Frieden braucht Konfliktbereitschaft

Auch wenn langfristig die Gefahr gleich bleibt, ist die Angst vor gewaltsamen Konflikten groß. Deshalb ist es wichtiger denn je, sich mit deren Vermeidung zu beschäftigen.

Konflikte sind unvermeidlich, das Ziel ist, sie nicht gewaltsam auszutragen.
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Konflikte sind unvermeidlich, das Ziel ist, sie nicht gewaltsam auszutragen.
Konflikte sind unvermeidlich, das Ziel ist, sie nicht gewaltsam auszutragen. – (c) Bilderbox

Die Zahl der jährlich ausbrechenden bewaffneten Konflikte seit 1945 ist relativ gleichbleibend. Geändert haben sich Art und Intensität. Am „unfriedlichsten“ war die Welt wohl gegen Ende des Kalten Krieges. Seit 2005 stieg das globale Gewaltniveau wieder signifikant, hat sich aber mittlerweile auf einem Wert eingependelt, der klar unter jenem von 1991 liegt“, sagt Maximilian Lakitsch von der Universität Graz, Koordinator des Conflict – Peace – Democracy Clusters. Dieser Cluster soll die in Österreich vorhandene Kompetenz in den Themenfeldern Konflikt, Frieden und Demokratie bündeln. „Eine umfassende Beschäftigung mit dem Thema Frieden verdeutlicht, dass eine optimistische Herangehensweise in Theorie und Praxis viel bewirken kann“, soLakitsch. Der gegenwärtige Diskurs werde von ehemaligen Utopisten aus der Babyboomer-Generation und deren Schwarzmalerei geprägt. Dem müsse man mit realistischen Optimismus und entsprechenden Lösungsvorschlägen entgegen treten.

Die globale Perspektive ist im Fokus des Universitätslehrgangs „Global Citizenship“, der auch als Masterlehrgang an der Uni Klagenfurt angeboten wird. Die Teilnehmer dieser vier- beziehungsweise sechssemestrigen Ausbildung lernen die Grundlagen von „Global Citizenship Education“, politischer Bildung, globalem Lernen, interkultureller Bildung und Friedenspädagogik. Die Globalität spiele deshalb eine wichtige Rolle, weil „die Risiken, dass aus einem lokalen ein internationaler Konflikt wird, groß geworden sind“, sagt der wissenschaftliche Leiter Werner Wintersteiner. Friedens-Know-How sei aber auch deshalb wichtig, weil er selbstverständlich geworden sei. Für Wintersteiner ist die Essenz von Friedensmaßnahmen eine gesunde Konfliktbereitschaft: „Man sollte den Wert des Konfliktes stärken, denn nur so können Zustände verändert werden“, so der Experte.

 

Interkulturelle Betrachtung

An der Universität Innsbruck haben in den letzten 15 Jahren 400 Studierende ihren Master für Frieden, Entwicklung, Sicherheit und Internationale Konflikttransformation gemacht. Die wissenschaftliche Leitung obliegt dem UNESCO Chair for Peace Studies, dem Wolfgang Dietrich vorsteht: „Die Friedensforschung dient den Menschen und Gesellschaften mit der systematischen Ergründung, was Frieden in ihren konkreten Beziehungen sein kann, wie sich das gestaltet, ja wie wir überhaupt über Frieden sprechen können.“ Das funktioniere in verschiedenen Sprachen und Kulturen höchst unterschiedlich und könne oft nicht so einfach übersetzt werden. Die Forschung gehe tief in alle Bereiche des Menschseins, habe neben dem politologischen Anteil auch viel mit Soziologie, Ethnologie, Psychologie, Philosophie, Sprachwissenschaften, Theologie und anderen Nachbardisziplinen zu tun. „Friedenswissenschaft heißt ganzheitliche Wissenschaften“, sagt Dietrich.

1600 Jugendliche, aber auch Mitarbeiter der OSZE, von NGOs und den UN treffen sich jedes Jahr im burgenländischen Stadtschlaining. Das dortige Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung ÖSFK bietet verschiedenste Kurse und Seminare an: „Vor allem jungen Menschen ist klar, dass etwas gemacht werden muss – nicht die große Revolution, sondern eine Transformation innerhalb der Gesellschaft“, sagt Direktorin Gudrun Kramer. Und das ist durchaus international zu sehen. Wenn beispielsweise im Herbst ein Kurs zum Thema Menschenrechtsbeobachtung stattfindet, bewerben sich 600 aus 15 Ländern für die 22 Plätze. „Schon alleine durch das tägliche Miteinander lernt man, Widersprüche konstruktiv auszutragen.“ Für Kramer gehören drei Komponenten zur Friedensbildung: gewaltfreies Handeln, Empathie und Kreativität für gute Lösungen. Für sie steht fest: „Frieden ist Konflikt. Man muss nur weniger gewaltsam damit umgehen.“

Web: https://frieden-konflikt.uni-graz.at
www.aspr.friedensburg.at
, www.aau.at
www.uibk.ac.at/peacestudies

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2017)

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