Landkinder als unfreiwillige Bildungsverlierer

06.05.2012 | 18:25 |  THERESA AIGNER (Die Presse)

Theoretisch kann in Österreich jedes Kind, dessen Noten gut genug sind, eine AHS-Unterstufe besuchen. In ländlichen Gebieten steht aber oft das Platzangebot im Widerspruch zur vermeintlich freien Wahl.

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Wien. Arda D. geht in die vierte Klasse Volksschule in Bregenz. In seiner Schulnachricht finden sich bis auf zwei „Gut“ ausschließlich „Sehr Gut“. Trotzdem wird er im Herbst aller Voraussicht nach kein Gymnasium besuchen. Denn: Seine Eltern haben von der Schule, an der sie ihren Sohn angemeldet haben, die Nachricht erhalten, dass er wahrscheinlich weder dort noch im zweiten Gymnasium in Bregenz aufgenommen werden kann.

Es stehen nicht genügend Plätze zur Verfügung. Den Eltern wird schriftlich weiters nahegelegt, ihre Schulwünsche zu überdenken. Für Ardas Vater ist das Schreiben der Schule ein Schlag ins Gesicht. „Migranten wird immer wieder nachgesagt, dass ihnen die Bildung ihrer Kinder egal sei. Wir haben alles dafür getan, dass unser Sohn ins Gymnasium gehen kann. Sogar Nachhilfe haben wir bezahlt. Und dann bekommen wir so einen Brief“, ärgert sich der Mann mit türkischen Wurzeln.

Arda ist nicht das einzige Kind, bei dem sich der Wohnort als Stolperstein für die Bildungslaufbahn entpuppt. Denn neben guten Noten spielen auch noch andere Kriterien eine Rolle, wenn es darum geht, einen Platz in einer AHS zu erhalten. Übersteigt nämlich die Zahl der angemeldeten Schüler die Aufnahmekapazität einer Schule, kommen Kriterien wie Geschwister an der Schule oder eben die Entfernung des Wohnorts zur Schule zum Tragen.

Wohnt man besonders weit entfernt von einem Gymnasium oder in einem Gebiet, in dem es kein oder – wie in Bregenz – zu wenige Gymnasien gibt, hat man wesentlich schlechtere Chancen, dort einen Platz zu bekommen, als dies im städtischen Raum der Fall ist, wo das schulische Angebot vielfältiger und größer ist. So besucht in Wien mehr als die Hälfte aller Zehnjährigen eine AHS-Unterstufe. Im Kärntner Bezirk Hermagor haben hingegen nur 0,8 Prozent der Schüler, die die fünfte Schulstufe besuchen, einen Platz in einem Gymnasium. Auch die steirischen Bezirke Radkersburg (3,2 Prozent), Feldbach (4,3 Prozent) und Deutschlandsberg (4,3 Prozent) weisen in der fünften Schulstufe sehr niedrige AHS-Besuchsquoten auf.

 

Freie Schulwahl gilt nicht für alle

Für Grünen-Bildungssprecher Harald Walser belegen diese Zahlen, dass die freie Schulwahl nicht für alle gilt. Er richtet deshalb heute, Montag, eine parlamentarische Anfrage an Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Aber nicht nur sie ist Adressatin seiner Kritik. Auch die ÖVP, von der die freie Schulwahl gerne ins Treffen geführt werde, solle „die Fakten zur Kenntnis nehmen und eingestehen, dass es zu massiver Bildungsbenachteiligung in ländlichen Gebieten kommt“, so Walser.

Aber nicht nur Politiker nehmen sich dieser Thematik an. In Hermagor, jenem Bezirk mit der geringsten AHS-Besuchsquote unter den Zehnjährigen, machen inzwischen die Eltern für ihre Anliegen mobil. Die „Elterninitiative Hermagor“, hat das erklärte Ziel, auch für ihre Kinder „Wahlfreiheit“ herbeizuführen. 1300 Unterstützungserklärungen hat die Initiative inzwischen gesammelt. Diese seien ein klarer Handlungsauftrag an die Politik. Die Zukunft der nächsten Generation im Tal hänge davon ab, mahnen die Initiatoren auf ihrer Facebook-Seite. Dort findet sich auch ein plakativer Vergleich hinsichtlich der „Wahlfreiheit“, die man derzeit habe: Während ein Volksschulkind in Klagenfurt aus mehr als einem Dutzend Schulen wählen kann, gibt es im Bezirk Hermagor genau eine Schule zur „Wahl“: die Neue Mittelschule Hermagor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2012)

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9 Kommentare

Besonders das Beispiel Wien

ist ein Schuß ins Knie - nirgends ist das schulische Niveau schlechter als in den überlaufenen Gymnasien Wiens. Da kann jeder Hauptschüler aus der "Provinz" locker mithalten.

Gast: 12345
25.05.2012 18:03
0

So ist das nunmal in den Dörfern.

Bin ich froh in Österreichs einziger Stadt zu leben.

Gast: pluslucis*
11.05.2012 11:51
0

Bißchen mehr in die Tiefe könnte der Artikel schon gehen

Die Frage ist jetzt aber, ob die Kinder in einer guten Bregenzer Hauptschule schlechtere Chancen auf eine erfolgreiche AHS-Oberstufe haben als die Wiener Kinder, bevor wir wissen, wer die Bildungsverlierer sind.

Möglicherweise ja, und in Vorarlberg gibt es definitiv zu wenig Gymnasien, aber aus dem Artikel wird das nicht so klar, was Hauptschule jeweils bedeutet.

In Hermagor ist das Problem ja möglicherweise nicht, dass die Schüler keine Plätze bekommen, sondern, dass das Gymnasium so weit weg ist, dass es für die Schüler einfach besser ist, freiwillig in eine sehr gute Hauptschule zu gehen.

Ich vermute, dass die Hauptbenachteiligung der Landkinder nicht in der Gymnasiumsfrage liegt, sondern daran, dass es viel einfacher ist, erfolgreich zu studieren, wenn man in der Geburtsstadt am Anfang des Studiums noch bei den Eltern wohnen kann und so keine finanziellen Sorgen hat und die Lebensumstellungen nicht alle gleichzeitig absolvieren muss.

Gast: Gedankenspieler
10.05.2012 20:05
0

Realitätsferne

Diese Diskussion geht an der Realität vorbei. Eine HS 1. Leistungsgruppe bringt bessere Leistungen als AHS in Städten. Diesbezüglich gibt es Statistiken wonach die armen (im Geiste natürlich) Landkinder auch bessere Noten in BHS, im Vergleich zu den AHS vorgebildeten Schüleren, erzielen. Also überall dort wo AHS draufsteht sind nicht wirklich die besseren Schüler mit den besseren Berufsaussichten zu finden. (MigrationsHS-Problem in Städten sind natürlich auch hinreichend bekannt). Also - da ist ja das Modell Gesamtschule unserer Sg. Bildungsministerin dann das Gelbe vom Ei - gleiche Schulen und gleiche Bildungschancen für alle - aber die Zeiten wo ein Gymnasiast bei der Landbevölkerung als "Gstudierter" bezeichnet wurde - sind ja Gottlob vorbei.

Gast: fragmich
09.05.2012 08:14
0

krokodilstränen

die benachteiligung am land wurde bisher nur einmal wirklich in angriff genommen: von kreisky, der mehr gymnasien abseits der zentren bauen ließ. die waren nicht so gut wie die wirklich alten/guten, aber zumindest konnten die eltern am land ohne internatskosten - die sich nur die reichen leisten konnten - ihren kindern die chance auf eine höhere bildung und vielleicht ein universitässtudium ermöglichen.

die durchlässigkeit des systems ist nicht wirklich gegeben, auf dem papier ja, aber nicht de facto. das beweisen auch die statistiken seit LANGEM.
dass im jetzigen fall ausgerechnet von der övp krododilstränen kommen, ist eine verhöhnung. man verfolgt die eigenen ziele auf kosten der künfitgen generation. (ähnlich verwerflich wie die weigerung der spö, die sich gegen studiengebühren wehrt, obwohl die ärmeren sowieso diese ersetzt bekämen.)

über den eigenen schatten springen ist wohl sehr schwer.

aufnahmekriterien

in Wien oder anderen Städten gelten dieselben Kriterien zur Aufnahme und es gibt in Wien auch an der ahs starke Qualitätsunterschiede - da können jugendliche der 1. leistungsgruppe vom ländlichen Gebiet sicher mithalten - aber wenn eine ahs klasse mit Schüler/innen die nur mit sehr gut benotet worden sind füllen kann, warum sollte jemand mit 2 gut aufgenommen werden? das fallbeispiel erscheint mir da nicht sehr schlüssig

Hier wird gezielte Desinformation betrieben

Da nach der Hauptschule der Weg zu AHS-Oberstufen und BMHS frei ist, gibt es das angesprochene Problem nicht!
Was Herr Walser und seine Mit-des-informanten wollen, ist, das eben nicht nur die Schüler/innen aus Hermagor nur eine Schule zur Wahl haben, sondern alle - so wie Olaf Palme sagte, ein englischer Rasen ist schöner als eine Blumenwiese - wer dabei vom Rasenmäher geköpft wird ist offenbar egal!

Gast: dirge
07.05.2012 06:35
2

erst mit der nms

stimmt diese überschrift. schüler der 1. leistunggruppe einer hauptschule hatten bisher keine nachteile.

Re: erst mit der nms

das stimmt. am land übertrifft (bis jetzt) die qualität einer hauptschule oft die qualität eines städtischen gymnasiums. die schüler gehen, dann einfach in eine weiterführende schule, und machen eben da matura und können genauso studieren.

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