Lindmayer: „Jedes Baby ist von Anfang an sauber“

„Stoff- oder Wegwerf-Windeln“ – das ist für die meisten Familien die einzige Frage im Zusammenhang mit Baby-Hygiene. Nicht für Lini Lindmayer.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Lini Lindmayers Tochter Heidi war fünf Wochen alt, als ihre Eltern sie auf einen Besuch bei Freunden mitnahmen. Irgendwann war's dann so weit. „Sie muss aufs Klo“, sagte Lindmayer. „Geh ins Badezimmer“, sagte die Freundin. „Dort kannst du Heidi wickeln.“ – „Nein, ich brauche wirklich eine Toilette für sie.“ Die Überraschung war groß, das Interesse noch größer. „Am Ende standen dann alle um mich herum“, sagt Lindmayer. Und sahen ihr zu, wie ihr fünf Wochen altes Baby tatsächlich Pipi ins Klo machte.

Heidi, heute vier Jahre alt, hatte nie Probleme, die Windel loszuwerden – denn sie hatte nie eine. Lini Lindmayer (24) vertritt nämlich die Auffassung, dass alle Babys von Anfang an sauber sind und deshalb überhaupt keine Windeln brauchen. Die Idee kam der Autorin und Tanzpädagogin, als sie das Buch einer Kanadierin über eine ähnliche Praxis bei Naturvölkern las. „Das probieren wir auch“, beschloss das Ehepaar Lindmayer.

Und es funktionierte – und zwar so gut, dass Lindmayer mittlerweile ein Buch darüber geschrieben hat, Kurse mit wachsenden Teilnehmerzahlen zu dem Thema abhält und auch jenen Müttern hilft, deren Kinder nicht und nicht sauber werden wollen.

 

Mütter, hört die Signale!

Jede Mutter, die ihr Kleinkind „herkömmlich“ durch Tonnen von Wegwerfwindeln gewickelt oder fünfmal am Tag in Stofftücher geschnürt hat, findet die Idee wohl, gelinde gesagt, schwer vorstellbar. „Und doch geht es“, sagt Lindmayer im Gespräch mit der „Presse“. „Babys senden entsprechende Signale aus, sie geben Zeichen. Entweder werden sie unruhig oder sie wimmern oder sie bewegen sich besonders heftig.“ Bei ihrer Tochter habe es bis zum 3. Lebenstag gedauert, bis sie die Botschaft des Säuglings richtig verstanden habe. Bei ihrem Sohn, heute ein Jahr alt, sei bereits das erste Pipi im Topf gelandet.

Lindmayer betont allerdings, dass es sich dabei nicht um ein „Sauberkeitstraining“ handle: „Es geht um Kommunikation, um die Beziehung, um Vertrauen, das die Mutter sich selbst und ihrem Kind entgegenbringen muss.“ Das Kind sendet, und wenn die Mutter die Signale richtig empfängt, könne man sehr bald ein Phänomen beobachten: Dass auch kleinste Kinder sehr wohl warten, bis man mit ihnen auf den Topf geht. „Man muss beobachten, ausprobieren und anbieten, wenn man das Gefühl hat, jetzt könnte es so weit sein – etwa nach dem Stillen oder vor dem Schlafengehen.“ Bei Säuglingen bestehe die Technik dann darin, dass man das Kind – ähnlich wie in einer Stillposition – über den Topf oder die Toilette halte.

 

Windeln sind nicht verboten

Lindmayer betont dabei, dass es bei dieser Methode keinerlei strenge Regeln gebe. „Es ist nicht so, dass man überhaupt keine Windeln verwenden darf“, meint sie. In bestimmten Situationen fühlten sich viele Eltern sicherer, wenn sie dem Baby eine Windel umlegten: etwa wenn sie unterwegs seien oder gerade sehr viel zu tun hätten und nicht auf permanentem Pipi-Beobachtungsposten stehen könnten.

Natürlich sei sie auch mit der Reaktion konfrontiert worden „Sind Sie wahnsinnig?“, meint Lindmayer. Oder mit dem Vorwurf, sie hätte ihre Kinder extrem auf Sauberkeit gedrillt. „Viele Frauen sagen auch von vornherein: Das kommt für mich sicher nicht in Frage.“

Mittlerweile habe sie allerdings rund 300 Familien in ihrer Obhut, Tendenz steigend. „Und es ist gar nicht in erster Linie die Esoterikfraktion, die zu uns kommt“, sagt sie. Dabei hat die Idee „windelfrei“ ökologisch und ökonomisch Sinn. 3000 Euro könne man sich in zwei Jahren ersparen, wenn man auf Wegwerfwindeln verzichte.

Viele Frauen interessierten sich für diese Methode auch erst später – etwa, wenn das Kind einen hartnäckigen Windelausschlag bekommt und der nicht mehr loszuwerden ist. Oder wenn sich die Mutter Sorgen macht, weil ihre Vierjährige partout nicht dazu zu bewegen ist, auf die Windel zu verzichten und das bereits zu gröberen Problemen im Kindergarten führt. „Diesen Kindern muss ich dann wieder etwas beibringen, was sie ursprünglich als Säuglinge konnten, durch das Wickeln aber nach und nach verlernt haben“, sagt Lindmayer.

AUF EINEN BLICK

Lini Lindmayer (24) ist Autorin und Tanzpädagogin. Die gebürtige Wienerin mit Waldviertler Wurzeln hat sich der windelfreien Erziehung verschrieben. Sie hat ein Buch verfasst („Windelfrei – So geht's“, Tologo Verlag, 15 Euro) und hält Kurse zu dem Thema. Der nächste findet am 14. März im Frauen-Männer-Gesundheitszentrum Trotula, Althanstraße 17/6, 1090 Wien, statt. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2009)

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