Eric Hobsbawm, Genosse interessanter Zeiten

Der britische Gelehrte war ein profunder Kenner des Kapitalismus und der Arbeiterbewegung. Seine umfangreichen Studien über das lange 19. und das kurze 20. Jahrhundert sind Klassiker. Er starb mit 95 in London.

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(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Er hat es fast zur Gänze erlebt, das kurze, aber schreckliche 20. Jahrhundert, über das er schließlich ein monumentales Werk schrieb, und auch noch beinahe die ersten zwölf Jahre des neuen Jahrtausends, für das etwas voreilige Historiker nach dem Revolutionsjahr 1989 das Ende der Geschichte vorausgesagt hatten.

Solch oberflächliche Täuschung hat Eric John Ernest Hobsbawm, der am 1. Oktober mit 95 Jahren in London an einer Lungenentzündung gestorben ist, nie für wahr genommen, dazu war dieser ökonomisch gebildete, dialektisch geschulte Historiker philosophisch viel zu versiert. Der Sohn eines britischen Kolonialbeamten und einer Wienerin wusste, dass „interesting times“ nicht nur hinter uns, sondern stets vor uns liegen. Diese böse Formel aus dem chinesischen Fluch „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ machte er übrigens ganz ironisch zum Titel seiner Autobiografie, die auf Deutsch 2003 als „Gefährliche Zeiten“ publiziert wurde.

 

Kommunist vom Kontinent in Cambridge

1917, als gerade die Russische Revolution tobte, wurde er in Alexandria in Ägypten geboren, ein Spross der aus Polen stammenden jüdischen Familie Obstbaum, die Mutter hieß Grün. Hobsbawm wuchs in Wien auf. Seine Eltern starben früh, die Familie eines Berliner Onkels nahm ihn 1931 auf. In sich verdunkelnder Zeit war das ein aufgeklärter Kreis, so wie im toleranten Prinz-Heinrich-Gymnasium. Durch Stefan Hermlin, den späteren ostdeutschen Schriftsteller, lernte er die Kommunisten kennen. Hobsbawm wurde mit 14 Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes. 1933, als die Nazis an die Macht kamen, ging er mit den Verwandten nach London, studierte in Cambridge und trat der Communist Party bei.

Bis zur Auflösung der britischen Kleinpartei 1991 blieb er Mitglied. Es mag eine romantische Marotte gewesen sein, sie wurde durch den Eurokommunismus in der Spätphase gemildert. Das zeigen auch seine Beiträge in der linken Kulturzeitschrift „Wiener Tagebuch“. Ein Hauptmotiv für seine ideologische Starrheit war wohl, dass er immer den Antifaschismus hochhielt. Das Parteibuch bewahrte den Gelehrten 1940 vor dem Fronteinsatz im Zweiten Weltkrieg, verzögerte aber auch seine akademische Karriere.

Erst 1971, als er längst durch große Publikationen (eine englische Wirtschaftsgeschichte sowie originelle Werke über Sozialrebellen) bewiesen hatte, dass er ein bedeutender Historiker war, erhielt Hobsbawm eine Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte am Birkbeck College der University of London, einer Abendschule. 2002, zwanzig Jahre nach seiner Emeritierung, inzwischen mit diversen Gastprofessuren versehen, unter anderem mit einem Lehrstuhl an der New School for Social Research, wurde er an seinem College Präsident.

 

Ein langes Leben im Zeitalter der Extreme

Manche seiner Bücher sind Klassiker geworden, Pflichtlektüre für jene, welche kulturell eingebettet die Geschichte seit den Revolutionen des 18. Jahrhunderts verstehen wollen. Er prägte mit dem Kolonialismus-Erforscher Terence Ranger 1983 den Begriff „erfundene Tradition“. Der Historiker sollte sich vor der Behauptung des „immer schon“ in Acht nehmen. Leicht gehe man so reinen Erfindungen auf den Leim.

Bis zuletzt blieb Hobsbawm äußerst produktiv. Allein über die Arbeiterbewegung schrieb er drei Dutzend Aufsätze. Mehr noch fiel ihm zum Kapitalismus an sich ein, den er in seiner Trilogie über das „lange 19.Jahrhundert“ beschrieb. Dieses reichte für ihn von 1789 bis 1914. In drei Bänden analysierte er Beginn, Blüte und Krise der modernen Industriegesellschaft: „The Age of Revolutions“ (1962), „The Age of Capital“ (1975) sowie „The Age of Empire“ (1987). Als abschließender vierter Teil dieser Serie, die inzwischen in gut 40 Sprachen übersetzt wurde, erschien „The Age of Extremes. The Short 20th Century“ (1994). Dieses Buch führt bis ins Jahr 1991, als unter KPdSU-Chef Michail Gorbatschow die Sowjetunion aufgelöst wurde. Das Jahrhundert der Extreme hat für Hobsbawm drei Phasen: die Katastrophe, die bis 1945 führte, das Goldene Zeitalter des Wiederaufbaus bis in die Siebzigerjahre und der „Landside“, das Abrutschen unter den Supermächten in der Endphase des Kalten Krieges. 1989 ist der Beginn eines neuen Zeitalters.

What's left? Wie vernünftig ist es, nach dieser Zäsur an einer Ideologie festzuhalten, die sich ganz von selbst in der brutalsten Ausformung von Bürokratie und perversen Formen des Terrors ad absurdum geführt hat? Dieser Frage hat sich der linke Historiker Hobsbawm auch in hohem Alter gestellt, beharrlich blieb er Utopist. „How to Change The World. Tales of Marx and Marxism“ nannte er 2011 einen Sammelband mit Essays aus fünf Jahrzehnten. Darin kann man erfahren, ob es sich noch immer lohnt, Antonio Gramscis Tagebücher zu lesen, wie man die „Grundrisse“ von Marx neu deuten kann und was der Philosoph mit dem Bart uns noch über den Begriff Arbeit zu sagen hat. Für Hobsbawm bleibt er wesentlich.

 

Künftige Bedrohungen des Kapitalismus

„Marxism in Recession 1983–2000“, der vorletzte Text darin, erörtert den Abstieg der Linken. Der siegreiche liberal-demokratische Kapitalismus habe in Fortführung der antikommunistischen Rhetorik des Kalten Krieges nicht die Theorien und Analysen von Marx denunziert, sondern seine Aussicht auf Revolution. Marx wurde laut Hobsbawm als Anstifter von Terror und Gulag punziert. Künftige Bedrohungen des Kapitalismus lägen aber nicht in sozialen Revolutionen, sondern in der Natur seiner ungehinderten globalen Operationen. Und in der Analyse dieser Mechanismen liege die eigentliche Stärke von Marx. Der Historiker war zuversichtlich: Der wird wieder aktuell.

Hobsbawm war kein Gelehrter im Elfenbeinturm, sondern engagiert. „Wir sollten die äußere Welt nicht vergessen, auch wenn wir in einem angenehmen Rathaus sitzen“, sagte er im Frühjahr 2008, als die Stadt Wien ihn ehrte, warnte vor einer Weltkrise, deren erste Anzeichen Hungerunruhen in Afrika und Asien waren. Er mahnte den Westen: „Wir können nicht einfach so sitzenbleiben.“ Die eigene Arbeit schätzte er damals so ein: „Ich möchte mich am liebsten als eine Art Guerilla-Historiker beschreiben.“

Hobsbawm und Wien

Als Zweijähriger kam der 1917 in Alexandria geborene Hobsbawm (damals noch Hobsbaum) nach Wien, wo er, wohnhaft in der Villa Seutter in Hietzing, seine Kindheit verbrachte.1929 starb sein Vater, zwei Jahre später seine Mutter, sodass der 14-Jährige mit seinem Onkel nach Berlin zog.

2008 wurde Hobsbawm Ehrendoktor der Universität Wien und Ehrenbürger der Stadt. Wien habe ihn vor allem kulturell geprägt, sagte er damals, etwa durch zahlreiche, von seiner Mutter angeregte Theaterbesuche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)

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