Österreichs Schulen sind (noch) offline

In politischen Reden wird die digitale Bildungsrevolution in den Schulen schon lange eingeläutet. In Österreichs Klassenräumen ist sie aber noch nicht angekommen. „Davon sind wir meilenweit entfernt“, sagt der oberste Lehrervertreter.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Auch in Österreich gibt es sie bereits: die Schulen, in denen die altbewährte Schiefertafel dem digitalen Whiteboard gewichen ist, in denen Schüler nicht mehr in Büchern blättern, sondern mit dem Finger über das Tablet wischen und in denen Arbeitsblätter von Lernspielen abgelöst wurden. Solche Schulen existieren. Sie sind aber auch 2016 noch in der Minderheit. „Von der Digitalisierung sind wir in unseren Schulen noch meilenweit entfernt“, sagt Pflichtschullehrergewerkschafter Paul Kimberger.

Die Zeiten, in denen sich 100 Pädagogen im Lehrerzimmer zwei Computer teilten, seien aber vorbei, sagt Kimberger scherzhaft: „Denn heute teilen sie sich schon drei.“ Die Digitalisierung schreitet in Österreichs Schulen tatsächlich langsamer voran als anderswo (siehe Artikel unten). Das belegen auch die Zahlen. Laut „Nationalem Bildungsbericht“ liegt Österreich bei der Nutzung digitaler Medien im Unterricht EU-weit an drittletzter Stelle. Erst vor wenigen Tagen zeigte eine Studie der Arbeiterkammer, dass etwa in Wiens Schulen für jeden dritten Jugendlichen Computer und Internet in der Schule noch gar keine Rolle spielen. Eingesetzt werden die digitalen Hilfsmittel wenn dann vor allem in Informatik und in technischen und betriebswirtschaftlichen Fächern. Oft bleiben sie auch darauf beschränkt. In den Pflichtschulen werden Computer noch seltener genutzt. Gerade in den Volksschulen herrscht vielerorts noch eine Technikskepsis. Während die Kinder zu Hause schon in frühen Jahren mit Tablets und Mobiltelefonen hantieren dürfen, werden sie in den Schulen teils bewusst abgesammelt.

Auch die politischen Schritte hin zur digitalen Schule waren, obwohl die Ankündigungen anderes versprachen, bisher eher zaghaft. Seit Herbst gibt es in der AHS-Oberstufe und in den berufsbildenden Schulen die Hälfte der Schulbücher auch in elektronischer Form als E-Books. Im nächsten Schuljahr soll das auch in der AHS-Unterstufe und der Neuen Mittelschule möglich sein. Derzeit erscheinen diese neuen Medien aber noch „im alten Kleid“, wie Experten kritisieren, denn interaktiv sind diese E-Books nicht. Das soll erst im Herbst 2018 umgesetzt werden.

Computer bereitet Übungsbeispiele vor

Auch in der Bildungsreform, die im Vorjahr beschlossen, aber noch immer nur teilweise umgesetzt wurde, wurden digitale Innovationen angekündigt. Eine Bildungsstiftung soll u. a. Projekte im Bereich der Digitalisierung finanzieren. Außerdem sollen alle Schulstandorte bis 2020 an ultraschnelles Breitbandinternet angeschlossen werden und WLAN nützen können. Die Finanzierung ist noch nicht geklärt. Nachbar Deutschland macht das anders. Die deutsche Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) kündigte vor wenigen Tagen einen Digitalpakt für die Schulen an. Fünf Milliarden Euro wird der Bund zur Verfügung stellen, um in den nächsten fünf Jahren alle Schulen mit Computern und WLAN auszustatten. Die Länder sollen sich im Gegenzug um den Betrieb der digitalen Infrastruktur kümmern, Konzepte für den Unterricht entwickeln und die Lehrer für die neue Form des Unterrichts ausbilden.

Denn Digitalisierung in den Schulen bedeutet viel mehr als Computer und Tablets im Unterricht einzusetzen. Es bedarf einer neuen Form der Pädagogik. Der Lehrer hat schon lange kein Wissensmonopol mehr. Die Schüler können sich viele Informationen aus dem Internet oder aus digitalen Programmen holen. Das verändert den Unterricht. Dem Lehrer kommt etwa an der Steve-Jobs-Schule in Amsterdam, wo großteils mittels Tablet gelernt wird, mehr die Rolle eines Coaches, der für Fragen bereitsteht, zu. Beim Programm School of One in New York ist das ähnlich. 90 Schüler sitzen hier im Mathematikunterricht und üben am Computer. Ihr Lernfortschritt wird digital dokumentiert. Jeden Abend wird der Zentralrechner angeworfen. Der spuckt dann die individuellen Mathematikaufgaben, die auf die Wissenslücken des Einzelnen Rücksicht nehmen, für den nächsten Tag aus. Davon sind auch Österreichs Vorzeige-Digital-Schulen noch weit entfernt.

Auf einen Blick

Beim Einsatz von digitalen Medien im Unterricht liegt Österreich laut „Nationalem Bildungsbericht 2015“ EU-weit an drittletzter Stelle. Nur Luxemburg und Polen weisen in der achten Schulstufe eine noch geringere Nutzung auf (Stand: 2010/11). Nur 22 Prozent der österreichischen Schüler haben angegeben, dass ihre Lehrer in mehr als einem Viertel der Schulstunden digitale Medien nutzen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)

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