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Marek: "Einheitsschule ist kein Thema"

28.12.2012 | 18:54 | BERNADETTE BAYRHAMMER UND JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Die neue ÖVP-Bildungssprecherin Christine Marek wünscht sich im Interview mit der "Presse" mehr Geld für "Brennpunktschulen. Den Begriff „Ghettoklassen“ findet sie letztklassig.

Die Presse: Man fragt sich bisweilen, wofür die ÖVP eigentlich eine Bildungssprecherin braucht. Würde es nicht ausreichen, einen Vertreter der Lehrergewerkschaft hinzusetzen? Die ÖVP ist ja zuletzt nicht durch innovative Ideen aufgefallen.

Christine Marek: Ich halte es für falsch, die Gewerkschaft immer als Blockierer hinzustellen. Zudem haben wir in der Koalition viel weitergebracht: Neue Mittelschule, Ganztagsbetreuung, um zwei Beispiele zu nennen.

Gerade diese beiden Reformen sind aber nun wirklich keine Initiativen der Volkspartei.

Da darf ich korrigieren. Die Initiative für die Ganztagsbetreuung geht auf die ÖVP-Ministerin Elisabeth Gehrer zurück. Und mit dem verpflichtenden Gratiskindergartenjahr, das ich selbst verhandelt habe, haben wir einen bildungspolitischen Meilenstein gesetzt.

 

Bei Ihrem Antritt haben Sie gesagt, das österreichische Bildungssystem sei besser als sein Ruf. Bildungstests sagen etwas ganz anderes. Verkennen Sie da nicht die Lage?

Wenn Sie sich die Jugendarbeitslosigkeit ansehen, stehen wir sehr gut da; bei der dualen Ausbildung sind wir exzellent. Es gibt sicherlich in vielen Bereichen Handlungsbedarf. Aber ich halte nichts davon, wenn wir permanent alles krank jammern.

 

Gerade in Wien sieht die Sache aber tatsächlich nicht gut aus, das zeigen die Bildungsstandards.

Wir müssen uns etwa die Hotspots der Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache ansehen. Auch die soziale Situation ist ein Riesenthema. Sogenannte Brennpunktschulen sollten mehr Ressourcen bekommen.

 

Woher soll das Geld dafür kommen?

Da müssen Sie die Ministerin fragen. Eine schlankere Verwaltung in manchen Ländern etwa wird sicher ein Thema sein.

 

Zu einem anderen Thema: die Gesamtschule. Sehen Sie auch Argumente dafür?

Ich wüsste nicht, welche. Und das differenzierte Schulsystem hat sich sehr bewährt.

 

Teile der ÖVP sehen das aber anders. Der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter etwa.

Es gibt einen einstimmigen Beschluss, in dem wir uns für die Beibehaltung des Gymnasiums aussprechen. Es gibt kein Einheitskind, daher ist eine Einheitsschule kein Thema.

Dieser Logik nach gibt es zwei Arten von Kindern.

Die innere Differenzierung ist in den beiden Schultypen besser möglich. Und wir werfen Bewährtes nicht einfach so über Bord.

 

Bei manchen Themen, etwa der Ganztagsschule, hat man den Eindruck, dass die ÖVP einen Spagat hinlegen muss zwischen dem Bewahren und der veränderten gesellschaftlichen Realität.

Das sehe ich gar nicht so. Besonders im urbanen Raum ist klar, dass es die verschränkte Form und die reine Nachmittagsbetreuung braucht. Ich verwehre mich nur dagegen, dass eine der beiden verpflichtend ist. Generell müssen wir uns die Basis ansehen.

 

Ich nehme an, Sie sprechen vom Kindergarten.

Ja. Man fängt ein Haus ja auch nicht im ersten Stock zu bauen an. Der Kindergarten ist die erste Bildungseinrichtung. Die Frage ist, wie wir die Kinder optimal fördern können, damit sie mit guten Voraussetzungen in die Schule kommen.

Geht es für Sie da auch um die Frage nach den Deutschkenntnissen vor Schuleintritt?

Absolut. Derzeit werden die Kinder oft relativ lange in der Schule „mitgeschleppt“ – ohne ausreichende Förderung. Wenn sie aus der Schule kommen, haben sie zu wenig Chancen. Wäre es nicht gescheiter, sie von Anfang an in einer Intensivphase fit zu machen?

 

SPÖ-Unterrichtsministerin Claudia Schmied lehnt den Vorschlag als „Ghettoklassen“ ab.

Den Begriff „Ghettoklassen“ finde ich letztklassig. Und ich halte es für falsch, den Vorschlag einfach abzuqualifizieren. Wie so etwas konkret aussehen kann, muss man sich ansehen. Man kann ja auch Mischformen machen, eine Art Kurssystem zum Beispiel.

Schmied wünscht sich in Verhandlungen mit der Lehrergewerkschaft mehr Unterstützung von der ÖVP. Kann sie mit Ihnen rechnen?

Es sind Sozialpartnerverhandlungen und keine Parteienverhandlungen.

 

Die politische Symbolik wäre nicht unwichtig.

Es geht nicht um die politische Symbolik. Es geht darum, dass die Sozialpartner vernünftige Rahmenbedingungen schaffen.


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