Die mächtigen "Misérables"

21.02.2013 | 18:33 |  ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

In "Les Misérables" spielen sich Schauspieler die Seele aus dem Leib. Aber auch für den Zuschauer ist es ein Marathon des heftigen (Glücks-)Gefühls.

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Wer das Wort Edelmut nicht ohne Kichern aussprechen kann, sei vor diesem Film gewarnt. Denn wenn Hugh Jackman und Anne Hathaway zu spielen anfangen, scheint bald nicht nur der Oscar, sondern auch der Heiligenschein nah.

Hathaway als Fantine verkauft ihren Körper, ihre Haare, ihre Zähne, um ihr Kind zu ernähren, das fern von ihr bei einer Wirtsfamilie aufwächst. Jackman als geläuterter Ex-Sträfling Jean Valjean setzt seine Existenz aufs Spiel, als ein anderer an seiner Stelle verurteilt werden soll. Er kümmert sich um die sterbenskranke Fantine, nimmt nach ihrem Tod ihre Tochter Cosette zu sich. Und als die sich in einen jungen Burschen verliebt, rettet er diesem heimlich das Leben, obwohl er es kaum ertragen kann, seine Tochter an ihn zu verlieren.

 

Jackman: Der Traum edler Männlichkeit

Kein Wunder, dass die Musicalverfilmung „Les Misérables“ dieser Tage als „inspirierendster“ Kinofilm den mit 100.000 Dollar dotierten „christlichen Oscar“, den Epiphanias-Preis, bekommen hat. Für acht echte Oscars ist er nominiert. Es gibt einige Leistungen in diesem Film, die über jeden Zweifel erhaben sind, allen voran die von Hugh Jackman als Sänger und Schauspieler (und die Leistung der Maskenbildner, die sein ohnehin schönes Gesicht zu einem Traum von edler Männlichkeit verklärt haben).

Dazu kommt die ebenso wunderschöne Anne Hathaway als Fantine. Kurz nachdem sie mit allen Fasern ihrer Seele das berühmte „I dreamed a dream“ zu Ende gehaucht, gestammelt und geschluchzt hat, stirbt sie, fast noch am Anfang des Films – hat je eine überwältigende „Nebendarstellerin“ den Zuschauer so enttäuschend früh verlassen? Russell Crowe als Valjeans Gegenspieler ringt sichtlich heldenhaft mit den hohen Lagen seines Parts, wirkt aber trotzdem ein bisschen lächerlich und noch viel hölzerner, als die Prinzipienstarre seiner Figur es rechtfertigt. Dass Hathaway anders als Jackman keine professionelle Sängerin ist, stört dagegen gar nicht.

Dass das Spiel dieser zwei so tief und echt wirkt, hat wohl zu einem guten Teil mit der Entscheidung Tom Hoopers zu tun, die Schauspieler direkt am Dreh statt im Studio singen zu lassen. Auch sonst zieht der Regisseur alle Register, um das Publikum in einen Marathon der Affekte hineinzuziehen, der kaum zu überbieten ist.

Nicht einen Moment lang wird der Zuschauer aus den Fängen der Musik entlassen, alles wird gesungen. Schon im Musical wirkt diese Musik so stark, hier wird sie mithilfe eines ihr hörigen Vasalls bis zur Gefühlsdiktatur verstärkt: Gemeint ist die Kamera, die rastlos den Rhythmus der Musik und die dargestellten Emotionen verstärkt. Sie rast, marschiert, neigt und dreht sich oder trotzt in Nahaufnahmen den Gesichtern noch die kleinsten Zuckungen von Schmerz oder Glück ab.

Das alles inmitten pompöser, mit eindrucksvollen Massenszenen bestückter Kulissen. Die 1862 erschienene Romanvorlage des Musicals von Victor Hugo hatte das Elend der Massen und ihre Auflehnung besonders bei den Pariser Barrikadenkämpfen 1832 noch mit sozialkritischer und politischer Stoßrichtung (hin zum Republikanismus) geschildert. Der Film – wie schon das Musical – verwendet diese Motive nur noch als emotionalen Aufputz.

Spaß kommt dabei nur von Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen als Cosettes absurd aufgeputzten, geldgierigen Pflegeeltern. Die Welt der Guten mit ihrer Hingabe, Liebe und Opferbereitschaft bleibt vollkommen ironiefrei.

 

Totale Ausbeutung der Emotionen

An einem solchen Spektakel müssen sich die Geister scheiden. Im Grunde genommen beutet Hooper nämlich schamlos die emotionalen Ressourcen der Schauspieler wie des Publikums aus. Und das muss man wollen. Hathaway, Jackman oder der junge Eddie Redmayne als Cosettes Geliebter Marius wurden dadurch zu Höchstleistungen angespornt. Sie spielen sich, wie man so schön sagt, die Seele aus dem Leib und haben ihre Rollen, glaubt man den Interviews, zutiefst persönlich genommen.

Dem Zuschauer lässt „Les Misérables“ nur zwei vernünftige Möglichkeiten. Entweder er verweigert sich dem Affektansturm, dann verlässt er am besten schnell das Kino. Oder er nimmt viele Taschentücher mit, geht unter im reinigenden Meer der edlen Gefühle und steht am Ende benommen von so viel emotionaler Strapaz auf: erschöpft, aber auch glücklich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2013)

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