Norwegen als Niemandsland

Ein Rächer in einem Land aus Schnee und Eis: In Hans Petter Molands "Einer nach dem anderen" gibt die Reihenfolge des Ablebens den Rhythmus vor.

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Norweger sind rassistische Widerlinge. Jedenfalls wenn es nach Hans Petter Moland geht. Der erfolgreiche Regisseur („Ein Mann von Welt“, 2010) ist selbst Norweger, seine Arbeiten feuern für gewöhnlich Breitseiten auf die Kleinkariertheit und Provinzialität seiner Landsmänner ab. Schneepflüger Nils weiß nur zu gut, wie schwer man es im hohen Norden haben kann: Der blonde Schwede lebt seit vielen Jahren in einem abgeschiedenen norwegischen Dorf, gilt zwar mittlerweile als vorbildlich integriert, wird in den Augen der anderen aber immer ein Zugereister bleiben.

Andererseits: Wer sich an einem Flecken Erde gemütlich eingerichtet hat, dessen Zufahrtsstraßen regelmäßig von Schneemassen befreit werden müssen, um überhaupt passierbar zu sein, hat vermutlich auch kein Problem mit herberen Umgangsformen. Von Beginn an fräst Hans Petter Moland in „Einer nach dem anderen“ diese dünn besiedelte, von Kälte regierte und von Schneemassen bedeckte Einöde als ein Niemandsland heraus, das nicht von ungefähr an die weiten Prärien aus Westernfilmen erinnert. Kameramann Philip Øgaard lässt reihenweise Schneepflüge durch seine delirierend schönen Breitwandpanoramen fahren. Ihre bunten Lichter werfen irritierende Farbeffekte auf die monochrome Landschaft. Irgendwo lugen ein paar Grabsteine hervor und künden an, was kommen wird.

„Einer nach dem anderen“ ist ein Rachefilm. Eigentlich ein Rächerfilm, denn Moland geht es vor allem um Nils, verkörpert von Stellan Skarsgård, mit dem er nun schon den vierten Film gedreht hat. Als Nils erfährt, dass sein einziger Sohn an einer Überdosis gestorben ist, geht nicht nur die Beziehung zu seiner Frau in die Brüche. Auch seine besonnene Fassade zerbröckelt und legt einen zu allem entschlossenen Mann frei, der sich mit eiserner Miene und abgesägter Schrotflinte durch die norwegische Unterwelt schießt.

 

Der Gangleader ist Veganer und Rassist

Einer nach dem anderen liegt tot im Schnee. Die Reihenfolge ihres Ablebens – der englische Filmtitel ist „In Order of Disappearance“ – gibt auch den ungewöhnlichen, gewöhnungsbedürftigen Rhythmus des Films vor. Jeder Tote wird mit einer Sterbetafel verabschiedet, während die beiden rivalisierenden Unterwelt-Clans sich auf der Suche nach dem unbekannten Hitman gegenseitig die Hölle heißmachen. Das Geheimnis von Molands Inszenierung liegt in seinen Charakteren. Keiner davon wächst sich jemals zu einer runden, komplexen Figur aus, genauso wenig sind die lakonischen Typen aber parodistische Abziehbilder wie in den unerträglichen Gaunerkomödien eines Guy Ritchie. Am grellsten leuchtet der norwegische Gangleader Greven (Pål Sverre Valheim Hagen), ein überzeugter Veganer und glühender Rassist, der die verfeindete Serbenmafia als „mohammedanische Schweineficker“ und „inzestuöse Putzfrauen und Hilfsbauarbeiter“ verunglimpft. Serben-Boss Papa (großartig: Bruno Ganz) ist im Gegensatz dazu seinem Namen gemäß eher paternalistisch gestimmt und krächzt seinen Mannen in bester Marlon-Brando-Manier und -Panier Befehle entgegen, während diese orientierungslos durch die weißen Dünen stapfen und sich wie kleine Kinder mit Schneebällen bewerfen...

Es geht, wie so oft im Gaunerkino, in „Einer nach dem anderen“ vor allem um Väter, Söhne und die Generationenfolge: Die in all ihren Überhöhungen schnell ins Lächerliche gezogene Übermännlichkeit der drei Hauptfiguren konterkariert Hans Petter Moland mit ihren Familiengefühlslagen. Nils wird vom Schmerz über den Verlust seines Sohns in eine selbstmörderische Rachemission getrieben, Papa vom Mord an einem seiner Jungs noch mehr befeuert und Hipster-Vater Greven kennt kein Halten mehr, als sein kleiner Bub im Finale des Films entführt wird. Emotional erfahrbar ist davon allerdings nichts, das weiß Molands kühle Inszenierung zu verhindern. So sitzt man am Ende eines Films aus vielen schönen Trümmern, die sich zu nichts zusammenfügen, vor einem Scherbenhaufen, der einen passend zur Landschaft aus Schnee und Eis ziemlich kalt lässt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)

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