Mumok: Als die Kunst auf die Palme gebracht wurde

Eine prächtige, großzügig inszenierte Ausstellung blickt auf die Ursprünge gesellschaftskritischer Naturkunst zurück, die heute bei keiner Großausstellung fehlen darf. Tolle „Naturgeschichten“, die oft nicht in Form zu bringen sind.

Candida Höfer fotografierte in Tiergärten auf der ganzen Welt unsere grausamen Vorstellungen von Exotik und Wildheit.
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Candida Höfer fotografierte in Tiergärten auf der ganzen Welt unsere grausamen Vorstellungen von Exotik und Wildheit.
Candida Höfer fotografierte in Tiergärten auf der ganzen Welt unsere grausamen Vorstellungen von Exotik und Wildheit. – (c) Mumok

Spätestens seit 1997, als die halbe Kunstwelt bei der Documenta X angestrengt auf ein unkrautüberwuchertes Bahngleis in Kassel starrte, sollte man wissen: Jedes Pflänzchen hat sein Ränzchen in der zeitgenössischen Kunst, trägt also einen Rucksack voll Problemen, voll Politik mit sich. Sag also niemals Unkraut zu Neophyten, die der österreichische Künstler Lois Weinberger damals in Kassel aufs Gleis gesät hat – als poetische Metapher von Migration, Flucht und Gesellschaft.

Seither vergeht keine Großausstellung, in der man nicht eine Pflanze aus- bzw. eingräbt – sieht man ein wild wucherndes Beet oder gar eine Palme (Postkolonialismus!), erstarrt man schon in vorbewusster Schuldhaftigkeit. Das hat gerade bei der Documenta eine lange Tradition, beginnend mit Beuys' 7000 Eichen, die er 1987 hier zu pflanzen begann. Kulminierend im posthumanistischen Zugang von Documenta-13-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev, die das Wahlrecht für Erdbeeren forderte. Man kann tatsächlich nicht behaupten, dass die Naturgeschichten, die einem Künstler auf mehr oder weniger sinnliche Weise erzählen, nicht faszinierend wären.

 

Sporen des Politischen

„Naturgeschichten“ heißt auch die prächtige Ausstellung im Wiener Museum moderner Kunst, die diese Entwicklung von den 1960er-Jahren bis ins Heute aufrollt, die Sporen, pardon, „Spuren des Politischen“ in unseren Vorstellungen von „Natur“ verfolgt. Das kann natürlich nur mit einem wuchernden Beet vor dem Eingang beginnen, wo Christian Philipp Müller uns durch ein Spalier der sogenannten Milpa-Landwirtschaft der Mayas spazieren lässt, die Bohnen, Mais und Kürbis auf ihren Feldern kombinierten. Ein Wissen, das durch die Kolonialisierung fast verloren ging. Ein typisches Beispiel für westliche Natur-Politik-Kunst der vergangenen Jahre, die unseren unschuldigen Blick auf die Natur als naiv vorführen – und bei der die Geschichte dahinter die Form, in die der Künstler sie zu zwängen versucht, bei Weitem übertrifft.

Das ist die Crux bei vielen dieser großteils spannenden Recherchen, sei es die über den Wardschen Kasten, der im 19. Jahrhundert den Pflanzenimport großen Stils erst möglich machte, oder die über den Verbleib des deutschen Eichenpflänzchens, das der afroamerikanische Stabhochsprung-Olympiasieger Cornelius Johnson 1936 in Berlin geschenkt bekam (es ist heute ein riesiger Baum in einem Hinterhof in Los Angeles, um den sich eine mexikanische Familie kümmert). Großartige Geschichten. Die Umsetzung und zusätzliche Verklausulierung durch die Künstler versucht die Erkenntnis eher wieder zu verschleiern, schade.

Candida Höfer mit ihren schlichten Fotografien der teils skurrilen Gehege von Zoos auf der ganzen Welt sind dagegen selbsterklärend, sie zeigen die Tiere vor unseren Vorstellungen von ihnen und ihrer „Natur“, die Giraffe also vor Steppenmalerei oder Tiger vor antikisch-mächtig wirkenden Säulen. Wie irritierend es für uns emotional werden kann, gerade, wenn Tiere ins Spiel kommen, sieht man etwa bei Mark Dion, der in einer Parallelaktion im Naturhistorischen Museum neben den Vitrinen ausgestopfter Tiere Tierfiguren ausstellt, die mit schwarzem Teer überzogen sind – da erkennen wir gleich unseren schädlichen, mörderischen Einfluss. Während die Präparate daneben als Kulturleistung wohlwollend präsentiert werden.

Nicht jedes Reh ist eben Bambi. Über dessen Schicksal 1942 in Disneys Film wohl mehr Menschen weinten als über den gleichzeitigen Beschluss der „Endlösung“ in Nazi-Deutschland. Der polnische Künstler Mirosław Bałka führt uns in dieses moralische Dilemma mit seinen „Bambi“-Filmen, die Rehe zeigen, die er im Winter in Auschwitz gefilmt hat. An einem idyllisch wirkenden See, in dem die Asche der verbrannten KZ-Insassen entsorgt wurde. Dieses Entsetzen über den hinter Naturidealisierungen verborgenen Schrecken nutzt auch Tatiana Lecomte, die denselben See in ihren pittoresken Fotos zeigt – die durch schwarze Streifen wie zerschnitten wirken (so ersetzte sie die vorhandenen Bauten durch das Schwarz menschlichen Grauens).

Die besondere Leistung dieser Ausstellung sind aber weniger die jüngeren als die historischen Arbeiten zu dem Thema – etwa das (im Rückblick entsetzlich gestelzt wirkende) Zusammentreffen von Beuys mit einem Kojoten in einer New Yorker Galerie 1974. Die Arbeit der rumänischen Sigma-Gruppe, die ab 1969 pionierhaft begann, was heute durchaus üblich ist, den Austausch von Künstlern und Wissenschaftlern. Oder die Vorläufer aller hochpolitischen Palmen-Kolonialismus-Kritik-Installationen heute: Marcel Broodthaers raumfüllender Wintergarten und Hélio Oiticicas „Tropicalia“-Szenerie inklusive Nymphensittiche, die 1967 einer ganzen subkulturellen Bewegung in Brasilien den Namen gab. Seither ist zumindest die Kunst endgültig auf die Palme gebracht.

Bis 14. Jänner. Mo 14 – 19 h, Di – So 10 – 19 h, Do 10 – 21 h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2017)

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