Wald und Wald und Wald

Von Ulrich Weinzierl (Die Presse)

"Damit wir nicht ganz vergessen werden": Nachrichten von der versunkenen deutschen Sprachinsel Gottschee im südöstlichen Slowenien.

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Sie hatten kein Vaterland, dafür hatten sie das "Ländchen". So nannten die Gottscheer über Jahr hunderte hinweg ihre Heimat: ei- ne deutsche Sprachinsel in Unterkrain, dem südöstlichen Slowenien Richtung Kroatien. Sie hatten aber auch eine sehr besondere Muttersprache, das "Gottscheeberische", im Grunde eine Art verspätetes Mittelhochdeutsch mit slawischen Lehnwörtern. Gottscheer und deren Nachkommen siedeln heute rund um den Erdball - die meisten in den Vereinigten Staaten, in Österreich und in Deutschland. Längst ist die Sprachinsel Gottschee, die einst 860 Quadratkilometer umfasste und in ihrer Blütezeit 26.000 Bewohner zählte, untergegangen. Nicht im Meer versunken, vielmehr buchstäblich vom Wald verschluckt, dem die Bevölkerung einst ihren Lebensraum abgetrotzt hatte - vom Wald und von der Geschichte.

Der Brockhaus aus den Achtzigerjahren erläutert den Begriff "Gottschee" einzig und allein als "deutschen Namen der jugoslawischen Stadt Kocevje". Die Encyclopædia Britannica kennt die Gottschee ausschließlich im Zusammenhang mit einem österreichischen Adelsgeschlecht: Seit 1791 waren die Fürsten Auersperg Herzöge von Gottschee.

Die Landschaft wirkt ungemein herb. Nichts als Bäume, kaum Menschen. Auf den Karstwiesen, die an die Almen der Alpen erinnern, weiden bis in den Herbst hinein Schafe und Kühe. In den Tälern freilich wartet lieblichere Natur voll von Blumen und Obst.

Am Rand des Dorfes Obcice/Krapflern stehen zwei blaue Häuschen. Es ist ein Festtag: Der Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder und der slowenische Alt-Präsident Milan Kucan sind angereist, außerdem die Botschafter Deutschlands und Österreichs in Ljubljana. Alle erwiesen sie dem neuen Gottscheer Kulturzentrum die Reverenz. Südtirol hat das volkskundliche Museum im Dachgeschoss finanziert, das Land Kärnten den Kauf des Anwesens, das österreichische Außenministerium zum Ausbau beigetragen. Ein Trachtenpärchen reichte den Ehrengästen als Willkommensgruß Salz und Brot. Sonst fehlte jegliche Folklore. Im Museum sind eine Menge Alltagsgeräte zu besichtigen, von Siebenschläferfallen bis zu einem prächtig bemalten Bienenwagen aus dem 19. Jahrhundert. Auch das Modell ei- nes Gottscheer Dorfes ist aufgestellt. Jedes Jahr wird, für die Weihnachtskrippe, ein anderes in Zwergengröße rekonstruiert: eine virtuelle, eine entschwundene Welt, wie man sie auch in zahllosen Darstellungen des Themas Gottschee im Internet zu Gesicht bekommt.

Landeshauptmann Durnwalder sprach vom "großen schönen Mosaik Europa", in dem die Regionen kräftige Farbtupfer bilden sollen, und bestätigte mit seiner Unterschrift weitere Unterstützungsbereitschaft. Im Leben der Minderheiten sind die Südtiroler so etwas wie die reichen Verwandten: Sie haben einschlägige Erfahrung und notorisches Durchsetzungsvermögen. Von ihnen kann der 1992 gegründete "Gottscheer Altsiedler Verein" manches lernen. An seiner Spitze und gleichsam als internationaler Motor agiert der Unternehmer Augustin Gril, etwa 260 Vereinsmitglieder gibt es in der Region um Novo Mesto/Neustadt. Die Zahl der verstreut in ganz Slowenien lebenden Gottscheer wird auf 650 geschätzt. Damit lässt sich kein Staat machen. Auch auf die Anerkennung als Minderheit warten die Gottscheer Sloweniens vergeblich. Sie sind wohl in der Tat zu wenige, gerade eine Miniminorität.

Im Winter 1941/42 waren gemäß einem Abkommen zwischen Mussolini und Hitler 11.174 Gottscheer ausgesiedelt worden - doch nicht ins Deutsche Reich, wie sie glaubten, sondern nur 50 Kilometer entfernt, ins Gebiet von Gurkfeld/Krsko und Rann/Brezice, aus dem die NS-Besatzungsbehörden die slowenischen Bauern vertrieben hatten. Damit war das Los der Gottscheer, die aus Opfern zu Nutznießer von Tätern wurden, besiegelt: 1945 blieb ih-nen nur Massenflucht und - in vielen Fäl-len - der Tod. 380 Gottscheer aber hatten dem nationalsozialistischen Propagandadruck nicht nachgegeben und nicht für die Umsiedlung optiert. Sie harrten unter äußerst schwierigen Bedingungen aus. Viele halfen den Partisanen, einige gingen zu ihnen, keiner hat sie verraten. Immerhin 19 Gottscheer starben an der Seite der slowenischen Widerstandskämpfer. Derlei weiß man in der Diaspora der Gottscheer Landsmannschaften nicht oder redet nicht davon, das erfährt man an Ort und Stelle. Henrik Dralka, Jahrgang 1927, ist einer von ihnen. Als 15-jähriger hat er sich den Partisanen angeschlossen. Die italienischen Truppen hatten 1942 sein Dorf Steinwand/Podstenice hoch droben im Hornwald in Brand gesteckt, den Rest des Zerstörungswerks besorgten die Domobrancen, die mit Hit-lers Wehrmacht verbündeten slowenischen Heimwehren.

Nach der Feierstunde im Kulturzentrum fuhr man in den Hornwald hinauf. Wo das Dorf Podstenice war, die Häuser, die Schule, die Kirche, ist nichts mehr - bloß verwilderte Obstbäume gemahnen an ehemaliges Kulturland. Eine Kapelle wurde indes nicht völlig vernichtet und restauriert. Nun fand die Weihe statt, die Helfer aus Bozen stifteten eine Grödner Holzstatue des heiligen Ambrosius, des Schutzpatrons der Imker. Der Gründungspräsident des unabhängi-gen Slowenien wird von vielen Slowenen, aber auch von den Gottscheern der Gegend offenbar weiterhin als Landesvater betrachtet. Milan Kucan, das zeichnete ihn schon während seiner Amtsführung aus, ist ein Mann des rechten Worts am rechten Platz. "Die Tragödie der Gottscheer Deutschen ist nicht nur der Erinnerung zu überlassen", sagte er - und: Die "hier verbliebenen Familien haben das Schicksal mit ihren slowenischen Nachbarn geteilt". Eine Selbstverständlichkeit, gewiss, doch musste sie erst einmal von berufener Seite ausgesprochen werden.

Der Hornwald (Kocevski Rog), so groß wie das Fürstentum Liechtenstein und mit seinen 160 Quadratkilometer teils undurchdringlich dichtem Buchen- und Fichtenbestand eines der bedeutendsten geschlossenen Forstareale Mitteleuropas, ist unheimlicher historischer Boden. Hier befand sich das nie entdeckte Hauptquartier der slowenischen Partisanen, "Baza 20". Bis in die jüngste Vergangenheit waren die jetzt bereits ziemlich desolaten Baracken eine patriotische Pilgerstätte. Nicht weit davon liegen in verschütteten Karsthöhlen die Gebeine von abertausenden Domobrancen und sonstigen "Staatsfeinden" des siegreichen kommunistischen Jugoslawiens von Josip Broz Tito, die 1945 ermordet wurden. Darüber schweigen naturgemäß die Wanderroutenempfehlungen des benachbarten Kurorts ("mit Seele") Dolenjske Toplice, der in der k. u. k. Epoche den klingenden Namen "Thermal-Bad Töplitz in Krain" trug.

Was sich die überlebenden Gottscheer Sloweniens, denen alles Deutschtümelnde fremd scheint, von der Zukunft erhoffen? Obwohl im Kulturzentrum, erstmals seit Jahrzehnten, wieder "Gottscheeberisch" und Deutsch unterrichtet wird und obwohl der Altsiedler Verein eine aktive Jugendgruppe besitzt, machen sich die alten Leute keine Illusionen. Ihre Kinder und Kindeskinder aus den Ehen mit Sloweninnen und Slowenen sprechen ihre Sprache nicht mehr. Die Bemühungen um die eigene Kultur und Tradition, die sorgende Pflege der Gräber von Vorfahren und Freunden haben ein bescheidenes Ziel, das Henrik Dralka mit einem Satz beschreibt: "Damit wir nicht ganz vergessen werden." [*]

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