Eine Verteidigung des Gymnasiums

Das Gymnasium ist Brennglas kultureller und sozialpolitischer Krisenlagen. Was das Gymnasium kann – und wofür es nichts kann.

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Kremsmuenster, Stiftsgymnasium
Kremsmuenster, Stiftsgymnasium – Die Presse

Das Gymnasium ist ein wesentliches Element der kulturellen Identität im deutschsprachigen Raum, an dem sich paradigmatisch die Ansprüche und auch die Ambivalenzen von Aufklärung, Humanismus und christlicher Tradition ausmachen lassen. Gleichwohl ist es seit geraumer Zeit erheblicher Kritik ausgesetzt.

Hat die AHS noch eine Berechtigung?

Doch was macht das Gymnasium eigentlich aus? Ist es wirklich sozial selektiv und methodisch rückständig, wie so oft kritisiert wird? Und lenkt die Schulformfrage nicht im Grunde von wesentlichen sozialpolitischen Fragen ab? Der Versuch einer Beantwortung in fünf Thesen.

Die Aufgabe des Gymnasiums ist die Hochschulreife

Im Ensemble mit anderen Schulformen gewährleistet das Gymnasium den Weg zur allgemeinen Hochschulreife, und zwar durch die Kontinuität von Fachlichkeit und durch methodische Kohärenz, also eine Vorbereitung und Ausrichtung auf das Ziel des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens ab dem ersten Schultag.

Wesentlich ist weiterhin der Anspruch der allseitigen Persönlichkeitsbildung durch vielfältige Bearbeitung von relevanten kulturellen und natürlichen Sachverhalten in der bildenden Beziehung zu Mitschülern und Lehrern. Dies ist übrigens kein exklusives Merkmal des Gymnasiums; alle Schulen verfolgen diesen Zweck, wenn auch jeweils verschieden im Horizont ihrer spezifischen Zielsetzungen und Formen der Sacherschließung – Berufsschulen beispielsweise im Medium der beruflichen Bildung.

Die Bildungsziele von Menschwerdung und Hochschulreife werden am Gymnasium von eigens qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern verwirklicht: Persönliche Bildung, akademisches Fachwissen und pädagogisches Können gewährleisten guten Unterricht.

Leistungsanspruch ist keine soziale Selektion

Der Leistungsanspruch des Gymnasiums an seine Schüler resultiert vor dem Hintergrund der genannten Zielsetzung nicht in erster Linie aus einer gesellschaftlich konstruierten Selektionsfunktion zur Gewährleistung von Privilegien, sondern aus dem Anspruch der Bildungsgegenstände selbst. Das Gymnasium fordert, weil seine Bildungsgehalte und die wissenschaftspropädeutische Betrachtungshinsicht fordern. So berechtigt also die Kritik an sozialer Ungerechtigkeit ist, so fatal ist die Projektion dieser Frage auf das Gymnasium, wie sich leicht erhellen lässt.

Erstens: Die Einführung des Leistungsprinzips ersetzte historisch das Prinzip der Verteilung von Sozialchancen allein nach Herkunft. Kinder aus sogenannten Arbeitermilieus konnten schon in der Nachkriegszeit, aber spätestens in den 1970er-Jahren mit Witz und Fleiß über die Matura ins Studium gelangen, während träge Fabrikanten- und Lehrerkinder an den Leistungshürden scheiterten.

Zweitens: Zieht man einen bilanzierenden Vergleich über die gesamte Biografie, erscheint ein akademischer Abschluss nicht unbedingt als Garant für Wohlstand oder gar Lebensglück: Insbesondere Tätigkeiten im Anschluss an geisteswissenschaftliche oder soziale Studiengänge sind im Gehaltsniveau Ausbildungsberufen mitunter unterlegen. Dies gilt insbesondere für viele Beschäftigte an Universitäten, die schlecht bezahlt, ohne Karriereperspektive in befristeten Verhältnissen arbeiten. Allein in den sogenannten MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, sind akademische Abschlüsse den anderen signifikant überlegen.

Bildungspolitik kann Sozialpolitik nicht ersetzen

Die Debatte über die Schulform wird heute vielfach zum Ersatzschauplatz erhoben, um von Problemen der Sozialpolitik abzulenken. Ein Umbau des Gymnasiums zum Zertifikatsdiscounter durch Absenkung des Leistungsniveaus mag vielleicht dabei helfen, die Akademikerquote zu erhöhen, führt aber nicht zu mehr sozialer Gerechtigkeit, sondern nur zur Entwertung der Abschlüsse und zu Fehlqualifikationen zulasten von Absolventen, Gesellschaft und Wirtschaft.

Der Zusammenhang von Akademisierung und hoher Arbeitslosigkeit bei jungen Menschen in anderen europäischen Ländern ist hinreichend belegt. Nötig wäre vielmehr eine Stärkung von Familien, damit für alle Kinder eine gute Lebensgrundlage schon vor dem Eintritt in die Bildungsinstitutionen geschaffen ist, und außerdem eine Aufwertung des Sozialprestiges für nicht akademische Abschlüsse und Berufe.

Methodenvielfalt kennzeichnet das Gymnasium

Die Einführung neuer Schulformen, sei es der Neuen Mittelschule, sei es der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg, setzt auf Marketingvokabeln wie „Individualisierung“, „Vielfalt“, „Öffnung von Schule“ oder „Neue Lernkultur“ und erweckt dadurch den Eindruck, als wäre das Gymnasium repressiv-gleichmacherisch, methodisch rückständig und weltfern, kurz: eine antiquierte Paukschule, wie wir sie aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“ kennen.

Natürlich geht dies völlig an der heutigen Realität vorbei, wenn es denn jemals so Realität war. Selbstverständlich ist auch der Gymnasiallehrer in der Lage, Methoden und Sozialformen jeweils in Abhängigkeit von Lernzielen, Schülergruppen und Inhalten angemessen zu gestalten.

Limitierungen der pädagogischen Freiheit und der Individualität der Schüler resultieren weniger aus der Schulform oder ihrem angeblich eingeschränkten Methodenrepertoire als aus politischen Rahmenvorgaben wie etwa der Kompetenzorientierung oder der strukturellen Überforderung durch eine Vielzahl von Schülern, die den Ansprüchen des Gymnasiums nicht gewachsen sind.

Wohlgemerkt: Auch diese Schüler haben einen Anspruch auf ökonomische und soziale Teilhabe und allgemeine Menschenbildung, nur muss sich beides nicht im Horizont des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens erfüllen, sondern kann beispielsweise ebenso auf dem Weg der beruflichen Bildung erreicht werden.

Reformen verschärfen soziale und ökonomische Probleme

Im Schatten der ideologisierten Schulform- und Reformdebatte vollzieht sich aktuell ein bedenklicher Verfall von Bildungsansprüchen in allen Bildungseinrichtungen und Schulformen. Internationale Organisationen wie die OECD und private Stiftungen etablieren mit der Kompetenzdoktrin und dem Fetischisieren von Methoden der „neuen Lernkultur“ eine gravierende Umschrift dessen, was traditionell unter Bildung verstanden wurde. Die Verluste zeichnen sich ab: Humanistische Bildung ist in Zeiten von PISA und Bologna kaum noch zu realisieren; Unternehmen beklagen zu Recht, dass Schulabgänger – trotz (oder wegen?) der vielen Bildungsreformen – immer weniger wissen und können.

Sollte also jemand tatsächlich an gerechten Lebensverhältnissen interessiert sein, wäre vielleicht eine Kritik der neoliberalen Politik aus den „unsichtbaren“ Händen transnationaler Macht- und Finanzeliten angemessener, als dem Gymnasium als einer Quelle der politischen Emanzipation die Legitimation zu entziehen.

Zum Autor

Matthias Burchardt (48) lehrt am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Universität Köln. Er hat Germanistik, Philosophie und Pädagogik studiert. Burchardt kritisiert u.a. die Ökonomisierung der Bildung und den Reformstress, dem die Schulen in ganz Europa ausgesetzt sind.


[KPGXL]

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