Glückliches Österreich: Geht's noch trivialer?

03.11.2012 18:16 |  von Anneliese Rohrer

Eine aufschlussreiche Beobachtung: Was interessiert die Österreicher und ihre Medien wirklich, während das Leben von Millionen Amerikaner an der Ostküste brutal von einem Hurrikan unterbrochen wurde und sie nicht wissen, wann sie es zurück bekommen? Sido, Heinzl, Wir sind Kaiser, Stronach. Was für ein Glück!

Eine Vortragsreise an der Ostküste der USA zum Thema Menschenhandel und moderne Sklaverei geht zu Ende. Jede Minute der letzten Woche "gehörte" dem Hurrikan Sandy. Wo, wann und wie Schutz finden bevor er das Festland erreicht? Das ist in Philadelphia gelungen. Wie Freunde in New York erreichen, um herauszufinden wie es ihnen geht? Das ist nicht gelungen. Denn im Unterschied zu den Katastrophentagen in der Stadt nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 ist die Kommunikation im Süden von Manhattan, auf Staten Island, in Queens und in New Jersey total zusammengebrochen. Festnetztelefone funktionierten wegen des Stromausfalls für Millionen Menschen nicht. Mobiltelefone waren tot: Entweder hat Sandy die Masten geknackt oder die Batterien konnten wegen der flächendeckenden Stromausfälle nicht aufgeladen werden. Manche hatten das Glück, in der Nähe eines Hauses zu leben, in dem die Bewohner noch Strom hatten und ihre Kabel zum Aufladen für andere einfach aus den Fenstern auf die Straße hängen ließen. Andere wiederum versuchten auf kreative Weise (https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10151305256870329&set), die fast unmöglich scheint.

In den Terrortagen 2001 war die Kommunikation in New York City höchstens für wenige Stunden wegen Überlastung unterbrochen, nicht für Tage. In Zeiten großer Ungewissheit wie zuletzt bekommen auch alle TV-Nachrichten, die man Minute für Minute konsumiert, eine ganz andere Furcht erregende Dimension. Da wird von einem Mann berichtet, der in New Jersey einer Hilfe suchenden Frau mit zwei Kindern den Zutritt zu seinem Haus verwehrt. Als sie auf die Straße zurück ging wurden ihr beide Kinder von den Wassermassen entrissen. Man fand sie später tot auf. Hat die Frau die Gefahr falsch eingeschätzt? Warum war sie überhaupt mit den Kindern auf den überfluteten Straßen unterwegs?

Zwei Krankenhäuser in der Millionenstadt New York mussten wegen Stromausfall evakuiert werden, jenes der New York University noch in der Nacht von Montag auf Dienstag, das Bellevue Hospital noch Tage danach. Welche menschlichen Tragödien spielten sich da für die Patienten und ihre Familien ab?

Der Großteil von Manhattan hat wieder Strom. Also zurück zur Normalität? Nicht einmal für mich. Das Mietauto für die Vortragstour muss in New Jersey retourniert werden. Wie kann man dort wieder wegkommen. Die Taxiunternehmen haben den Betrieb eingestellt. Benzinrationierungen. Benzinversorgung durch die Miliz. Und private Transportunternehmen sind nicht das wichtigste. Wie aber weiter kommen? Noch ist der Zugsverkehr nicht wieder aufgenommen.

Das sind aber alles nur persönliche Unannehmlichkeiten im Vergleich zu dem, was Sandy für Millionen Amerikaner auch in anderen Staaten, nicht nur New York, angerichtet hat. Dennoch: Gefangen in dem, was sich hier abgespielt hat, habe ich Nachrichten aus Österreich in der letzten Woche mit wachsender Ungläubigkeit verfolgt. In der Banalität kann auch Glück liegen. Was für ein glückliches Österreich: Sido und Dominic Heinzl, nur Sido, eine ORF-Sendung mit oder ohne und was das über ORF-Programmdirektorin Katrin Zechner aussagt. Über Stermann & Grissemann habe ich noch nie gelacht wie andere, ich finde sie einfach nicht lustig, sondern tief und jetzt schlägt ihre Geschmacklosigkeit wegen des Fußballers Alba auch noch hohe mediale Wellen. Und erst die Mariahilfer Straße als Fußgängerzone!

Dagegen ist ja der Status für Frank Stronachs neueste Erwerbung, den Parlamentsklub, von geradezu existenzieller Bedeutung für Österreich. Aber was ist dagegen die Polit-Affäre, so die Medien, um Werner Amons (ÖVP) Auftritt bei "Wir sind Kaiser"? In der Banalität liegt nicht nur Glück, sondern auch unfreiwillige Komik. Wenn Amon vor lauter Mediensehnsucht nicht begriffen hat, dass er dort "vorgeführt" werden soll, was begreift er dann als Abgeordneter, Bildungssprecher, Fraktionsführer im Korruptionsausschuss? Glückliches Österreich, das solche Mandatare hat, nicht wahr?

Natürlich nimmt Interesse und Betroffenheit mit der Distanz zum Ort eines Ereignisses ab, aber muss man es mit der Trivialität dessen, was die Österreicher interessieren muss, derart übertreiben?

11 Kommentare

Wer kennt diese ABFAHRT?

http://www.kaerntenprivatstiftung.at/Organe.131.0.html

Und: Alle beteiligten Personen sollen ehrenamtlich arbeiten?

Wirklich?

Mitgefühl, Zivilcourage.......

ist für eine sozialisierungsfähige Gesellschaft eine notwendige Voraussetzung!

Finto....ja, deshalb haben wir die OMERTA und Korruption!


Re: Mitgefühl, Zivilcourage.......


Völlig richtig, dazu noch präzise formuliert - Danke!

Was nützt schließlich ein theoretisches Sozialsystem, wenn es in der Praxis als Selbstbedienungsladen für Politiker und Parteien dient?

Zu USA: Imho fehlt in angelsächsischen Sphären die historische Tradition einer staatlichen Pflicht, für die Bürger auch auf sozialer Ebene zu sorgen. Andererseits würde dies dort auch von der Mehrzahl als unlautere Einmischung des Staates ins Private abgelehnt.

Dies alles vorbehaltlich Irrtümer und/oder Fehlinterpretationen meinerseits.

Zivilcourage.......

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/klagenfurt/klagenfurt/3118134/blau-schwarze-guenstlingswirtschaft.story

Und: Es liegt an uns selbst ALLEIN, jeder Bürger müßte sich für den pol. Alltag interessieren und wenn notwendig bei NICHTLEISTUNG den RAUSWURF ERMÖGLICHEN.
Hier in Kärnten können diese "Buberl"
Nasenbohren - sie bekommen trotzdem ihren Sold, sitzen festklebend an diversen Stühlen und wissen möglicherweise auch gar nicht was Arbeit und Haftung ist, sie haben ja auch einen Eid geleistet - aber sie sind sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst! Die Gesetze fehlen für einen Rauswurf bei Nichtleistung, Korruption etc......RAUS, RAUS, RAUS......

Die Themen an diversen Stammtischen bei uns, aber auch in der Welt: 3 x dürfen Sie raten!

Genau das Bewustsein für Hirn, Herz und Verstand fehlt - vielen Dank Frau Dr. Rohrer!


Vielen herzlichen Dank für die Erstellung Ihres Zwangs-Prioritäten-Katalogs!


Mit Freude dürfen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir in unserer Bewertung der Wichtigkeit von Ereignissen nicht mehr nach Gutdünken vorgehen müssen - Nein: Frau Dr. Rohrer ist so liebenswürdig, für uns obligatorisch festzulegen, welche Intensität an Gedanken wir in welche Überlegungen investieren dürfen, und welche für uns uninteressant zu sein haben.

Trotzdem wage ich als unbelehrbarer und grenzdebiler Hinterwäldler, die obige und jede andere Art einer Gedankenkontrolle dankend abzulehnen. Als eben dieser Hinterwäldler hoffe ich, bei Frau Dr. Rohrer auf völliges Desinteresse zu stoßen, wenn ich ihr Folgendes mitteilen muss:

Mich persönlich interessiert es mehr, ob der heimischen Korruption Hindernisse entgegen gestellt werden, als wenn es Benzin-Rationierung in Ami-Land gibt.

Mich interessiert mehr, dass hierzulande endlich etwas geschieht, um die Raubzüge der Polit-Bonzen aller Parteien und ihrer Mandatare gegen die Bevölkerung zu stoppen, als die fehlenden Taxis in New York, oder sogar die berechtigte und nirgends gestellte Frage, wie weit die Mehrzahl der US-Bevölkerung überhaupt in eine Demokratie eingebunden werden darf.

Mir ist es wichtiger, dass endlich hier eine Demokratie entsteht, als eine Halb-Information über die überseeische Transport-Misere durch längst veraltete oder nicht vorhandene Infrastruktur.

So etwas, wie oben geschrieben, hat gerade eine Frau Dr. Rohrer doch um Himmels Willen nicht nötig!

Gast: Eusebius
04.11.2012 13:33
1

Schlimm ist,

dass es im ORF überhaupt solche Sendungen gibt wie "Wir sind Kaiser",
Heinzl und Co.
Aber es gibt ja ARTE, Bayern Alpha und Phoenix.
Die Katastrophe in New York und anderen Landstrichen ist schlimm, aber sie in Relation zu setzen mit dem blöden ORF-Programm und daraus eine "moralische" Schlussfolgerung zu ziehen ist heuchlerisch.
Man muss auch nicht über ALLES schreiben und seine Beurteilung abgeben, werte Frau Rohrer!
Wenn in Östrreich oder Europa ein Unglück passiert sind die US-Amerikaner auch nicht e h r l i c h betroffen......


Gast: Neugieriger
04.11.2012 11:18
0

Cocktail

Schreibt die USA Expertin Anneliese Rohrer tatsächlich zweimal "Mahatten"?!
Strange.

Re: Cocktail

Danke, dass Sie mich auf den Tippfehler aufmerksam gemacht haben. Wird sofort korrigiert.

Gast: mephisto
04.11.2012 02:36
0

Ein Glück

, dass uns Hurricanes eigentlich so egal wie Taifune sein können...

...es sei denn es handelt sich um die Weltstadt New York in der Weltmacht USA.

Im Ernst: Dieser Hurricane kann uns noch viel "egaler" sein, da die Menschen in den States völlig ohne ausländische Hilfe zurechtkommen. - Im Gegensatz zu den Bewohnern Kaschmirs nach dem Erdbeben etwa oder den Kubanern, die -anders als Menschen der USA- im Schnitt bettelarm sind und unsere mediale Aufmerksamkeit offenbar nicht verdienen.

So bleibt dieser Hurricane der ganz normale Wahnsinn zwischen Lugner, Sido, Jeanée und vielen weiteren Figuren. Seien wir doch froh über unsere Sorgen. ;)

Re: Ein Glück ?

NACH JAHRHUNDERTHOCHWASSER
Schäden in Lavamünd gehen in die Millionen

Der Schock in Lavamünd sitzt tief: Ein Jahrhunderthochwasser setzte am Montag Teile der Gemeinde meterhoch unter Wasser. Der Ortskern ist zwar wieder befahrbar, die Schäden gehen jedoch in die Millionenhöhe, die Aufräumarbeiten werden Wochen dauern. Die Kleine Zeitung hält Sie auf dem Laufenden!

Und: Die Münchner Rückversicherung kennt sie, die Naturkatastrophen ALLE.

Übrigens: Stürme, nennen sich bei uns:ORKANE.


Gast: oupos
03.11.2012 23:45
6

Und während...

die EuropäerInnen Krokodilstränen vergießen, weil in Manhattan ein paar Stunden - und sei es Tage - der Strom ausfällt - traf der Hurrican Haiti und Kuba voll - mit allen humanitären Konsequenzen. Darüber zu berichten ist aber wohl nicht relevant genug....

Rohrers Reality-Check

Die Autorin

  • Anneliese Rohrer
    geboren 1944, war von 1974 bis 2005 bei der "Presse" als innenpolitische Journalistin, Ressortleiterin Innen- und Außenpolitik tätig. Seit 2009 ist sie Kolumnistin bei der "Presse".

Hinweis

  • Der Inhalt von Blogbeiträgen spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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