"Solange du deine Füße...": Was hinter Floskeln steckt

Der deutsche Wissenschaftsjournalist Walter Schmidt widmet sich in seinem neuen Buch den Hintergründen von Erziehungsfloskeln.

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Ist das Gehirn unter Stress, greift es auf bewährte Strategien zurück. Das kann auf einer archaischen Ebene Flucht oder Kampf sein, im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs dagegen sind es oft Phrasen. Fertig abgespeicherte Sprüche oder Redensarten, die man selbst schon als Kind gehört hat. Auch wenn man genau die früher gehasst hat. „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst...!“ ist einer jener Sprüche, der dem deutschen Wissenschaftsjournalisten Walter Schmidt besonders sauer aufgestoßen ist. Als Drohgebärde, mit der Eltern einfach ihre Macht klarstellen wollen, „wo eigentlich Diskurs gefragt wäre“, wie Schmidt in seinem aktuellen Buch schreibt. Das trägt konsequenterweise auch genau diesen Titel.

„Solange du deine Füße...“ versammelt 60 typische Elternfloskeln, die offenbar über Generationen weitergereicht werden, auf kurzweiligen 286 Seiten. Von Sprüchen entnervter Eltern wie „Frag mir keine Löcher in den Bauch!“ über das kindliche „Ein Löffel für Mami, ein Löffel für Papi“ bis zum hilflos-aggressiven „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ Wobei es Schmidt nicht bei der Aufzählung belässt, sondern jede Phrase anhand von Geschichten und Meinungen von Experten in Hinblick auf Sinn und Nutzen hinterfragt.

Der Bonner Journalist unterteilt die Floskeln dabei in mehrere Kapitel – begonnen von Sprüchen neunmalkluger Eltern („Für Sex bist du noch viel zu jung!“) über das Warnen vor Gefahren („Das ist pfui, lass das liegen!“) und Anweisungen zum guten Benehmen („Was sollen denn die Nachbarn denken!“) bis zu Abschnitten über Essen („Anderswo hungern die Kinder, und du wirfst dein Pausenbrot weg!“), Trösten („Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!“ und Erfolg („Ohne Fleiß kein Preis!“). Schließlich liefert der Autor noch ein Kapitel über Sprüche zu Vermögen – inklusive des Klassikers „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach!“


Taube oder Spatz? Wobei er bei letzterer Floskel aufschlüsselt, dass man sie so oder so verstehen kann. Als „Wunsch vieler Eltern, den Kindern die Tugend der Bescheidenheit zu vermitteln“ auf der einen Seite, schließlich führe das Streben nach mehr, als man für ein zufriedenes Leben braucht, auf einen sicheren Weg ins Unglück. Auf der anderen Seite lässt sich der Spruch auch als Problem begreifen, dass viele lieber ihr Geld für unwesentliche Dinge ausgeben, als es für größere Projekte anzusparen. Und so geht einem „manch fette Taube durch die Lappen“, weil man nach dem leicht erreichbaren Spatz gegriffen hat.

Doch nicht jeder Spruch, den Eltern ihren Kindern eintrichtern, muss schlecht sein, folgert Schmidt. „Man darf nie aufgeben“ ist einer davon. Er kann helfen, Kindern zu zeigen, dass man sich nicht in sein Schicksal fügen soll. Allerdings, und hier liegt der Haken: Es genügt nicht, die Kinder dazu nur mit Worten zu ermutigen. Man muss es ihnen auch vorleben.

Buchtipp

Walter Schmidt:Solange du deine Füße...

Was Erziehungsfloskeln über uns verraten.

Eichborn Verlag 2012, 15,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2014)

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