Porträt: Bollywood-Fan, Kabarettist – und Lektorenchef

Der Filmwissenschaftler Claus Tieber ist neuer Präsident der IG Lektoren. Für ihn ist es „eine Absurdität, dass die Lektoren jedes Semester neu ab- und angemeldet“ würden.

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(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

Er sei vermutlich „untypisch“ für das wissenschaftliche Personal an der Universität, sagt Claus Tieber über sich selbst. Ihm mache das Unterrichten „ungemeinen Spaß“. Denn es gebe „viele, die auf die Lehre verzichten könnten und lieber nur forschen würden. Der Stellenwert der Lehre an den Universitäten ist nicht sehr hoch.“

Seit Kurzem hält Tieber, externer Lektor an der Universität Wien, nicht nur seine – gesetzlich festgelegten – 7,99 Wochenstunden, er kümmert sich auch um die Vertretung seiner Berufsgruppe. Der 44-jährige gebürtige Tiroler ist neuer Präsident der Interessengemeinschaft Freier Lektoren (IG Elf).

Was Tieber erreichen will? Forderungen hat der Filmwissenschaftler, der Lehrveranstaltungen zu Themen wie „Drehbuch schreiben“, „Geschichte des Hindi-Films“ oder „Hollywoods Starsystem“ anbietet, einige. Tieber will sich für eine Aufwertung der Lektoren einsetzen. Wie? „Natürlich“ durch eine bessere Bezahlung, gezielte didaktische Vorbereitung, stärkere Anbindung an die Institute und – für ihn ganz wichtig – unbefristete Verträge für die Lektoren.

 

Praxiserfahrung auf der Bühne

Es sei „eine Absurdität, dass die Lektoren jedes Semester neu ab- und angemeldet“ würden, kritisiert der frühere ORF-Redakteur – und prophezeit der Uni Wien einen Knalleffekt für 2012: Da werden laut seiner Berechnung die Verträge von etwa 2000 freien Lektoren nicht mehr verlängert, da eine durchgehende Lehrtätigkeit auf acht Jahre beschränkt ist. „Das wird ein Problem für das Rektorat sein. 2000 Menschen kann man nicht von heute auf morgen ersetzen.“

Das geplante „Senior Lecturer“-Modell (mit Anstellung und weitaus größerer Lehrverpflichtung) betrachtet Tieber skeptisch: „Wenn man nicht mehr forscht, kommt man auch in der Lehre nicht mehr weiter.“ Apropos Forschung. In seinem aktuellen Projekt an der Uni Salzburg beschäftigt sich Tieber mit der Rolle von Begleitmusik in Wiener Stummfilmkinos. Und in seiner Freizeit steht er hin und wieder selbst auf der Bühne: Der Hobbykabarettist hat einige Auftritte im Weinhaus Sittl am Gürtel hinter sich. Hier habe er wertvolle Erfahrung für die Lehre gesammelt, sagt Tieber schmunzelnd: „Wenn ein Betrunkener hereinkommt, muss man Fassung bewahren. Ein Hörsaal voller Studenten kann einen dann nicht mehr erschüttern.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.03.2010)

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