Die zwei Gesichter Serbiens

16.07.2011 08:22 |  Teresa Reiter

Wir sind zu einer günstigen Zeit hier um eine interessante Stimmung einzufangen. Vor etwa einem Monat lieferte Serbien Ratko Mladić endlich an den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag aus. Gleichzeitig feiert Serbien seinen neuen Helden Novak Đoković.

Wir sind zu einer günstigen Zeit hier um eine interessante Stimmung einzufangen. Vor etwa einem Monat lieferte Serbien Ratko Mladić endlich an den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag aus. Seit dem Jahr 1995 liegt eine Anklage wegen Völkermordes an 8000 bosnischen Männern und Jugendlichen in Srebrenica gegen Mladić vor. Als Serbiens Bewerbung um den EU-Kandidatenstatus zu scheitern drohte, begann das Regime mit der intensiveren Suche nach Ratko Mladić und fand ihn eigentlich viel zu schnell um die Behauptung aufrechtzuerhalten, dass man die ganze Zeit gründlich nach ihm gefahndet hätte. „Es ist so offensichtlich, dass die Regierung die ganze Zeit über wusste, wo Mladić ist. Als der Antrag auf Kandidatenstatus beinahe abgelehnt wurde, haben sie ihn dann plötzlich „gefunden“ und erwarten sich nun davon, dass sie in die EU aufgenommen werden“, sagt Bojana Barlovac, Journalistin bei BIRN

Wir haben viele Stimmen wie diese gehört, seit wir hier sind. Die wenigsten Menschen hier glauben, dass die Regierung in den letzten Jahren wirklich nach Mladić gesucht hat. Durch die Ablehnung des Kandidaten-Antrags kommt die EU-befürwortende Fraktion der serbischen Regierung in Zugzwang Ergebnisse vorzulegen. Deshalb wurde Mladić ausgeliefert, sagen viele hier.

(c) Teresa Reiter Ratko Mladic

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Nach Mladić kräht kein Hahn mehr

Es ist nicht so, dass seine Auslieferung für die Menschen hier überhaupt nicht relevant ist. Abgesehen von den bizarren Aussagen serbischer Ultranationalisten, gibt es jedoch nicht sehr viel Gesprächskultur über Mladić. „Die Serben sind müde darüber zu reden. Sie wollen sich nicht mehr mit den Schatten der Vergangenheit herumplagen“, sagt der serbische Journalist Dejan Anastasijević. Das Verfahren gegen Mladić läuft bereits. Am 3. Juli warf ihn der Richter aus dem Gerichtssaal, weil er kontinuierlich das Verfahren störte und sich respektlos benahm. „Es kam in den Medien, aber keinen interessiert es. Wieso? Weil am gleichen Tag das Wimbledon-Finale war und alle Novak Đokovićs Sieg feierten. Ich als Journalist muss dem irgendwie zustimmen.  Đokovićs Erfolg hat Neuigkeitswert. Ratko Mladić, der sich vor einer internationalen Institution daneben benimmt, ist hingegen überhaupt nichts Neues“, so Anastasijević weiter. 

Novak Đokovićs Sieg ist inhaltlich politisch irrelevant. Allerdings ist sein Aufstieg zum Popstar der serbischen Imagepolitik ein hervorragendes Beispiel für die politisch aufgeladene Atmosphäre des Landes. Einfach alles hier ist Politik, sogar die Dinge, die eigentlich überhaupt nichts damit zu tun haben, wie Tennis.

(c) EPA (Koca Sulejmamanovic) Novak Đoković: Serbiens Lieblingskind

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Serbiens Lieblingskind

Als Đoković Wimbledon gewann, feierten die Serben in den Straßen. Überall hier hängen Plakate, auf denen er zu sehen ist. Der junge Tennis-Star ist der Stolz Serbiens. Jeder hier hat davon gehört und die meisten Leute, die wir hier trafen, kamen auf ihn zu sprechen. „Er repräsentiert das Bild, das Serbien nach außen hin vermitteln möchte“, erklärt Dejan Anastasijević. „Er ist jung, er sieht gut aus, er ist extrem talentiert und was am wichtigsten ist, er benimmt sich anständig.“ Das ist der Ruf, den Serbien international gerne hätte.  Đoković ist der Traumschwiegersohn der Nation. 

Mladić und Đoković sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide stehen auf ihre Art für Serbien. Momentan liegt die Aufmerksamkeit bei  Đoković und der positiven Stimmung, die sein Sieg ausgelöst hat. Sein Erfolg lässt die Serben ihr Erbe von Krieg und Zerstörung vergessen, das schwer auf dem ganzen Land lastet. „Das ist verständlich und legitim“, sagt Anastasijević „aber ganz so leicht geht das nun einmal nicht, bei einer Vergangenheit wie der serbischen“. Dieser Tage könnte man aber fast meinen, dass das in Vergessenheit gerät. Präsident Boris Tadić, der  Đoković persönlich zu seinem Sieg gratulierte, sagte am Tag des Finales: „Ich kann es nicht erwarten, dass  Đoković Präsident wird. Ich kann es kaum erwarten, einem so erfolgreichen Menschen meinen Sessel zu überlassen.“ Sätze wie dieser sagen eine Menge über die Wertigkeit dieses sportlichen Sieges aus. „Tadić benimmt sich lächerlich. Er sollte so etwas nicht sagen. Đoković ist ein guter Tennisspieler, aber Tadić ist Präsident. Das kann man doch nicht einfach so zur Nichtigkeit erklären“, sagt ein junger Musiker aus Belgrad kopfschüttelnd.

Die Instrumentalisierung positiver Ereignisse, Sport und Musik für politische Zwecke hat in Serbien Tradition und erlebt durch  Đoković gerade noch einmal einen Aufschwung. Es ist eine Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Serbien, das immer von seiner Vergangenheit belastet sein wird, erfährt gerade eine intensive Phase des Lebens im Hier und Jetzt. 

2 Kommentare
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Der böse Mladic

Ja ja, der böse, böse Mladic. Vorverurteilt von den westlichen Massenmedien und einem aufgehetzten Mob von Medien-Konsumenten.

Antworten Gast: Anderl74
18.07.2011 11:03
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Sie können froh sein...

das Sie - beispielsweise als Kroate oder Bosnier - niemals auch nur in die Nähe seiner 'Soldaten' gekommen sind. 'Mutige' Männer mit der Waffengewalt der drittstärksten Armee im Rücken, solange es gegen schlecht bewaffnete Gegener und gegen Frauen, Kinder und Alte gegangen ist. Das Land, das sie 'erorbert und gesäuibert' haben ist dann verrottet, wie etwa in Kroatien. Und was für große 'Helden' schließlich diese ganzen serbischen Verbände wirklich waren, kann man dann spätestens ab Juni 1995 beobachten, als sie es gegen gleichrangige Gegner zu tun bekommen und Hals über Kopf ins Mutterland Serbien abhauen.

Globalist

Über die Autoren

  • Thomas Seifert bereiste als Reporter u.a. Tschetschenien, Sudan, Irak, Kosovo oder Nordkorea. Für "Die Presse" berichtet Seifert seit Jänner 06 aus aller Welt.
    Wieland Schneider ist stellvertretender Außenpolitikchef und Südosteuropaexperte der "Presse".


    Die Gewinner von Reporter'12 und Reporter'12-Ost

    Die Gewinner der Reporter'12-Aktion erhalten jeweils eine Reise mit Thomas Seifert und Wieland Schneider im Ausmaß von 14 Tagen, um Ihre Reportageidee in die Tat umzusetzen. In dieser Zeit werden laufend Reiseberichte in diesem Blog veröffentlicht.

    Hannah Stadlober, ist Gewinnerin von Reporter'12 und wird mit Thomas Seifert aus Thailand und Malaysia zum Thema "Kein Recht auf Sprache - Die Identitätskrise der pattani-malaisischen Minderheit in Südthailand" für "Die Presse" berichten.
    Sebastian Wedl, ist Gewinner von Reporter'12-Ost und wird mit Wieland Schneider in Mazedonien zu seinem Thema "Spurensuche nach einem vergessen Konflikt, der die Söhne und Töchter Mazedoniens zur Flucht nach Westeuropa zwang" für "Die Presse" berichten.

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