Licht ins Dunkel der Erinnerung

26.07.2012 11:49 |  von Anneliese Rohrer

Ernst Strasser, der ehemalige niederösterreichische Landespolitiker, der ehemalige Innenminister, der ehemalige EU-Parlamentarier und Gerichtsprozesse: In Kärnten wurde sein spezielles "know how" bei Parteifinanzierung geoutet; in Wien sein eigenwilliger Umgang mit Gesprächspartnern. Strasser - eine Erinnerung.

Mitunter geht auch Journalisten ein Licht auf. Mir auch.  Öfter als manche vermuten würden, aber das ist eine andere Geschichte.

Diese hier handelt von jenem Licht, das mir jüngst bei der Lektüre der Berichterstattung über den Prozess Ernst Strasser vs „Kurier“  in Wien plötzlich aufging. Dabei ging es um das Video, in dem Strasser (vormals ÖVP-Delegationsleiter) angeblichen Firmenvertretern, in Wahrheit aber britischen Journalisten, seine Dienste als EU-Parlamentarier für eine Pauschale von 100.000 Euro im Jahr in Aussicht gestellt haben soll. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung.

Plötzlich fiel mir ein, dass ich da einmal vor rund 20 Jahren, ein anderes Mal vor 11 Jahren etwas krass missverstanden habe. Als mich Strasser in den frühen neunziger Jahren als Geschäftsführer der ÖVP-Niederösterreich in einem Telefonat anbrüllte, er werde dafür sorgen, dass ich meinen Job bei der „Presse“ verliere, wollte er mich sicher nicht bedrohen, sondern nur „provozieren“.  Denn vor Gericht sagte Strasser jetzt aus,  dass er mit seinem Versprechen, gegen Bares EU-Gesetze im Sinne seiner Gegenüber zu beeinflussen, seine "Gegenüber provozieren wollte“.  Er hat, so meine späte Erkenntnis,  vor rund 20 Jahren gar  nicht kritische Kommentare mit der Drohung, die berufliche Existenz zu ruinieren, unterbinden wollen.  Spät fällt mir das ein und auf!

Da hätte ich es eigentlich im Frühjahr 2001 schon besser wissen können, wie mir der Prozessbericht  das jetzt vor Augen führt. Meine veröffentlichte Einschätzung, dass Strasser als Innenminister eine „interessante“ Wahl sei, ist sie doch auf den „brutalsten“ Politiker Österreichs gefallen, trug mir wieder einen Anruf ein. Dieses Mal einen mit sanfter Stimme. Wie ich denn auf dieses Urteil komme, wir hätten uns doch immer so gut verstanden, wären doch immer so gut ausgekommen? Als Journalist(in) muss man auch einstecken können, doch diese Scheinheiligkeit war echt zu viel. Aber wahrscheinlich dachte Strasser damals, dass ich nicht diejenige bin, für die ich mich ausgebe, so wie er es vor Gericht angab: Er wusste, dass „die Personen nicht diejenigen sind, für die sie sich ausgeben“.  Hätte er sonst vielleicht ein höheres Pauschale verlangt?

Wie auch immer, 2001 rief ich Strasser in Erinnerung, dass wir uns bezüglich Drohung und Bedrohung überhaupt nicht gut verstanden hätten – und später auch nicht. Wie er denn auf diese Idee komme? Aber geh, kann doch gar nicht sein! Die Konsequenz der akuten Erinnerungslücke war eine sehr Wienerische, die es in der Mini- und der  Maxi-Variante gibt – je nach Wichtigkeit: "Gehen wir auf einen Kaffee" oder "Gehen Sie mit mir essen".  

Also gingen wir  zu Mittag in ein teures Innenstadtlokal essen. "Anfüttern" würde man heute dazu sagen.  Wahrscheinlich wollte Strasser aber „herausfinden, was die wahren Hintergründe sind“ – meiner unfreundlichen Reaktion auf sein Schmeichel-Telefonat als Innenminister.  Wie er jetzt im Prozess aussagte, ist ihm das Herausfinden von „Hintergründen“ ja auch wirklich wichtig. Tatsächlich sind sie ihm 2001 dann ja auch plötzlich eingefallen. Schließlich hat er nachgedacht.  Ja, die Drohung sei damals in den frühen neunziger Jahren ein Fehler gewesen.

Inzwischen dürfte Strasser wissen, dass das Treffen in Brüssel,  in Bild und Ton festgehalten,  auch ein Fehler war. Schade, dass ich das erste Schrei-Telefonat nicht aufgenommen habe.  Dann wäre mir vielleicht schon früher ein Licht aufgegangen.

47 Kommentare
 
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Gast: Störrisch...
22.08.2012 10:48
0

Meine verstorbene Tante...

...hat für den eine Zeit lang gearbeitet.+

Ja, der ist wirklich so dämlich und grausig!

Misch DICH EIN in Kärnten?

Ja, das benötigt einen festen Hinterntritt
für die Menschen in Kärnten und:
Gehirnmasse erneuern!

Genüsslich Frau Rohrer, und so gut nachzuvollziehen ....

Woraus mir ein Licht aufgeht: "Was Ernstl nicht lernt, lernt Ernst nimmermehr".

Hätte mir auch früher einfallen können. Noch dazu, wo es so viele Ernstls gibt, gerade in Kärnten.

Gast: advo
11.08.2012 08:51
0

Agent Provocateur

Die britischen Reporter haben als Enthüllungsjournalisten die Angelegenheit Strasser auf das Tapet gebraucht. Es sind auch andere Abgeordnete des EU-Parlaments auf diese hereingefallen.
Dies ergibt ein bezeichnendes Bild über die Tätigkeit der Parlamente und ihrer Abgeordneten.
Die Frage ist wo bleibt der Wählerwille, wenn einem Abgeordenten gestattet wird gleichzeitig Interessen Dritter zu vertreten.
In dem herrschenden Politsystem findet offenkundig niemand etwas Bedenkliches daran, lassen sich doch immerhin damit die Geldbörsen der Parlamentarier gut füllen! Warum sollte nun auf einmal das Verhalten des Strasser strafbar sein, wenn es doch Gang und Gäbe ist?!
Nur keine künstliche Aufregung für diese von den Österreichern gewählte Politikerclique!

Gast: passing by
09.08.2012 19:50
4

nur weiter so...

gegen Strasser und seinen schutzherrn Erwin Pröll muss aus allen medialen Rohre(r)n mit Dauerfeuer geschossen werden, sonst setzt die Justiz genau null ehrgeiz dahinter, über diese kriminelle energie die gebührende auszeit zu verhängen.

dass die anklage sofort als wackelig qualifiziert wird, spricht für die tatsache, dass der lange arm des Erwin Pröll auch im justizministerium eingreift (und sei es auch nur indirekt über seine connection zu Häupls roten Parteigängern im Justizpalast).

wenn dieser prozess aber von der justiz versemmelt wird und nicht ein paar jahre unbedingte haft rauskommen, dann ist es mit Österreichs anspruch, einen unabhängigen rechtsstaat zu haben, vor den augen europas endgültig und unwiderbringlich vorbei.

dem Pröll ist die EU natürlich seit je wurscht. und daher gehört der fleischhaube bei der NÖ-wahl nächstes jahr eine ordentlich kopfnuss verabreicht. - unter 30 % wär' fesch... - nicht auf die "einladung" von OSZE-wahlbeobachtern vergessen!

und unter einer neuen bundesregierung - ohne zumindest einen teil von SPÖVP - muss mit der längst notwendigen justizreform begonnen werden! - dafür braucht es einen parteiunabhängigen am besten nicht-juristen. - genauso wie im gesundheitsministerium reformen nur von nicht-ärzten und im heer nur von nicht-generälen möglich sind.

Gast: Fleming
09.08.2012 06:13
0

sonderbar,..

Frau Rohrer, ich traue ihnen nicht,...mehr kann ich dazu nicht sagen,.. sie sind und waren ein Teil des Systems.
Leider.

Re: sonderbar,..

Ja, ich hätte auch sehr gerne erfahren wieso Frau Rohrer Teil des Systems wäre??? Frau oder Herr Fleming - wenn Sie sooooo viel Zivilcourage hätten als Frau Rohrer würde man von Ihnen auch eine detaillierte Antwort bekommen.
Warum nicht??

Antworten Gast: igi
10.08.2012 15:59
1

Re: sonderbar,..

warum war Frau Rohrer "Teil des Systems"?

RE.: Antworten Gast: S-Bua 01.08.2012 17:39

Wohlgemerkt:
Die Minderheit regiert jetzt in Kärnten,denn:
viele Leute gehen erst gar nicht zur Wahl.

Ihr in der Steiermark seid doch diese Kernnaturen welche es uns zeigen können und lernen gehört zum Leben, wir sind halt schon seit langer, langer Zeit Entwicklungsland, aus dem kann doch noch was werden.
Warten und Entschleunigen, danach kommt Leben!

Ende des Gehorsams.....

In Kärnten wurde sein spezielles "know how" bei Parteifinanzierung geoutet; in Wien sein.....

.....und das sehen wir jetzt im großen Schwurgerichtssaal in Klagenfurt, .................
ein Urteil kommt. Da wird scheinbar wieder gelogen zum Teufel komm raus!
In meiner Jugend hat derartiges Agieren und Benehmen geheisen: Rotzbuben und Proleten!

Die vom Steuerzahler erbrachten Gelder welche diese Diebe veruntreut haben, ....ihr werdet diese wieder und wieder wählen weil euch die Entkopplung zum echten Denkvermögen fehlt.
.....sie sind des Verbrechens der Geschenkannahme verurteilt........OMERTA?
Lest lieber richtige Literatur und strengt euch ein wenig an, ein Buch heisst: Ende des Gehorsams......oder ist eure geistige Fähigkeit nur bei Bunga.......Bunga........Bunga?
Er ist sich der Tragweite seines Handels nicht bewusst...........
Und: Ihr könnt jetzt schreiben was Ihr wollt, mein Gehirn befindet sich im Kopf und nicht in der Hose, eine linke Chaotin bin ich auch nicht.


wie können sie es wagen...


...einen der prachtkerle des "erstklassigen" teams von unserem bundeskanzler dr. schüssel so schlecht zu reden? sind sie links? oder linkslink? oder linkslinklink?

außerdem sind keine zahlungen in den büchern zu finden. und die spö ist auch nicht besser. und letztendlich sind das nur gerüchte, unbewiesen behauptungen, gestohlene emails, eine medienkampagne der alt-68er, die uns kein neues schwarz-blaues reformkabinett mehr gönnen wollen. gemein!

wieso spielen sie das spiel der linken kulturschickeria, der boheme (copyright fle), der berufsdemonstranten? lassen sie doch das team schüssel in ruh', denkens lieber an die schönen reformen die die gemacht haben!


Antworten Gast: WFL
07.08.2012 21:16
1

Re: wie können sie es wagen...

Strasser = Erwin Pröll, und nicht Schüssel. Strasser war jahrelang die rechte und linke Hand Prölls, der allmächtige 2. Mann in NÖ.
Wie jeder halbwegs interessierte Zeitungsleser weiß, kam Strasser kam nur nach langem Widerstand Schüssels in dessen Regierung, als Zugeständnis an die NÖ VP.
Nur: Pröll kommt in all diesen Anti-Strasser-Artikeln praktisch nicht vor. (auch im Kurier nicht). Kein Sterbenswörtchen. Auch bei Fr. Rohrer nicht. Warum wohl nicht?
Könnte es sein, weil Pröll ein hingebungsvoller "Großkoalitionär" ist, der von SPÖ-nahen Schreibern und Bloggern dafür belohnt wird, dass er - trotz aller großen Posen - vor der SPÖ brav seinen Kotau macht?

Antworten Antworten Gast: UKW
12.08.2012 18:52
0

Re: Re: wie können sie es wagen...

Endlich einer der mitdenkt.

Gast: niederösterreich
02.08.2012 21:00
0

strassers intimer kreis der 12

traf sich gern bei marschitz im hilfswerk

Gast: b754
01.08.2012 21:21
2

die empörung in der presse ist lächerlich

denn das system kärnten ist das system schüssel der hat es bundesweit instaliert und wird bis heute von der övp und den journalisten geschont das ist der wirkliche skandal die ganze korruption lief vor den augen der journalisten die sich jetzt empören und vorher haben sie schüssel hochgejubelt allen voran die presse

Re: die empörung in der presse ist lächerlich


aber geh, seien's nicht so streng! der "presse" geht's wie dr. schüssel: nix gesehen, nix gehört, nix gewusst, aber auf ehre!

altmodische links-linke kritikaster von anno dazumal würden jetzt zwar sagen, dass von nix zu wissen für eine zeitung vielleicht nicht so gut ist.

aber das ist "die presse", ich bitt' sie! die liest man doch nicht um neues zu erfahren, sondern um schwarz-blaue "reformen" bejubelt zu bekommen und zu lesen, dass alles links von dschingis khan ur bös' ist. DAS wollen wir haben, und nicht kritische berichterstattung! lesen's den falter oder das profil wenn sie neuigkeiten erfahren wollen, diese zeitung hält eben noch auf diskretion und ist stolz darauf. so tickt eben unser "bürgerliches" publikum.

Re: Re: die empörung in der presse ist lächerlich

So eine linkslinke Doppelconférence mit b754 und charles james fox ist echt ein Hammer. Kabarettreif ;-)

Antworten Gast: ovi
02.08.2012 10:57
1

Re: die empörung in der presse ist lächerlich

ja, das stimmt schon ... aber ob Sie es jetzt System Schüssel, Haider oder System Wien, NÖ oder wie auch immer nennen, spielt eigentlich keine Rolle ... Es ist einfach ein Saustall ... und es wäre die Aufgabe unabhängiger Medien zu recherchieren und wieder und wieder und wieder aufzuzeigen ...

Re: Re: die empörung in der presse ist lächerlich

lesen Sie keine Zeitungen? seit Monaten erfahren wir laufend über neue Skandale, wieviele Zeitungen sollen denn es seinß

Antworten Antworten Gast: b754
02.08.2012 15:39
0

Re: Re: die empörung in der presse ist lächerlich

und genau das passiert nicht und da muss man sich fragen warum nicht
und wir können uns die antwort selber geben weil die sogenannte unabhängige presse auch am futtertrog hängt nämlich der der wirtschaft die die eigentliche macht im land ist stichwort werbeeinschaltungen usw. aufedeckungsjournalismus kenn man in österreich schon lange nicht mehr man hat es sich gerichtet und lebt sehr gut davon

Antworten Antworten Antworten Gast: Jo Sef
07.08.2012 15:41
0

Re: Re: Re: die empörung in der presse ist lächerlich

Nicht die Wirtschaft! Die Politik kauft Zeitungen!

Antworten Antworten Antworten Gast: alibababa
02.08.2012 19:41
0

Re: Re: Re: die empörung in der presse ist lächerlich

Danke, Sie haben es auf den Punkt gebracht!


Kärnten - wie lange noch?

http://www.youtube.com/watch?v=a_n6fhCOoG4&feature=youtu.be

Vorschlag:
Schenken wir Kärnten doch den Steirern und wir haben wieder eine Zukunft
oder?

Antworten Gast: alibababa
02.08.2012 19:48
1

Re: Kärnten - wie lange noch?

Gegenvorschlag:
Wir tauschen Kärnten gegen Südtirol

Antworten Gast: S-Bua
01.08.2012 17:39
1

Danke, wir Steirer

wollen dieses Geschenk nicht. Probieren Sie es in Tschetschenien oder ähnlichen korrupten Diktaturen. Die stehen angeblich auf die FP.

 
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Rohrers Reality-Check

Die Autorin

  • Anneliese Rohrer
    geboren 1944, war von 1974 bis 2005 bei der "Presse" als innenpolitische Journalistin, Ressortleiterin Innen- und Außenpolitik tätig. Seit 2009 ist sie Kolumnistin bei der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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