Wohnort Studentenheim: Legenden und Wahrheiten

Die Zimmer zu klein, die Nachbarn zu laut, die Gemeinschafts-Küchen zu dreckig. Das Leben im Heim ist anders: Sechs populäre Mythen zum unbekannten Wesen Heimbewohner am Prüfstand.

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(c) AP (Fabian Bimmer)

Lange Gänge, dünne Wände, kurze Nächte – die Sonderwohnform Studentenheim ist von Legenden umrankt. Hier die sechs gängigsten Mythen zum Leben im Studentenheim. Was gilt? Was gilt als überholt?

1. Kevin allein im Heim. Als Insasse in die totale soziale Isolation.


Stimmt, aber auch nicht. Früher war natürlich alles besser und der Heimstudent Teil einer großen Kommune. Man kochte, aß und duschte gemeinsam. Die modernen Studentenheime betreiben indes „In-Sourcing“. Heute kann der Bewohner alle Bedürfnisse in seiner Klein-Wohneinheit erfüllen. In der Freizeit hängt er im Internet. Auch in die Gemeinschaftsküche traut sich keiner: Dort brät der argentinische Austauschstudent Steaks in der offenen Pfanne und die heißen Ölspritzer brennen auf der Haut.

Und im Übrigen: Studieren verkommt dieser Tage zur Anstrengung. Früher hatte man Zeit, heute Angst, als nachlässiger B-Student und Putzkraft bei der Fremdenpolizei in Mürzzuschlag zu enden. Ergo: noch mehr Zeit am Schreibtisch. Kein Sozialkontakt. Trotzdem: Es gibt noch Heime, in denen die Interaktion zwischen den Insassen stimmt. Und die veranstalten sogar Feste, um die Gemeinschaft zu feiern. Beispiele? Das Gartenfest im B3, Lichterfest im Haus Döbling oder die Toga-Party im Lerchenfelder Heim.

2. Bummelstudent Heimbewohner: in Zimmer und Semester 181.


s7;0Stimmt vielleicht. Ein erschütternder Tatsachenbericht von Altstudent Riccardo M.: „Ich habe drei Jahre im Haus Panorama gewohnt und in der Zeit nur die Führerscheinprüfung bestanden. Es war furchtbar. Immer, wenn ich lernen wollte, kam jemand mit einem Sechserträger vorbei.“ Offensichtlich stimmt das Argument – wenn man denn im richtigen Heim wohnt. Oder im falschen. Dann kann man sich den Abschluss sub auspiciis praesidentis schenken.

Eine ganze Palette von Störfaktoren kann einen im Heim vom rechten, weil erfolgreichen, Weg durchs Studium abbringen. Neben erwähnten trink- und feierfreudigen Mitbewohnern – meist studieren sie Agrarpublizistik oder kasachische Logopädie – ist das vor allem der Lärm. Heime sind billig gebaut, so dass an Schlaf nicht zu denken ist, wenn der Ramones-Tribute-Zimmernachbar bis drei Uhr morgens „Blitzkrieg Bop“ auf der E-Gitarre intoniert. Ältere Heime sind dazu oft überheizt, und wenn es zu warm ist, wird man leicht müde und kann nicht lernen. Meistens dann, wenn man bis drei Uhr keinen Schlaf gefunden hat.

3. Erotisches. Im Heim hat man mehr vom anderen Geschlecht.


Stimmt leider nur bedingt. Einerseits sind Heime ein ideales Biotop für abenteuerlustige Singles – das zeigt sich schon an der Architektur: Die Auswahl an Bekanntschaften ist ob der vielen und oft wechselnden Bewohner groß, die Wege (sowohl ins fremde Zimmer, als auch zurück ins eigene) sind kurz. Besonders im Herbst, wenn Erstsemestrige einziehen, wird das interessant. Andererseits liegt in der großen Anzahl an Bewohnern auch der Nachteil. Die Wände in Heimen sind nicht nur dünn, sondern haben Ohren. Wer zu viele Kontakte pflegt, ist schnell Thema beim nächsten Heimfest.

Tipp: Wer die Lust nach einer flüchtigen Bekanntschaft verspürt, sucht sie besser außerhalb des eigenen Heimes. Da aber wird es wieder schwierig. Die ohnehin plumpe Anmache: „Komm heut Nacht zu mir. Ich wohne im Heim“, wirkt auf Menschen, die ein Leben in normal großen Wohnungen gewohnt sind, nicht sonderlich anziehend.

4. „Ich klebe.“ Studentenheim und Sauberkeit: Das passt nicht.


Stimmt. Nur in Gefängnissen und U-Booten wohnen fremde Menschen noch enger zusammen. Ordnung ist da Luxus, Sauberkeit sowieso: Denn die hat ihren Preis. Wer eine der Gemeinschafts-Waschmaschinen benützt, muss nicht nur damit rechnen, dass der neue Pullover auch von der Kollegin aus dem zweiten Stock getragen wird, sondern darf auch tief in die Tasche greifen: ein Mal Waschen bis zu drei Euro. Dreckig ist in Studentenheimen (angefangen von alten Teppichböden bis hin zu den Küchen) somit fast alles – inklusive des sympathischen Zimmerkollegen, der regelmäßig eine Spur der Verwüstung durch Bad und Wohnraum zieht.

Vorsicht, wer seine Eltern zu Besuch lädt: Obiger Mitbewohner hat seine ausufernde Zimmer-Party garantiert für den Vorabend geplant. Und die zeichnet sich durch leere Bierdosen und unbekannte Partygäste aus, die die letzte U-Bahn versäumen und bis zum Morgen bleiben.

5. Provinz-Studenten: Heimbewohner wissen nichts von Wien.


Stimmt. Heimstudenten entstammen den Provinzen. Die Großstadt interessiert sie nicht. Für den typischen Heimbewohner besteht Wien aus dem Heim, der Uni und dem West- bzw. Südbahnhof. Irgendwo in der Mitte steht diese große Kirche. Kontakt mit Wienern gibt es kaum. Warum auch? Die wohnen nicht im Heim. Außerdem sprechen sie ur-argen Dialekt.
Auch am Wochenende trifft der Heimstudent keine Wiener. Dann ist er zu Hause, zieht durch die Lokale von Vöcklabruck oder Judenburg und berichtet von seinem verrückten Leben in der Donaumetropole. Das hat auch sein Gutes: Ohne das von Heimbewohnern generierte Verkehrsaufkommen bräuchten die Bundesbahnen noch höhere Subventionen – eine ungerechte Umverteilung von Student zu Steuerzahler. Weiteres ÖBB-Plus: das tiefgefrorene Essen, das Mama kiloweise mitgibt, hält den Güterverkehr am Leben.

6. Reich ins Heim. Das Leben im Studentenheim ist teuer.


Stimmt teilweise. Die Zimmerpreise differieren stark, je nach Kategorie und Heimträger. Billige Doppelzimmer sind ab 200 Euro monatlich zu haben. Doch es geht auch nobler. Manche Zimmer, etwa in Heimen der Österreichischen Jungarbeiterbewegung, kosten bis zu 300 Euro – größer sind sie deshalb nicht. Auch im Studentenheim Gasometer muss man für ein Zimmer in einer Fünf-Personen-Wohnung mit rund 240 Euro rechnen. Und das für magere 8,30 Quadratmeter Privatsphäre. Möglicher Ausweg: die WG. Die kommt meist billiger, bietet mehr Komfort und Rückzugsmöglichkeiten. Das Problem: Zu Semesterbeginn sind freie Zimmer kaum zu finden.

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