Was heißt denn überhaupt „gendern“?

Die Initiativen zur Gleichbehandlung der Geschlechter sind vielfältig an den Universitäten. „UniLive“ fragte nach, wie die im Gender-Bereich tätigen Menschen ihre Arbeit auffassen.

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(c) Bilderbox.com

Gendern? Das ist doch kein Wort!“, meint Ulrike Felt, Gleichbehandlungsbeauftragte der Fakultät für Sozialwissenschaften. Sie selbst setzt sich nicht nur für die Gleichbehandlung an der Uni Wien ein – als Chefin des Instituts für Wissenschaftsforschung dient sie wohl auch jungen Wissenschaftlerinnen als „Role Model“: Sie lebt vor, dass sich Familie und erfolgreiche Uni-Karriere nicht ausschließen.

Auch Ruth Müller, die die Lehrveranstaltung „Gender in Science“ leitet, kann mit dem Wort „gendern“ nur wenig anfangen: „Etwas kann gegendert sein, also eine geschlechtsspezifische Dimension enthalten. Soll gendern vielleicht heißen, etwas hat Gender-Mainstreaming durchlaufen? Mir geht es darum, offene oder versteckte Diskriminierung im wissenschaftlichen Arbeiten aufzudecken.“

Der Duden kennt das Wort „gendern“ auch nicht. Im Online-Duden erhält man bei der Suche nach „gendern“ die Frage: „Meinten Sie kentern?“ In der gedruckten Version steht unter Gender Mainstreaming: „Verwirklichung der Gleichstellung von Mann und Frau unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Lebensbedingungen und Interessen.“ Aha – das hilft.

Die Uni Wien nimmt das Thema „Gender“ jedenfalls sehr ernst. Fast alle Studienrichtungen bieten gender-spezifische Lehrveranstaltungen an. So findet man etwa bei den Sportwissenschaften „Geschlechtersensibles Unterrichten bei Mädchen und Buben“, an der Orientalistik „Gender Studies zur islamischen Welt“ und an der katholischen Theologie „Gender-Theorien und Kirchenhistorie“.

 

„Vergeschlechtlichen“ zu sperrig

Am Referat Genderforschung, das im Wiener Uni-Campus am alten AKH angesiedelt ist, wird auch ein eigenes Masterstudium „Gender Studies“ angeboten. Dort lernt man unter dem Schlagwort der Interdisziplinarität „Grundlagenwissen, das unabdingbar für die europaweiten Bemühungen um geschlechterdemokratisch organisierte Gesellschaftsprozesse ist“, wie dem Leitbild zu entnehmen ist. Derzeit sind knapp 100 Studierende für das Masterstudium „Gender Studies“ inskribiert.

Die Mitarbeiter des Referats sind bemüht, in der Gesellschaft für Geschlechtergerechtigkeit einzutreten. Da man damit nicht früh genug beginnen kann, wird in einem vom „Sparkling Science“ geförderten Projekt seit Oktober auch Schülern ein kritisches Bewusstsein für Geschlechts-Stereotypen vermittelt.

Maria Katharina Wiedlack, die selbst am Referat Genderforschung arbeitet, kann mit dem Begriff „gendern“ sehr wohl etwas anfangen: „Im Englischen gibt es zusätzlich zum biologischen Geschlecht den Begriff ,Gender‘ für das soziale Geschlecht.“ Die Entlehnung ins Deutsche – auch als Verb – macht für sie Sinn, da das Wort „vergeschlechtlichen“ zu sperrig ist und nicht gut ausdrückt, was „gendern“ meint: „Ich verwende diesen Begriff, wenn ich aufzeigen will, dass und inwiefern Frauen und Männer aufgrund ihres Geschlechts ungleich behandelt werden.“

Dass man schon bei der Sprache beginnen soll, beide Geschlechter gleichwertig zu behandeln (und nicht „beide Geschlechtsteile zu umfassen“, wie das kürzlich dem Wort „Bürger“ unterstellt wurde), sind sich die engagierten Befragten einig. Ruth Müller bringt das Beispiel einer internationalen Studie, in der Kinder gebeten wurden einen „scientist“ zu zeichnen. Herauskam, dass fast alle Kinder einen älteren Mann im weißen Mantel mit Brille aufzeichneten. „Wenn ich aber stets ,Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen‘ sage, dann löst das ganz andere Bilder in den Köpfen der Menschen aus“, so Müller. Ulrike Felt bringt zudem ein Beispiel, dass gleiche Rechte für Mann und Frau noch lange nicht gleiche Möglichkeiten bedeuten: „Wenn man die Lebensläufe junger Wissenschaftler ansieht, und ein Mann hat in vielen Bereichen publiziert, dann findet man sein breit gefächertes Wissen beeindruckend. Bei einer Frau heißt es eher ,die arbeitet beliebig‘.“

Offene Formen von Diskriminierung wie jene, in der eine Chemiestudentin beim Putzen des Arbeitsplatzes von einem Mann beobachtet wird und er darauf sagt: „Sehr gut: Jeder macht das, was er am besten kann“, sind eher selten geworden. Der Kampf der Frauen konzentriert sich heutzutage auf das Ausmerzen der vielen versteckten Einschränkungen, mit denen man im Unialltag konfrontiert ist.

 

Versteckte Einschränkungen

Auch Männer kämpfen an dieser Front. Vorsitzender des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen ist Richard Gamauf vom Institut für römisches Recht: „Der Arbeitskreis ist in allen Berufungskommissionen für Professuren vertreten und wenn Verdacht auf Diskriminierung vorliegt, können wir bei der Schiedskommission Beschwerde einlegen.“

Obwohl die Uni Wien auf dem richtigen Weg ist (2007 waren 30 Prozent der Neuberufungen Frauen), ist es bis zur 40-Prozent-Quote noch weit. „Wir haben nicht mal genug weibliche Dekane“, so Gamauf. Nur eine der 15 Dekane ist weiblich. In den Gremien der Universitäten soll nun per Gesetz die 40-Prozent-Quote erreicht werden. Gamauf befürwortet dies: „Die Wissenschaft ist noch immer tendenziell frauenfeindlich. Aber mutige Lösungen fehlen leider.“

AUF EINEN BLICK

Gendern ist als Wort nicht im deutschen Duden zu finden. Trotzdem wird es vielerorts verwendet, wenn sich Menschen für eine Gleichbehandlung der Geschlechter einsetzen, wie dies an heimischen Universitäten erfreulicherweise getan wird.

Das englische Wort „gender“ bezeichnet im Gegensatz zum Wort „sex“ nicht das biologische Geschlecht, sondern eine gesellschaftliche Kategorie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2008)

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