Ernährungsmedizin

Mit Ernährung gegen Krankheiten

Experten fordern die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Diätologen. Grundlage dafür sind Aus- und Fortbildungen, an denen beide Berufsgruppen teilnehmen.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mindestens 70 Prozent aller Erkrankungen hängen mit der Ernährung zusammen. Ernährungsmedizin kann helfen, Krankheiten vorzubeugen oder deren Heilung zu unterstützen“, sagt Christiane Fischer, Leiterin des Lehrgangs Klinische Ernährungsmedizin an der Donau-Universität Krems. In dieser Ausbildung will man die Studierenden unter anderem fit machen im Erstellen von Ernährungsempfehlungen und Diätplänen, Therapiestrategien im Bereich der klinischen Ernährung und den Interaktionen von Nahrungsmittelinhaltsstoffen, Mikronährstoffen und Arzneistoffen. Der Lehrgang richtet sich in erster Linie an Ärzte und Diätologen. „Viele unsrer Teilnehmer kommen aber auch aus den Bereichen Pflege und Ernährungswissenschaften.“ Gerade werde er überarbeitet und künftig Angewandte Ernährungsmedizin heißen. Die Dauer bleibt gleich, nämlich fünf berufsbegleitende Semester. Sinnvoll sei der Lehrgang „für alle Bereiche der Medizin, egal, ob in der Inneren Medizin, der Orthopädie oder der Onkologie“, erläutert Fischer.

 

Interdisziplinäres Fach

Die Ernährungsmedizin ist ein interdisziplinäres Fach der modernen Medizin. Sie wird in der einschlägigen Literatur als Wissenschaft vom Einfluss der Ernährung auf den Funktionszustand des gesunden und kranken menschlichen Organismus sowie vom Einfluss der Krankheiten auf Nahrungsbedarf, -aufnahme und -verwertung definiert. „Hippokrates prägte die Aussage „Ernährung ist die beste Medizin“.

Die Ernährungsmedizin als wissenschaftliche Disziplin sei erst im 20. Jahrhundert entstanden, besonders durch Erkenntnisse der Mangelernährung und deren Bekämpfung nach den Kriegen, sagt Kurt Widhalm, Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (OAIE). Bedauerlicherweise gebe es derzeit an österreichischen Universitäten keinen einzigen Lehrstuhl für Ernährungsmedizin, sehr wohl aber ein Institut für Ernährungswissenschaften, an dem aber weder gesunde Menschen untersucht werden, noch Kranke behandelt werden dürften. Ohne Erfahrung am Menschen sammeln zu können, „sei der Spekulation Tür und Tor geöffnet“. Das OAIE bietet einen Diplomkurs an, der sechsmal zwei Tage dauert. Dabei wird das Wissen um die Grundlagen der Ernährung vertieft, beispielsweise die Diagnostik ernährungsbedingter Erkrankungen, Therapie auf Basis ernährungsmedizinischer Erkenntnisse und Prävention ernährungsabhängiger Erkrankungen. Diese Ausbildung wird auch von der Österreichischen Ärztekammer anerkannt. „Jedes medizinische Fach sollte die Erkenntnisse der modernen Ernährungsmedizin kennen und nutzen. Insbesondere soll die Prävention mittels gesunder Ernährung inklusive Bewegung wesentlicher Bestandteil jeglicher Gesundheitsvorsorge sein“, fordert Widhalm. Laut der österreichischen Gesundheitsbefragung 2014 im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit wurden bezüglich Vorsorge Impfungen und Untersuchungen wie Blutdruck- und Cholesterinmessungen am häufigsten genannt. Das Thema Ernährung findet sich in diesem Kapitel mit keinem Wort.

Dass ernährungsbedingte Krankheiten und Unverträglichkeiten wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes zunehmen, ist allgemein bekannt. „Deshalb müssen Ärzte und Diätologen endlich zusammenarbeiten“, bekräftigt auch Hermann Toplak. Er leitet den seit 2011 eingerichteten postgradualen Masterlehrgang Angewandte Ernährungsmedizin als Kooperation zwischen der Medizinischen Universität Graz und der FH Joanneum. Ein Fokus dieses Kooperationsmodells liegt auf dem Miteinander von diätologischer und medizinischer Seite sowie auf den individuellen, praktischen Erfahrungen und Kompetenzen der Teilnehmer. „Ernährung ist heute für viele Mediziner kein Thema, was sich ändern sollte.“ Idealerweise für jene, die gemeinsam mit Diätologen in Reha-Zentren arbeiten. „Sie könnten fallorientiert lernen und gemeinsam an Masterprojekten arbeiten“, sagt Toplak.

 

Beratungskompetenz gefragt

Ein Ausbildungsziel des fünfsemestrigen, berufsbegleitenden Studiengangs ist der Erwerb erweiterter Beratungskompetenz. So beschäftigt sich ein Modul mit den Bereichen Beratungstechnik, Konfliktmanagement und kulturellen Ansätzen. Stichwort Migranten. „Wenn jemand beispielsweise erhöhte Cholesterinwerte hat, sollte man das Geschlecht beachten, die religiöse Zugehörigkeit und auch die Ethnizität“, erläutert Toplak.

Information

Die Ziele der Ernährungsmedizin:
► Prophylaxe zur Erhaltung der Gesundheit
► Sekundärprävention zur Wiederherstellung der Gesundheit
► Tertiärprävention zur Linderung von Krankheiten

Links:
www.fh-joanneum.at,
www.donau-uni.ac.at, www.oeaie.org,
www.arztakademie.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2017)

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