Kampusch bei Jauch: "Sie wollen mich einfach ausmerzen"

18.02.2013 | 18:17 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Natascha Kampusch war in Deutschlands bekanntester Talkshow zu Gast. Jauch stellte harte Fragen an das Entführungsopfer. Die Sendung war Auftakt für eine Flut an Berichten rund um den Kinofilm über ihre Leiden.

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Entweder Günter Jauch hält sich nicht an Vereinbarungen oder aber es gab keine Vereinbarungen. Hart, zum Teil kritisch, aber einfühlsam befragte der deutsche Moderator das Entführungsopfer Natascha Kampusch über ihre acht Jahre Gefangenschaft in einem fünf Quadratmeter großen Kellerraum. Die Fragen waren offenbar nicht abgesprochen.

Vielleicht hat Jauch dabei die Distanz des ausländischen Beobachters geholfen oder die Tatsache, dass er Kampusch, anders als ORF-Mann Christoph Feurstein, zum ersten Mal interviewte. Unbehagen hat die spätabendliche Fragestunde – ausgerechnet an Kampuschs 25. Geburtstag – dennoch ausgelöst: Die blasse, junge Frau wirkte diesmal verschreckter und verkrampfter als bei früheren Auftritten, auf einige Fragen antwortete sie zaghaft, auf viele nur sehr kurz.

Das lag natürlich auch an den atemberaubend direkten Fragen. Jauch sprach sie etwa auf die eindeutigen Missbrauchsszenen im Film „3096 Tage“ an, der kommende Woche Premiere hat: „Sind diese Szenen mit Ihnen abgesprochen?“ Kampusch: „In meinem Land ist es so, dass die Vernehmungsprotokolle allen Parlamentariern zugänglich gemacht werden und so auch an die Presse gelangt sind. Es war zwar veranlasst, dass sie gelöscht werden, aber das ist nicht passiert.“ Jauch hakte nach: „Ist das jetzt das Signal für die Öffentlichkeit – so ist es gewesen, aber lassen sie mich bitte damit jetzt auch in Ruhe?“ „Genau so“, sagte Kampusch.

Ganz zu Beginn fragte Jauch Kampusch, wie ein normaler Tag für sie aussehe („Ich versuche jeden Tag positiv zu begehen.“) und wie sie ihre Geburtstage in der Gefangenschaft erlebt habe: „Auf gewisse Art brachten mich diese Geburtstage meinem 18. Geburtstag näher und das war auch positiv. Dass man eben immer stärker und kräftiger wird, um sich dem Täter zu widersetzen.“

 

Grenze der Geschmacklosigkeit übertreten

Mit einer Frage überschritt Jauch die Grenze der Geschmacklosigkeit, als er drei Kommentare aus dem Online-Forum der „Kronen Zeitung“ vorlas. In einem wird Kampusch als unglaubwürdig bezeichnet, in einem anderen wird ihr ein Job als Prostituierte nahegelegt. Die Beispiele sind entwürdigend, aber sie führen zu einer berechtigten Frage: „Welche Erklärung haben Sie für diesen ungeheuren Hass?“ In Kampuschs Antwort liegt vielleicht ein Grund für den Hass der Masse: Sie stellt sich nicht als Opfer dar, sondern als besonnene, ja überlegene Beobachterin der Situation. Menschen, die so etwas schreiben, hätten selbst so viele Verletzungen erlebt, die nie abgearbeitet wurden, meint sie. „Vielleicht können sie mit dem, was mir passiert ist, nicht umgehen. Sie wollen mich einfach ausmerzen oder treffen.“

Günter Jauch war erst der Anfang. Seit Tagen schon bringt die „Krone“ ein Kampusch-Interview in Serie. Bis zum Start des Films „3096 Tage“ wird noch einmal der große Medienhype rund um sie ausbrechen. Der Boulevard zittert schon seit Tagen aus lauter Vorfreude auf den Film.

Am Sonntagabend, bei Jauch, waren zwei weitere Entführungsopfer zu Gast. Einer der beiden, Johannes Erlemann, war 1981 zwei Wochen in einem Sarg eingesperrt. Als es um den Umgang mit den Tätern ging, sagte er: „Wir sind diejenigen, die lebenslänglich bekommen.“ Natascha Kampusch hat wohl acht Jahre nach ihrer Befreiung eine Ahnung, was dieser Satz bedeutet.

Der Film: Ab 28.2. im Kino

„3096 Tage“ kommt am 28. 2. in die Kinos. Die Constantin Film inszeniert den Filmstart geschickt: Weltpremiere ist am 25. 2. in Wien, einen Tag nach der Oscar-Verleihung – da herrscht generell größere Aufmerksamkeit für Filme. Die Pressevorführung beginnt nur wenige Stunden vor der Premiere, sodass vor den vielleicht auch kritischen Filmrezensionen nur die – vermutlich – positiveren Premierenberichte in Druck gehen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2013)

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81 Kommentare
 
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China - Fahrrad - um'gfalln !

Und wann kommt endlich wieder was von der Arigona?

Hohn und Hass und vogelfrei

Vieles von dem, was bei uns durch die Foren schwappt, hat seine direkten Wurzeln darin, dass das entführte Kind sogar AMTLICH zum Freiwild erklärt wurde. Seit eine gewisse Polizeifehler-Behübschungskommission ihre Tätigkeit aufnahm und die MEDIEN wöchentlich mit neuen offenen "Fragen" und "Ungereimtheiten" gefüttert hat, und spätestens seit ein Höchstrichter freigesprochen wurde mit der skandalösen Behauptung, es wäre ihr beim Priklopil ALLEMAL besser gegangen als bei ihrer Mutter, darf über das Opfer und sein Leiden jeder öffentlich meinen, was er will.

Warum man das hier nicht thematisieren darf und auch dieses Forum voll mit grindigen Vermutungen ist, während andere Postings gar nicht erscheinen, fällt ja auch unter die Steuerung von Meinungen.

Die Medien waren johlende Mittäter bei der zweiten Zerstörung von Frau Kampusch. Das hat nicht nur sie sich vorher so nicht vorstellen können, und die "Geschmacklosigkeiten" vom Jauch sind ein Klacks gegen das, was hier schon alles vermutet wurde.

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Jauch- Kommentare - Zufall?

Frau NK suchte sofort nach ihrer Befreiung, die besten Anwälte und Berater auf.

Schätze daher, dass deshalb auch diese Jauch-Kommentare abgesprochen wurden.

Frau NK überließ offensichtlich bisher nichts dem Zufall und für die anstehende Filmpremiere sind bösen Merzer - eine vortrefflich *good publicity*

Egal, ob ALLE Wiener und ALLE Österreicher hier wieder einmal ihr Fett abgekommen haben. Quote muss her - und man staune hier reichten tatsächlich 3 bösartige Kommentare einer österr. Tageszeitung......

Selten erinnert sich NK öffentlich daran, dass viele Österreicher spontan zig- 1.000 Euros für sie spendeten und ihr so eine ausgezeichnete Starthilfe lieferten.

NK war auch nicht zimperlich, wenn es darum ging andere öffentlich zutiefst zu kränken:

*Über ihren Vater sagte sie einmal: „Mein Vater ist so unreif. Er ist in einem Entwicklungsstadium stecken geblieben, das nicht meinem entspricht.“ (bild.de)

Jeder weiß, dass dieser Vater verzweifelt jahrelang nach seiner Tochter suchte und obendrein sehr sehr viel Geld investierte.....

Frau Kampusch war sicher nicht gut beraten,

sich von dem intellektuell etwas unterbelichteten Jauch ins Gespräch verwickeln zu lassen.
Allein schon aus Solidarität wäre eine Illner viel besser, weil fairer gewesen!

Re: Frau Kampusch war sicher nicht gut beraten,

Jauch unterbelichtet, okay...

Illner nicht unterbelichtet, Blödsinn...


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Nutzlose Debatte

Über die furchtbaren Erlebnisse, die Natascha Kampusch durchmachen musste, könnte sie nur mit Menschen diskutieren, die eine ähnliche Situation durchlebt haben. Da es die wahrscheinlich nicht gibt, wird die Arme vergeblich ehrliches Mitgefühl erwarten können. Deshalb hätte ein kluger, nicht geldgieriger Berater ihr raten müssen: "Ziehe dich aus der Öffentlichkeit zurück, lerne etwas und arbeite mit Menschen zusammen, die dir bei der Aufarbeitung deines Traumas uneigennützig helfen wollen!" Wenn über diese böse Tat Gras gewachsen ist, könnte sie dann wieder in der Gesellschaft erscheinen. Letztendlich aber entscheidet sie darüber, wo und mit wem sie ihre Vergangenheit bespricht. Dann muss sie aber auch mit der Bosheit der sensationslüsternen Menschen rechnen.

Re: Nutzlose Debatte

....vielleicht " entscheidet" sie womöglich immer noch nicht mit freiem willen .............und wer weiß, wer die entscheidungen wirklich trifft ?

Re: Re: Nutzlose Debatte

Das frage ich mich auch. denn N.K. ist noch immer fremdbestimmt.

Lasst die arme Frau ihre Geschichte erzählen - oder nicht erzählen.

Ehrlich gesagt, wessen Leben so verpfuscht wurde, hat jedes Recht in jeder Talkshow zu reden und jedes Buch der Welt zu schreiben.
Sie schadet damit niemandem, weder physisch noch psychisch.

So wie die, die sich hier aufregen, das Recht haben, ihr nicht zuzuhören oder das Buch/Film zu ignorieren.


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Re: Lasst die arme Frau ihre Geschichte erzählen - oder nicht erzählen.

D A N K E ! GENAU RICHTIG !!!

http://www.oe24.at/tv/Natascha-Kampusch-weint-bei-Guenther-Jauch/95206049

...."es wäre vielleicht besser gewesen, wenn priklopil überlebt hätte ......"
ja, "vielleicht" ----vielleicht hätte er sogar von seinem aussageverweigerungsrecht als beschuldigter gebrauch gemacht ---vielleicht aber auch nicht - wer kann sich da schon sicher sein ? ......................

Re: http://www.oe24.at/tv/Natascha-Kampusch-weint-bei-Guenther-Jauch/95206049

oh: rot ! --ein blitzgneißer ?

Gewollt oder auch nicht -

die Kampusch-Vermarktungsstrategie schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen versiegt der Geldstrom nicht, und zum anderen werden die Leute betreffs des Schicksals des armen Mädels emotionalisiert. An Hand der postings kann man schon sehen, daß immer weniger Leute noch Fakten und Querverbindungen erinnern, immer mehr hingegen sich genervt oder unreflektiert von Mitgefühl überwältigt fühlen. Daß inzwischen angebl.270.000 Seiten noch immer(vorgebliche) Kommissionen beschäftigen, muß doch angesichts einer längst erledigten Causa verwundern. Nur weil ein paar unwichtige Maxln nicht zu zweifeln aufhören??? Na geh.


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Selbstdarstellerin!

und aus !

Re: Selbstdarstellerin!

Na und??!

Re: Selbstdarstellerin!

wirklich ? --wieso nicht fremddarstellerin ?

Günther Jauch

hat für mich seinen Status als seriöser Journalist komplett verspielt.
Natasche Kampusch mit derart bösartigen Kommentaren zu konfrontieren ist pietätlos und billigster Boulevardjournalismus.
Warum ein öffentlich-rechtlicher Sender diesen Menschen immer noch eine Sendung führen lässt, ist mir sowieso seit längerem rätselhaft.
"Wer wird Millionär" reicht für einen völlig überbewerteten Journalisten aus, das niedrige Niveau auf das er sich jetzt hinab katapultiert hat, reicht allemal für einen Posten bei Privatsendern à la RTL

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Re: Günther Jauch

es wird sicher noch viel mehr in ihrem bescheidenen leben geben, was sie nicht begreifen.


Re: Re: Günther Jauch

Besser ein "bescheidenes Leben" als einen "bescheidenen Verstand" der andere Meinungen nicht zulässt. Ab ins Krone- Forum mit ihnen.

Re: Re: Re: Günther Jauch

Als ob das Krone-Forum viel niveauloser wäre, als diese hier...


40 7

an dieser sehr traurigen Geschichte ist fast alles

unverständlich. Sie will ihre Ruhe haben , selbstverständlich, was soll dann das ständige immer wiederkehrende Aufrühren ? Sie lässt nichts
aus : Buch, Film, Auftritt als Entwicklungshelferin,
Talk- Shows und,und und. Das widerspricht sich, schlägt sonderbare Kapriolen, was soll das, was will sie wirklich. Das Ganze erzeugt einen komischen Geschmack, also darf sie sich nicht wundern. Sie liefert selbst die Gründe dafür, dass sie immer unglaubwürdiger wird.

Re: an dieser sehr traurigen Geschichte ist fast alles

Stellen Sie sich vor: Sie haben einen gefährlichen Unfall überlebt. Werden Sie später das erlebte ein oder mehrere Male erzählen? Werden sie deshalb bei jedem Mal erzählen Unglaubwürdiger!?

Frau Kampusch wird mit dem Erlebten (wie im Artikel oben in anderem Zusammenhang geschrieben) ein Leben lang befasst sein.

8 1

an dieser sehr traurigen Geschichte ist fast alles

unverständlich. Sie will ihre Ruhe haben , selbstverständlich, was soll dann das ständige immer wiederkehrende Aufrühren ? Sie lässt nichts
aus : Buch, Film, Auftritt als Entwicklungshelferin,
Talk- Shows und,und und. Das widerspricht sich, schlägt sonderbare Kapriolen, was soll das, was will sie wirklich. Das Ganze erzeugt einen komischen Geschmack, also darf sie sich nicht wundern. Sie liefert selbst die Gründe dafür, dass sie immer unglaubwürdiger wird.

6 4

Re: an dieser sehr traurigen Geschichte ist fast alles

Dieses Mädchen ist doch nicht die treibende Kraft im Medienhype.

31 2

ambivalent

Einerseits ist NK Opfer - andererseits vermarktet sie ihre "Story" auch sehr geschickt. Das erweckt Neid - und überdies weckt ihre Story berechtigterweise gewisse Zweifel.

ah ja :

und selbstverständlich ist es staatsbürgerpflicht, frau kampusch jedes wort, das aus ihrem munde kommt, auch brav zu glauben ---woran sollte man hier auch zweifeln ?

 
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Meinung

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