeder hundertste Kindergartenpädagoge in Österreich ist ein Mann. Dabei wären Männer in den Kindergärten dringend nötig, sagt der Innsbrucker Psychologe und Pädagoge Josef Christian Aigner, der sich seit einigen Jahren mit dem Thema befasst. Warum, dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Ein erster, simpler: „Man sollte nicht einfach die Hälfte der Welt – die männliche – aus dem Kindergarten draußen lassen.“

Männer sind Mangelware. Umso mehr, als Männer im Alltag von kleineren Kindern oft Mangelware sind. Immer mehr Eltern sind geschieden, Kinder wachsen größtenteils bei den Müttern auf, Väter werden zu Randpersonen. Besonders die Buben reagieren darauf nicht immer unproblematisch. Sie wollen „männlich“ sein – dabei wissen sie oft gar nicht, wie Männer wirklich sind. Die Pädagogen haben daher eine wichtige Funktion. „Es braucht die männlich konnotierten Eigenheiten“, sagt Aigner. „Aber: Die Kinder sollen auch sehen, dass Männer dasselbe machen können wie Frauen, dass Männer auch fürsorglich sein können.“

Wie Männer im Kindergarten tatsächlich wirken, hat Aigner kürzlich in einer vom Sozialministerium geförderten Studie erforscht. Mehr als 40 Stunden Videomaterial vom Alltag in Kindergärten mit und ohne männliche Betreuer wurden dafür analysiert. Fazit: Männer tun den Buben gut – und nicht nur ihnen. Da wäre einmal, dass Buben häufiger die Nähe der männlichen Betreuer suchen als die der Frauen. Während Mädchen mit Frauen wie mit Männern gleichermaßen kommunizieren, fühlen sich die Buben bei männlichen Betreuern offenbar besser aufgehoben. Sie gehen aktiver auf sie zu, und wenn sie Hilfe brauchen – beim Spielen, bei Aufgaben –, holen sie sich diese eher von den Männern. „Die Buben haben offenbar einen Bedarf an gleichgeschlechtlichem Austausch“, sagt Aigner.
In den gemischt geführten Gruppen sind die Buben außerdem extrovertierter, aktiver und raumgreifender. Ein positiver Effekt? Ja, meint Forscher Aigner: „Sie erlauben sich ihre Verhaltensweisen eher, wenn ein Mann dabei ist.“ Nicht ohne Grund: Was das Herumtoben betrifft, sind die männlichen Betreuer toleranter als die Frauen – allen gegenüber, auch den Mädchen. Spielerisches Raufen, Rangeleien, Bewegung – all das ist offenbar selbstverständlicher für die Männer als für die Frauen. Die Gefahr, dass die Mädchen untergehen, bestehe aber nicht, sagt Aigner. Im Gegenteil: Auch sie würden von der Anwesenheit der männlichen Pädagogen profitieren. Denn sie nähern sich dem an, was gemeinhin als Bubenverhalten gilt. „Geschlechtstypisches Verhalten wird durch die Männer nicht verstärkt, sondern durchmischt“, sagt Aigner.

Gregor Müllner kann das zum Teil bestätigen. Im Alltag, sagt er, übernehme er genau die gleichen Aufgaben wie seine Kolleginnen, trotzdem verhalten sich die Kinder anders: Bei ihm testen sie die Grenzen öfter aus. Wollen wissen, wie weit sie gehen können. Was wohl daran liegt, dass Müllner eine Spur länger zusieht als seine Kolleginnen. Ein grundsätzlicher Unterschied: „Ich denke oft: Das machen wir schon. Das kriegen wir schon hin.“ Die Kolleginnen würden sich mit dieser Einstellung manchmal schwer tun. Auch in der Tagesgestaltung merkt er einen Unterschied. Er tut sich eine Spur leichter, sich Spiele für die Buben auszudenken. „Bei den Mädchen muss ich öfter nachfragen, was sie wollen.“ Trotzdem hält Müllner nicht allzu viel von Unterscheidungen zwischen den Frauen und Männern im Kindergarten: „Wichtig ist, dass jeder einfach gute pädagogische Arbeit leistet.“

Abschreckende Vorurteile.
Aigner ist indes überzeugt, dass es – neben den vielen Frauen – mehr Männer braucht. Sein nächstes Projekt: Er will herausfinden, welche Maßnahmen wirken, um Männer für den Beruf des Kindergartenpädagogen zu gewinnen. Was sie davon abhält, hat Aigner bereits im Vorjahr in der Studie Elementar untersucht. Ergebnis: Ein unterbewertetes, nicht professionalisiertes Berufsbild, die traditionelle Kindferne von Männern und eine Art Generalverdacht gegen männliche Pädagogen – Stichwort: pädophil – sind die Hauptgründe dafür, dass sie in Kindergärten unterrepräsentiert sind.

Gregor Müllner ist über Umwege zu seinem Job gekommen. Nach einer Malerlehre arbeitete er in der Gastronomie und als Nachtwächter. „Damals hatte ich viel Zeit nachzudenken“, sagt er. Weil sein Volksschullehrer ein Vorbild war, kam er auf die Idee, Kindergartenpädagoge zu werden. Heute ist er mit der Entscheidung glücklich. Eines ist für ihn aber klar: „Wer karriereorientiert ist, ist in dem Job falsch.“ Kaum Aufstiegschancen, schlechte Bezahlung: Und das betrifft im Kindergarten Männer wie Frauen gleichermaßen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)

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54 Kommentare
 
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Da die Mehrheit der Frauen

erwartet, dass ihr Mann selbst bei gleicher Ausbildung mehr verdient, daher kann es sich ein Mann nicht leisten, so wenig wie ein Kindergärtner zu verdienen.
Und nein ein Malergeselle und Tischler verdient nominell mehr und kann auch am WE pfuschen.
Statistisch heiraten Frauen fast keine Männer, die
weniger verdienen, obwohl es genug davon gäbe.


Gehalt ist nicht ausschlaggebend!

3 Gründe, warum das Gehalt nur eine Nebenrolle spielt:

1. der Generalverdacht, dass ein Mann im KG pädophil oder schwul ist
2. es herrscht großteils noch das Bild vor, dass Erziehung ausschließlich Frauensache ist
3. die weiblichen Strukturen, beginnend bei der Ausbildung bis hin zum Arbeiten in der Gruppe. Als Mann muss man damit erstmal zurecht kommen.
Auch das öffentliche Bild spielt eine wesentliche Rolle. Wenn ich mir den Artikel (http://diepresse.com/home/bildung/schule/kindergarten/1337509/Kindergaertnerinnen_Gehalt-offen?_vl_backlink=/home/bildung/index.do) anschaue, wird wieder nur von Kindergärtnerinnen geschrieben. Das muss geändert werden.

Keine Quote kann irgendwas bewirken, wenn 1. zu wenige Burschen die Ausbildung machen, und 2. welche die Ausbildung machen, steigen meist nicht in den Beruf ein. Und man kann es keinem verübeln. Und irgendwelche Männer zwangsrekrutieren, nur um eine Quote zu erfüllen, kanns auch nicht sein. Hier sollen Leute arbeiten, denen der Beruf Freude macht und sich freiwillig dafür entscheiden. Liegt glaube ich im Interesse aller!

Es gibt genügend Berufe, in denen man sehr schlecht verdient, und trotzdem viele Männer arbeiten (Tischler, Maler.....).
An alle Männer hier im Forum, seit mal ehrlich, würdet ihr als Kindergärtner arbeiten, wenns um 500 € mehr gäbe? Ws nicht.

Re: Gehalt ist nicht ausschlaggebend!

Zitat:
"1. der Generalverdacht, dass ein Mann im KG pädophil oder schwul ist
2. es herrscht großteils noch das Bild vor, dass Erziehung ausschließlich Frauensache ist
3. die weiblichen Strukturen, beginnend bei der Ausbildung bis hin zum Arbeiten in der Gruppe. Als Mann muss man damit erstmal zurecht kommen."

ad 1: Sorry, aber wenn ein Mann nicht genug Selbstbewusstsein hat, über solch lächerlichen Anschuldigungen zu stehen, dann sollte er besser eh keine Kinder erziehen. Bei pädophil verstehe ich es ja noch irgendwie, da das eine Straftat darstellt, aber schwul? OMG, wie furchtbar, dass jemand glauben könnte, man sei schwul! Wie lächerlich ist das denn bitte?

ad 2: detto
Wenn ich einen Beruf unbedingt ergreifen möchte, ist mir wurscht, was andere von mir denken bzw. ob andere denken, dass ich dafür geeignet bin. Ist ja mein Leben. Es gibt ja auch genügend Frauen in Männerberufen, die sich da auch nicht drum scheren. Wenn einen Mann schon sowas abhält, dann gute Nacht!

ad 3: weibliche Strukturen? Was sollen denn die Frauen sagen, die tagtäglich mit Männern als Vorgesetzten und an Männerbedürfnisse angepasste Arbeitszeiten konfrontiert sind? Von uns Frauen wird erwartet, dass wir damit klar kommen! Und die Männer, diese Vaserln, können das dann nicht?

Das öffentliche Bild: wenn jemand wirklich in einem Beruf arbeiten will, schert einen das nicht. Siehe ad 2.

Da stimme ich eher ihren letzten beiden Absätzen zu. Jeder soll selbst entscheiden dürfen, was ihm Spaß macht.

mal ehrlich:

welcher mann tut sich diesen job bei einer derartigen bezahlung an?

Seit wann?

Frauen können doch alles gleich gut!
Endlich ein Gebiet auf dem Frauen stets im Vormarsch waren und schon werden Zweifel angemeldet. Wie unfair!

Wo bleibt da die Gläubigkeit an den Zeitgeist?

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Derzeit werden Löhne gesenkt, die Arbeitszeit erhöht und

die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Erziehungs- und Bildungsbereich permanent gemobbt.
Nur mehr Frauen tun sich das an bzw. lassen sich das antun.

Tja - schade!

Und woran liegt es? An der Bezahlung. Wäre dieser Beruf (und andere "typische Frauenberufe") besser bezahlt, würden sich auch vermehrt Männer dafür begeistern. So bleiben die schlecht bezahlten Tätigkeiten halt wieder einmal an den Frauen hängen.

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Re: Tja - schade!

schauen sie sich das Gehalt zB eines Tischlers an!

Re: Re: Tja - schade!

Mögen Sie die KV-Mindestgehälter bitte posten?

Sie dürfen aber da auch nicht außer acht lassen:

Tischler: Lehrberuf. 9 Pflichtschuljahre erforderlich, mehr nicht.

Pädagogen: mindestens BAKIP mit Matura oder dann Pädagogikstudium.

Das sind schon andere Anforderungen bzw. ein anderer Bildungsstand, deshalb kann man diese beiden Berufe (obwohl sie natürlich gleichermaßen wichtig sind für unsere Gesellschaft) nicht 1:1 vergleichen.

Re: Tja - schade!

Nein, Kindergärtnerinnen werden extrem gut bezahlt, sie jammern nur die ganze Zeit.
Dass so wenige Männer in dem Bereich arbeiten ist ein Skandal und liegt ausschließlich daran, dass diese Branche extrem männerfeindlich ist und deswegen braucht es unbedingt MÄNNERQUOTEN!!!

Re: Re: Tja - schade!

Ich habe mir jetzt den KV der BAGS angeschaut:

Das kollektivvertragliche Gehalt beträgt je nach Einstufung und Berufsjahren zwischen 1386,10 (Stufe 1, 1-2 Berufsjahre) und 3962,90 EUR (Stufe 9, 35-36 Berufsjahre).

Das finden Sie extrem gut bezahlt?

Re: Re: Re: Tja - schade!


schauen Sie sich doch mal den kv von zb taxilenkern an!

Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Sie können aber nicht die Ausbildung von Taxilenkern mit der eines Pädagogen vergleichen. Taxilenker kann so gut wie jeder werden, der sich gut orientieren und Auto fahren kann.

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Re: Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Also, dass Kindergärtnerinnnen sich als Pädagogen bezeichnen lassen, weiss ich zwar, allerdings fehlt den meisten ganz viel dazu, um diese Bezeichnung auch berechtigt zu tragen.

Auch diese Neutitulierung ist im Zuge des Feminismusses und der Egoprobleme vieler Frauen passiert. Sollen sich die Tischler in Zukunft Holzbautechniker nennen?

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Dass es in vielen Bereichen auch schlecht geeignete Menschen gibt, die trotzdem in einem Beruf arbeiten, ist ja nun keine Neuigkeit. Das gibt es leider überall.
Der Beruf heißt halt nunmal Kindergartenpädagoge.

Tischler können sich nennen, wie sie möchten, mir wäre das völlig egal ;). Trotzdem ist der Beruf des Tischlers ein Lehrberuf, während der Beruf des Kindergärtners eine höhere Schule mit Matura (mindestens) erfordert.

Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

und hätten sie gerne dass ein taxilenker auf ihr Kind aufpasst??
mir wäre ein ausgebildeter Pädagoge lieber!

Re: Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Und hätten Sie gern, dass eine Kindergärtnerin Sie nach Hause fährt?

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Warum denn nicht? Wenn sie Auto fahren kann und einen Führerschein besitzt?

...

Ich traue einer Kindergärtner mit Führerschein durchaus zu ein Navi zu bedienen....

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Wenn sie einen Führerschein hat und nicht alkoholisiert ist - warum sollte sie das nicht können?

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: Tja - schade!

Und warum sollte ein Taxler nicht auf Kinder aufpassen können?

Re: Re: Tja - schade!

Genau, Männer sollten zur Arbeit im Kindergarten verpflichten werden! Da könnte man ja unsere Bundesheerler dazu einsetzen, die sitzen ja sonst eh nur in den Kasernen herum und schauen in die Luft (den Eurofightern beim nicht-fliegen zu). Da hätten die dann wenigstes mal etwas sinnvolles zu tun, etwas, das Österreich tatsächlich hilft. Ich mein, die Kinder schminken sich zum Beispiel gern, die ÖBHler auch. Und ob jetzt Indianerstreifen oder Tarnfarben, das macht ja nicht so einen Unterschied.

Re: Re: Re: Tja - schade!

Eyjafjallajökull hmmm bist leicht frustriert?

Re: Re: Re: Tja - schade!

hahaha scherzkekserl

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Männer

sollten in der Kinderausbildung der unter Zehnjährigen um 2/3 mehr verdienen als Frauen, dann gäbe es keinen Mangel an männlichen Pädagogen und weit weniger Intrigen und Mobbing an den Volksschulen!

Re: Männer

Im Gegenteil: ALLE sollten mehr verdienen, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Dann gibt es dieses Problem erst gar nicht.

 
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