Landkinder als unfreiwillige Bildungsverlierer

Theoretisch kann in Österreich jedes Kind, dessen Noten gut genug sind, eine AHS-Unterstufe besuchen. In ländlichen Gebieten steht aber oft das Platzangebot im Widerspruch zur vermeintlich freien Wahl.

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(c) Clemens Fabry

Wien. Arda D. geht in die vierte Klasse Volksschule in Bregenz. In seiner Schulnachricht finden sich bis auf zwei „Gut“ ausschließlich „Sehr Gut“. Trotzdem wird er im Herbst aller Voraussicht nach kein Gymnasium besuchen. Denn: Seine Eltern haben von der Schule, an der sie ihren Sohn angemeldet haben, die Nachricht erhalten, dass er wahrscheinlich weder dort noch im zweiten Gymnasium in Bregenz aufgenommen werden kann.

Es stehen nicht genügend Plätze zur Verfügung. Den Eltern wird schriftlich weiters nahegelegt, ihre Schulwünsche zu überdenken. Für Ardas Vater ist das Schreiben der Schule ein Schlag ins Gesicht. „Migranten wird immer wieder nachgesagt, dass ihnen die Bildung ihrer Kinder egal sei. Wir haben alles dafür getan, dass unser Sohn ins Gymnasium gehen kann. Sogar Nachhilfe haben wir bezahlt. Und dann bekommen wir so einen Brief“, ärgert sich der Mann mit türkischen Wurzeln.

Arda ist nicht das einzige Kind, bei dem sich der Wohnort als Stolperstein für die Bildungslaufbahn entpuppt. Denn neben guten Noten spielen auch noch andere Kriterien eine Rolle, wenn es darum geht, einen Platz in einer AHS zu erhalten. Übersteigt nämlich die Zahl der angemeldeten Schüler die Aufnahmekapazität einer Schule, kommen Kriterien wie Geschwister an der Schule oder eben die Entfernung des Wohnorts zur Schule zum Tragen.

Wohnt man besonders weit entfernt von einem Gymnasium oder in einem Gebiet, in dem es kein oder – wie in Bregenz – zu wenige Gymnasien gibt, hat man wesentlich schlechtere Chancen, dort einen Platz zu bekommen, als dies im städtischen Raum der Fall ist, wo das schulische Angebot vielfältiger und größer ist. So besucht in Wien mehr als die Hälfte aller Zehnjährigen eine AHS-Unterstufe. Im Kärntner Bezirk Hermagor haben hingegen nur 0,8 Prozent der Schüler, die die fünfte Schulstufe besuchen, einen Platz in einem Gymnasium. Auch die steirischen Bezirke Radkersburg (3,2 Prozent), Feldbach (4,3 Prozent) und Deutschlandsberg (4,3 Prozent) weisen in der fünften Schulstufe sehr niedrige AHS-Besuchsquoten auf.

 

Freie Schulwahl gilt nicht für alle

Für Grünen-Bildungssprecher Harald Walser belegen diese Zahlen, dass die freie Schulwahl nicht für alle gilt. Er richtet deshalb heute, Montag, eine parlamentarische Anfrage an Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Aber nicht nur sie ist Adressatin seiner Kritik. Auch die ÖVP, von der die freie Schulwahl gerne ins Treffen geführt werde, solle „die Fakten zur Kenntnis nehmen und eingestehen, dass es zu massiver Bildungsbenachteiligung in ländlichen Gebieten kommt“, so Walser.

Aber nicht nur Politiker nehmen sich dieser Thematik an. In Hermagor, jenem Bezirk mit der geringsten AHS-Besuchsquote unter den Zehnjährigen, machen inzwischen die Eltern für ihre Anliegen mobil. Die „Elterninitiative Hermagor“, hat das erklärte Ziel, auch für ihre Kinder „Wahlfreiheit“ herbeizuführen. 1300 Unterstützungserklärungen hat die Initiative inzwischen gesammelt. Diese seien ein klarer Handlungsauftrag an die Politik. Die Zukunft der nächsten Generation im Tal hänge davon ab, mahnen die Initiatoren auf ihrer Facebook-Seite. Dort findet sich auch ein plakativer Vergleich hinsichtlich der „Wahlfreiheit“, die man derzeit habe: Während ein Volksschulkind in Klagenfurt aus mehr als einem Dutzend Schulen wählen kann, gibt es im Bezirk Hermagor genau eine Schule zur „Wahl“: die Neue Mittelschule Hermagor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2012)

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