Plötzlich nur noch „halbe Mama“

Die deutsche Journalistin Lisa Frieda Cossham teilt sich mit ihrem Exmann die Obsorge für ihre zwei Töchter. Sie räumen so mit einem traditionellen Rollenverständnis auf. Ein Gespräch über ihr Leben als Teilzeitmutter.

Die geteilte Obsorge der Eltern nach einer Trennung werde an Bedeutung gewinnen, sagt die Journalistin und Teilzeitmutter Lisa Frieda Cossham.
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Die geteilte Obsorge der Eltern nach einer Trennung werde an Bedeutung gewinnen, sagt die Journalistin und Teilzeitmutter Lisa Frieda Cossham.
Die geteilte Obsorge der Eltern nach einer Trennung werde an Bedeutung gewinnen, sagt die Journalistin und Teilzeitmutter Lisa Frieda Cossham. – (c) Mint Images / picturedesk.com (Mint Images)

Seit fast vier Jahren sind Sie Teilzeitmutter Ihrer Töchter, Martha und Louise, 14 und zwölf Sie trennten sich von ihrem Vater, Jan, weil Sie sich in jemanden anderen verliebten. Wieso kam Ihnen die Idee, eine Kolumne über das Patchworkleben zu schreiben?

Lisa Frieda Cossham: Nach der Trennung von meinem Mann sah ich die Kinder plötzlich nur noch jede zweite Woche und musste das Abschiednehmen lernen. Ich dachte damals: Wie machen das andere Teilzeitmütter? Warum hat nie eine davon gesprochen, wie schmerzhaft diese Umstellung ist? Es gibt so viele Ratgeber darüber, wie wir als Eltern die Beziehung zum Kind festigen und stärken können, aber keinen dazu, wie man sie lockern kann. Da fasste ich den Entschluss zu beschreiben, wie sich das anfühlt – auch in der Hoffnung, andere Eltern zu trösten, die Ähnliches durchmachen.

Im Untertitel Ihres Buchs schreiben Sie, dass Sie Ihre Familie verlassen haben. Aber stimmt denn das? Sie sind ja noch da, zwar nur noch die halbe Zeit, aber dennoch.

Der Untertitel ist natürlich provokant formuliert. Er nimmt Bezug auf das Gefühl, das ich nach der Trennung hatte. Ich verließ meine Familie nicht wirklich, aber in den ersten Monaten fühlte sich das so an, weil ich diejenige war, die sie aufgelöst hatte: Ich zog aus, hatte Schuldgefühle, schließlich ließ ich drei trauernde Menschen zurück. Davon abgesehen glaube ich, dass es als selbstverständlicher wahrgenommen wird, wenn der Mann geht. Ist es die Frau, die geht, wird erwartet, dass sie die Kinder mitnimmt.

Sie sind der Meinung, das gleichberechtigte Wechselmodell getrennter Eltern bringe eine Aufwertung für die Väter, eine Abwertung für die Mütter. Das ist ungerecht.

Sicher. In meinem direkten Umfeld konnte ich diese Haltung nicht beobachten, aber in den Kommentaren zu meiner Kolumne. Vielen schien es verdächtig, dass eine Mutter freiwillig auf die Hälfte der Zeit mit ihren Kindern verzichtet: Mit ihr kann doch etwas nicht stimmen. Fehlt ihr dieser löwenartige Mutterinstinkt? Teilzeitväter hingegen werden gelobt, weil sie sich ihrer erzieherischen Verantwortung stellen, und zwar nicht nur am Wochenende.

Kurz nach dem Kennenlernen der neuen Partnerin an Jans Seite notierten Sie in einer Kolumne: „Für einen Moment bin ich mutlos. Bei allem, was jetzt kommt, ahne ich, müssen wir uns besondere Mühe geben.“ Ist das die Grundzutat für Patchwork: dass sich alle Mühe geben?

Ja, Patchwork ist nie fertig, bleibt ein Prozess. Das ist eine Familienform, die einen permanent herausfordert. In der nie alle zur selben Zeit glücklich sind. An manchen Tagen macht mich das mutlos, an den meisten aber ist es gut und aufregend.

Wie normal ist geteilte Obsorge von getrennten Eltern mittlerweile?

Sie wird an Bedeutung gewinnen, glaube ich. Denn viele Eltern kümmern sich gleichberechtigt um ihre Kinder, und die Politik versucht, das zu unterstützen, indem zum Beispiel Elterngeld gezahlt wird. Aber nach der Trennung leben in Deutschland immer noch neun von zehn Kindern bei einem Elternteil, und in 90 Prozent der Fälle ist das die Mutter. Ich hoffe, dass sich das ändern wird, damit die Mütter entlastet werden.

Was braucht es, damit dieses Modell zur Norm werden kann?

Ich finde es schwierig, das Wechselmodell zur Standardlösung zu erklären, überhaupt ein Modell zu empfehlen, denn jede Familie hat andere Strukturen. Das Wechselmodell setzt voraus, dass die Eltern nah beieinander wohnen, gut miteinander kommunizieren, Zeit haben, sich um die Kinder zu kümmern. Ich wünsche mir, dass wir Fürsorge nicht mehr als weibliche Angelegenheit verstehen und grundsätzlich davon ausgehen, dass Mutter und Vater gleich wichtig für die Kinder sind.

Was gern vergessen wird: Das Teilzeit-Eltern-Dasein hat auch Vorteile. Man hat zwischendurch Zeit für sich allein oder mit dem neuen Partner. Die Kinder haben mehr Bezugs- und damit Betreuungspersonen. Oder ist das nur Schönrederei?

Also ich würde mich jetzt nicht extra trennen, damit meine Kinder mehrere Bezugspersonen haben. Ich glaube aber, sie schaden ihnen nicht. Das musste ich erst einmal begreifen. Am Anfang hat es mich schon befremdet, dass die Freundin meines Exmannes genauso viel Zeit mit meinen Töchtern verbringt wie ich. Und Einfluss auf sie nimmt. Genauso, wie ich lernen musste, mit meiner neuen freien Zeit umzugehen. Inzwischen kann ich sie genießen. Ich weiß, sie stärkt mich für die Wochen zu dritt. Ich kann länger arbeiten, ausgehen, Freunde treffen – nach Schönrederei fühlt sich das gar nicht an.

Sie wurden durch Ihre Onlinekolumne auch mit sehr viel Hass, vor allem von Müttern, konfrontiert. Was hat man Ihnen da so alles an den Kopf geworfen?

Heulboje, Jammermama, abschreckendes Negativbeispiel, solche Dinge. Ich habe versucht, meine neue Rolle als Teilzeitmutter zu beobachten, und das wurde als Jammern interpretiert. Nach dem Motto: „Wenn die Teilzeitmutter sich trennt, soll sie bitte die Klappe halten, das Elend ist schließlich frei gewählt.“ Ich habe den Eindruck, Mütter dürfen ihre Rolle nicht reflektieren, das war schon in der Debatte um Regretting Motherhood sichtbar.

Wie sehr leiden Kinder unter zwei Wohnorten und dem ewigen Wechsel? Und wie nah wohnen Sie beide voneinander entfernt?

Zwanzig Minuten Weg liegen zwischen den beiden Wohnorten. Da ich so nah an ihrer Schule wohne, sind sie auch manchmal in der Vaterwoche mittags bei mir. Wir haben eine ganze Weile nicht mehr über die Wochenwechsel gesprochen, ich glaube, sie fühlen sich für die Kinder normal an. Manchmal sind sie genervt, weil das Cello von A nach B muss, aber das sind dann eher logistische Hürden.

Wenn Sie Teilzeiteltern einen Rat geben dürften, welcher wäre das?

Ich kann keinen Rat geben. Aber wenn ich auf mich zurückblicke, so denke ich: Du hättest nicht so an dir zweifeln müssen. Das schlechte Gewissen, Schuldgefühle, das Vermissen haben mich in den ersten Monaten belastet. Heute weiß ich, dass auch Teilzeitmütter eine starke Bindung zu ihren Kindern haben und sehr gute Mütter sein können.

Was sagen eigentlich Ihre Töchter zu der Kolumne und dem Buch?

Meine Töchter haben meine Kolumne kaum gelesen, das Buch auch nicht. Sie stecken tief in ihrem Teenagerkosmos und haben für so etwas keine Zeit. Ein bisschen stolz sind sie, glaube ich, trotzdem.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Exmann heute, und wie lang hat es gedauert, da anzukommen?

Wir haben ein enges Verhältnis. Jan kennt mich wie kein zweiter Mensch, wir waren Klassenkameraden, Eltern, teilten so viele Jahre Leben. In den Monaten der Trennung konnten wir kaum miteinander kommunizieren. Ich dachte immer, das wird schon wieder, Jan kann nur gerade nicht anders reagieren. Gerade gestern Abend saß er in meiner Küche und sagte, dass er glaube, wir hätten durch die Trennung zwar verloren, aber vor allem gewonnen.

Zur Person

Lisa Frieda Cossham, geb. 1979, mit 22 Mutter geworden, studierte Theaterwissenschaften, absolvierte die Deutsche Journalistenschule, bekam dazwischen ihr zweites Kind und schrieb nach Praktika bei „Süddeutsche“ und „Süddeutsche Magazin“ für Magazine wie „Nido“ und „Stern“. 2013 trennte sie sich von ihrem Mann und teilt sich seither in München das Sorgerecht für die zwei Töchter mit ihm. Darüber schrieb sie die Kolumne „Teilzeitmutter“ auf sz-magazin.de und in ihrem ersten Buch.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2017)

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