Bachelorstudium: "Die Schwachstellen von "Bologna"

Der deutsche Bildungswissenschaftler Rolf Schulmeister kritisiert die Bachelorstruktur: kleine Module, viele Prüfungen und kein Freiraum für ein Selbststudium.

Die Presse: Sie haben bei einem Diskussionsabend der Fachhochschule Wien Ihre kritischen Bedenken zur Bologna-Struktur geäußert. Sind diese in Österreich ähnlich berechtigt wie bei Ihnen in Deutschland?

Rolf Schulmeister: Ja. Meines Erachtens sind einige grundlegende Fehler gemacht worden, z.B. hat man eine Arbeitsbelastung von 45 Wochen zu je 40 Stunden eingeführt, aber nicht bedacht, dass die meisten Studierenden – in Deutschland sind es 63 Prozent – ihre Studien durch Erwerbstätigkeit bezahlen müssen. Es ist nicht eingeplant worden, dass sich viele nicht als Vollzeitstudierende dem Studium widmen können. Und der größere Teil, das sind die Teilzeitstudierenden, verletzten ein zweites Ziel von Bologna, nämlich die Verkürzung der Studiendauer. Der zweite Fehler: Bologna hat nicht daran gedacht, dass man – wenn man zwischen 40 und 45 Wochen zur Arbeit verpflichtet ist– vielleicht über die Vorlesungszeiten nachdenken muss. Dass man den Studenten auch Betreuung anbieten muss. Nach wie vor ist es so, dass an den Universitäten pro Semester 14 Wochen Vorlesungszeit sind, und die anderen Wochen ist der Student unbetreut.


Es passt das alte Organisationskonzept nicht mehr.

Schulmeister: Das ist der nächste Fehler: Im Semester wird man den Ablauf anders organisieren müssen. Wir haben eine Modulstruktur. Nach wie vor bleiben aber die Module völlig über die 14 Wochen verteilt, wie üblich meist in Zwei-Semester-Wochenstunden. Es wäre aber dem Modulcharakter wesentlich angemessener, wenn man sie als Einheit lehrt, also ein Modul nach dem anderen, nicht parallel. Das hätte den Vorteil, dass sich die Studierenden auf ein Thema konzentrieren können. Im Moment ist es so: Sie haben zwei Stunden da, zwei Stunden dort, dazwischen eine Stunde Zeit, die aber zu kurz für ein Selbststudium ist. Das Selbststudium geht verloren...

...weil das Bachelorstudium auch verschulter ist.

Schulmeister: Das behaupte ich nicht. Man hat sicher weniger Freiraum, weil die Kapazität ausgeschöpft ist.

In Österreich gipfelten die Studentenproteste an Bologna in dem Slogan „Bildung statt Ausbildung“.

Schulmeister: Ja. Das ist ebenfalls ein kritischer Punkt. Die Wahlfreiheit ist weg, das macht den Verschulungscharakter. Ansonsten hat sich wenig geändert. Die Didaktik ist dieselbe, die Professoren sind dieselben, wahrscheinlich sind auch die Veranstaltungen dieselben geblieben. Eine weitere Einschränkung kam durch die Einführung des Schlüsselqualifikationsbereichs, der nimmt ja zusammengerechnet ein Semester und damit auch noch Kapazität weg. Bologna hat das Selbststudium mit Leistungspunkten versehen. So, als ob das eine Leistung der Institution wäre. Und das macht den Unterschied zu früher. Das Selbststudium früher war völlig frei. Wenn ich aber Leistungspunkte dafür vergebe, dann müsste ich ein Feedback haben. Die Studenten sind also zu dem Selbststudium verpflichtet, aber sie nehmen es nicht wahr, weil dieses nicht integriert ist. Ich habe eine Zeitstudie an vier Universitäten gemacht. Die Studenten studieren im November 2,26 Stunden pro Tag, im Dezember lernen sie noch weniger, im Jänner vier bis fünf Stunden. Damit holen sie das Manko nicht wieder herein. Sie sollen ja nach Bologna 40 Stunden in der Woche lernen.

Sie kritisieren die vielen Module.

Schulmeister: Der nächste Fehler: Man hat die Module zu klein geschnitten. Die deutschen Kultusminister haben am Anfang gesagt: mindestens drei ECTS-Punkte pro Modul (European Credit Transfer System, 180 ECTS-Punkte sind ein sechssemestriges Bachelorstudium; Anm.), die Hochschulrektorenkonferenz hat gesagt, vier bis sechs ECTS seien eine optimale Größe, die Akkreditierungsagentur will ungefähr fünf ECTS. Wenn ich 30 ECTS pro Semester brauche, sind das bei größeren Modulen sechs Prüfungen, bei kleineren mehr. Das heißt: Die Studien haben zu viele Prüfungen.


In Österreich war eines der Argumente für den Bachelor, dass es schon bald einen ersten Abschluss gibt und daher die Drop-out-Rate sinkt. Ist diese jetzt gesunken?

Schulmeister: Nein, sie ist tatsächlich gestiegen. In den alten Studien bis 2001 ist die Abbrecherquote auf 21 Prozent gesunken, sie ist jetzt bei den neuen Studiengängen im Durchschnitt auf 30 Prozent gestiegen. In der Regel deswegen, weil die Studienmotivation und die Studienstruktur nicht zusammenpassen. Und auch weil es zu einem großen Teil Erwerbstätigkeit gibt.


Sie kennen die deutschen Reaktionen, Sie haben in Wien die Zweifel am Bolognasystem miterlebt – sind die Reaktionen ähnlich gelagert?

Schulmeister: Ja, durchaus ähnlich gelagert. Allerdings sind einige ganz wichtige Punkte von den Studierenden bei den Protesten nicht vorgebracht worden. Sie haben von Belastung, Stress, Verschulung gesprochen. Meines Erachtens wurde das Hauptelement, dieses Selbststudium, nicht einwandfrei deklariert. Die ganze Lehrorganisation nimmt darauf keine Rücksicht. Das haben die Studenten nicht vorgebracht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2010)

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