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Behütungswahn: Freilandkinder ohne Gluckhennen

18.05.2008 | 19:39 |  EVA MALE (Die Presse)

Eine amerikanische Kolumnistin wurde zur Leitfigur einer Bewegung, die Kindern wieder mehr Bewegungsfreiheit einräumen will. Das „übertriebene Sicherheitsdenken“ der vergangenen Jahre soll gebremst werden. Nicht nur in den USA.

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Wien/New York. Die „American Mom“ ist ein Taxi, besagt ein geflügeltes Wort in den USA. Der Alltag der typischen amerikanischen Mutter besteht darin, dass sie ihre Kinder vom Baseball zu den Pfadfindern chauffiert, vom Ballett zum Play-date, vom Nachmittagsunterricht zum Sleep-over. Es ist jedoch nicht nur der Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln in weiten Teilen der Vereinigten Staaten, sondern auch die tief verwurzelte Angst, den Kindern könnte etwas zustoßen, wenn sie ohne Begleitung unterwegs sind.


Allein in der U-Bahn

Lenore Skenazy jedoch, Kolumnistin der „New York Sun“, machte die Probe aufs Exempel. Sie ließ ihren neunjährigen Sohn auf dessen ausdrücklichen Wunsch in New York mit der U-Bahn allein nach Hause fahren. Ausgerüstet mit einer Fahrkarte, einem U-Bahn-Plan und ein paar Telefon-Münzen. Die Sache klappte problemlos, der Bub war begeistert.

Für Eltern in unseren Breitengraden wohl nicht weiter aufregend. Aber bei den US-Lesern stieß Skenazys Kolumne, die sie über das Abenteuer unter dem Titel „Here's your MetroCard, Kid“ schrieb, nicht auf ungeteilte Zustimmung. Es regnete heftige Kritik an dem „unverantwortlichen“ Verhalten der Mutter, aber auch stapelweise Fanpost.

„Ich war geschockt, dass meine Kolumne so viel Aufmerksamkeit erregt hat“, wundert sich Lenore Skenazy im Gespräch mit der „Presse“. „So eine U-Bahnfahrt ist doch eigentlich etwas ganz Banales.“ Vor einer Generation sei es nichts Außergewöhnliches gewesen, wenn Kinder in den Park, an den Strand gingen oder Besorgungen für die Großmutter machten.

Heute Erwachsene erinnern sich – jenseits wie diesseits des Atlantik – wehmütig daran, wie sie auf Baustellen oder Bäumen herumkletterten oder im Wald spielten, allein auf den Spielplatz gingen. Vielleicht zeugt ja noch ein ausgeschlagener Zahn oder eine Narbe davon. Diese Art „Freerange Kids“ von einst will Skenazy wieder zum Leben erwecken; der von ihr geprägte Ausdruck ist mittlerweile in aller Munde. Anscheinend spricht sie vielen amerikanischen Eltern aus der Seele. „Es gibt sichtlich eine Gegenbewegung zum Behütungswahn, das Pendel schwingt langsam wieder zurück.“

Die Idee: Die „Freilandkinder“ sollen nicht unter den Fittichen der Gluckhenne festkleben, die „Helikopter-Mütter“ aufhören, ständig über ihren Kindern zu kreisen. „Die Wahrscheinlichkeit, entführt und getötet zu werden, ist 40-mal geringer, als bei einem Autounfall ums Leben zu kommen“, sagt Skenazy, „aber keiner stellt es in Frage, die Kinder überallhin mit dem Auto zu führen.“


„Kultur des Misstrauens“

„Paranoid parents“ – so nennt man im angelsächsischen Raum übervorsichtige Eltern. Auch der britische Soziologe Frank Furedi appelliert in seinem Buch „Paranoid Parenting“ an Eltern, nicht ständig hinter ihren Kindern herzuspionieren, da sie dies in ihren Entfaltungsmöglichkeiten einschränke („Eltern-Paranoia. Warum Kinder mutige Eltern brauchen“). Er kritisiert die „Kultur der Angst und des Misstrauens“, in der fremde Erwachsene per se als Bedrohung angesehen werden.

Schon seit Jahren werden etwa Kinder in den USA dazu angehalten, wenn sie zu Halloween von Haus zu Haus ziehen, keine selbst gebackenen Kekse anzunehmen, sondern nur eingeschweißte Süßigkeiten, weil im Hausgemachten eine Rasierklinge versteckt sein könnte. Ob das tatsächlich jemals vorgekommen ist oder es sich um eine Legende handelt, weiß keiner.

Der Sicherheitswahn hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr verschärft. Kinder werden per Handy an der Leine gehalten, mittels GPS lassen sie sich wohl auch lokalisieren. Und die Werbung verspricht Eltern amerikanischer Teenager: „Wenn Ihr Kind nicht verrät, wo es gestern Abend war, der Auto-Chip sagt es Ihnen.“ No risk. No fun?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2008)

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3 Kommentare
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Die neuen Prügelknaben: Eltern

Tagtäglich kann man irgendwo lesen oder hören, dass Eltern sich zu wenig um ihre Kinder kümmern. Da schau her, zur Abwechslung regt sich jemand auf, dass Eltern sich zu viel um ihre Kinder kümmern. Ist wahnsinnig praktisch, je nach dem wie mans braucht, findet man immer etwas, wie man an den Eltern herumnörgeln kann. Hauptsache man kann die Eltern schlecht machen.
Ich frage mich, was bezweckt man mit dieser permanenten Elternkritik? Mag sein, dass es multikausal ist. Eine Möglichkeit könnte es sein, dass man den Eltern mehr Geld aus der Tasche ziehen möchte. Man teilt ihnen mit: "Du bist eh zu dumm deine Kinder zu erziehen. Gib mir Geld, ich mache das viel besser als du."
Eine andere Möglichkeit könnte es sein, dass einige Schreiber eigentlich mit ihren eigenen Eltern abrechnen wollen, trauen sich aber nicht. Also behauptet man Eltern wären per se unfähig Kinder zu erziehen und dann kommt man sich selbst nicht mehr so benachteiligt vor.

Antworten Gast: Naja
05.07.2008 08:40
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Eltern auf dem Prüfstand

Gut. Dass dieser Artikel nicht ganz die Art der Eltern in Ö meint - ist klar.
Wie man ja weiß sind die Amerikaner Meister des Übertreibens in jegliche Richtung :-)
Schön, dass es nun Gegenbewegungen zu diesem "mein Kind macht Nichts was ich nicht kontrollieren kann".

Thema Eltern als Prügelknaben:
Das sehe ich anders. Die aktuelle Generation kümmert sich wirklich viel zu Wenig um ihren Nachwuchs (ok nicht zuletzt weil es die Jobs und sozialen Hilfen nicht gerade einfach machen.)
Aber wenn ich mir ansehe wie viele Eltern sich falsch bis inkompetent benehmen wenn sie mit ihren Kindern unterwegs sind.
Finde ich es sehr gut, dass es von vielen Seite Kritiken gibt. Denn nur durch Kritiken lernt man sich zu verbessern

Gast: Gastname
19.05.2008 12:13
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Amis sind endlich wieder fortschrittlicher

Super, die Amis fangen langsam an das abzuschaffen, was viele bei uns in Hinblick auf den Fall Amstetten und vorher Kampusch geradezu fordern. Kinder brauchen Freiheiten, Kinde brauchen Risiko und zwar im Echten Leben, ansonsten holen sie sich die "Kicks" nur Virtuell und später durch ALkohol, Drogen usw...
Außerdem sind Kinder die sich viel bewegen können und auch dürfen später selten unsportlich und übergewichtig.

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