Karas für Androsch: "Alle Parteien müssen sich öffnen"

Der ÖVP-Abgeordnete Othmar Karas unterstützt das Bildungsvolksbegehren als Anstoß für eine Debatte. Das Bildungsthema sei viel zu sehr auf Budgets und Strukturen reduziert.

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Karas – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Mit Ihrer Unterstützung für das Bildungsvolksbegehren stehen Sie innerhalb der ÖVP relativ allein da. Warum unterstützen Sie die Initiative?

Othmar Karas: Es geht ja nicht immer um die Parteien, es geht um Themen. Mein Zugang zu der Initiative ist ein dreifacher: Ich will Österreich zum Bildungsstandort Nummer eins in Europa machen, ich will Bildung europäisieren, und ich will das Volksbegehren dazu nutzen, um die bildungspolitische Debatte zu intensivieren. Ich teile nicht jeden einzelnen Aspekt des Inhalts, aber es ist in diesem Land dringend geboten, dass wir die Themen der Zukunft zum Thema machen. Bildung ist eines davon. Und das Volksbegehren ist eine Möglichkeit, für das, was zu geschehen hat, Öffentlichkeit zu schaffen.


Es geht Ihnen also gar nicht so sehr um die Forderungen, die das Volksbegehren stellt?


Auch der Industriellenvereinigung passt nicht jeder Punkt. Aber was vereint die, die das Begehren unterstützen? Nicht der Text, sondern die Initiative. Der Text geht aber in die richtige Richtung: Leistungsdifferenzierung, Benchmarks in Europa einhalten.


Der Text geht auch in Richtung Gesamtschule. Ihre Partei ist strikt dagegen. Haben Sie damit kein Problem?


Das ist einer der umstrittensten Punkte. Ich orientiere mich nicht primär an der Struktur, sondern am Inhalt. Die erste Frage muss sein: Was lehren wir, wie lehren wir es? Und dann kann man fragen: Wo lehren wir es?


Viele lehnen das Volksbegehren ausgerechnet wegen dieser einen Forderung ab.


Die Forderung nach der leistungsdifferenzierten Gesamtschule hat viel Widerstand, aber ich würde das Begehren nicht darauf reduzieren. Und außerdem: Das Volksbegehren ist ja kein Gesetz. Es ist vielmehr ein Anstoß, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen. Beim Thema der Gesamtschule ist das nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch eine der Leistungsdifferenzierung. Wie diese aussieht, entscheidet über alles andere.


Abgesehen davon Frage lautet die Kritik oft: Die Forderungen sind zu breit, zu schwammig.

Ich teile die Kritik. Die Frage ist aber, führt diese Kritik dazu, dass man die Initiative ablehnt, oder dazu, dass man sagt: Das, was wir am dringendsten brauchen, ist die Bildungsoffensive, wir versuchen, jeden Strohhalm zu ergreifen, der die Debatte öffentlicher macht? Darum geht es nämlich: Wir haben keine Bildungsdebatte. Wir haben Strukturdebatten, parteipolitische Debatten. Und ich meine, dass es wert ist, jede zivilgesellschaftliche Initiative zu unterstützen, die die richtigen Themen mit der richtigen Zielsetzung ergreift.


Mit dem Volksbegehren ist es aber nicht getan.

Das Volksbegehren wird die Bildungspolitik nicht verändern. Die Frage ist, wie reagiert die Politik auf die Initiativen von Bürgern und auf diesen Aufschrei, der dahintersteht. Die Politiker, also meine Berufsklasse, müssen das Volksbegehren so wie ich als Chance nützen, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen und die Menschen, die sich hier engagieren, zu Beteiligten einer Reformbewegung zu machen.


Versteht man Sie jetzt falsch, wenn man sagt: Das klingt etwas frustriert?


Das bin ich nicht. Ich fühle mich als Politiker und als Bürger mitverantwortlich dafür, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Und ich habe nie den Status quo gegenüber der notwendigen Veränderung verteidigt. Ich habe meine politische Laufbahn eigentlich mit der Bildungspolitik begonnen, ich komme selbst aus einer Lehrerfamilie: Ich weiß, was hier geleistet wird. Und ich weiß auch, dass wir seit dreißig Jahren die gleichen Themen diskutieren, wenn es um Bildung geht.


Wo hakt es Ihrer Meinung nach am meisten?

Das Bildungsthema ist viel zu sehr auf Budgets und auf Strukturen reduziert. Das ist falsch. Das sind zwar wichtige Teilaspekte, wir sollten aber einmal einen Schwenk machen und uns auf die Inhalte konzentrieren, auf die Methodik und auf die Spielräume, die nichts kosten.


Sie haben parteipolitische Debatten angesprochen. Wo könnte sich Ihre Partei bewegen?


Die Fragestellung allein zeigt schon, dass alles in unserem Land auf Parteien reduziert wird. Der Punkt ist: Alle politischen Parteien müssen sich öffnen. Im Dialog mit dem Bürger und in der Debatte um die Themen.



Die "Presse" sprach auch mit Androsch-Kritiker Günter Schmid, Chef der Plattform "Leistung & Vielfalt". Er kritisiert die implizite Forderung nach der Gesamtschule. Lesen Sie hier das Interview.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2011)

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