„Mortdecai“: Johnny Depps Dauerschmähs

In seiner anachronistischen Krimikomödie „Mortdecai“ fährt David Koepp eine Parade von Klischees auf. Alleinunterhalter Johnny Depp spielt einen versnobten Kunsthändler.

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MORTDECAI – (c) David Appleby - Constantin

Lässt man Johnny Depps jüngere Rollengeschichte Revue passieren, merkt man, dass Exzentrik und Monotonie einander nicht ausschließen. Der schleichend vom Serien- zum Indie- und schließlich zum Megastar aufgestiegene Schauspieler hat seit seinem Welterfolg als hinterlistig-verschrobener Piratenkapitän Jack Sparrow im ersten „Fluch der Karibik“-Teil nahezu durchwegs dieselbe Kunstfigur in kontinuierlich wechselnder Maskerade gespielt – am öftesten für Tim Burton.

Immerhin muss man ihm lassen, dass es sich bei dieser Figur um eine unverwechselbare Eigenkreation handelt: Sie bewegt sich irgendwo zwischen soigniertem Sexsymbol und süffisantem Sonderling, neurotischem Kauz und verkapptem Helden. Und obwohl Depps Gestaltwandlungen zunehmend abstrusere Züge annehmen und den Anschein erwecken, er wolle komplett hinter dem Mummenschanz verschwinden (unlängst etwa gab er im kleinbudgetierten Horrorfilm „Tusk“ unter dickem Make-up einen kanadischen Ex-Cop), brechen sich doch meistens die altbekannten Manierismen Bahn.

Depps aktuellste Inkarnation gestaltet sich etwas weniger aufwändig: In der Gaunerkomödie „Mortdecai“ von David Koepp schlüpft er in die exquisiten Lederlatschen und das samtige Sakko des titelgebenden Antihelden, eines (mutmaßlich) adligen Kunsthehlers, Bonvivants und erklärten Schnurrbartsnobs, der sich mit Gemäldegeschäften im rechtlichen Graubereich mehr schlecht als recht über Wasser hält. Als ein unliebsamer Bekannter vom britischen Geheimdienst (Ewan McGregor) ihn bei einem heiklen Fall um ein verschollen geglaubtes Goya-Meisterwerk als Berater hinzuzieht, wittert er die Chance, sich mit einem Schlag seiner drückenden Steuerschuld zu entledigen, und lässt sich in eine internationale Intrige verwickeln.

 

Autor von „Jurassic Park“, „Spider-Man“

Unterstützt wird Mortdecai bei den resultierenden Eskapaden von seiner nicht minder ausgefuchsten Gattin (Gwyneth Paltrow) sowie dem promiskuitiven Hausdiener, Handlanger und Haudrauf Jock (Paul Bettany als Jason-Statham-Verschnitt). Mit Letzterem verbindet ihn eine Beziehung, die in der italienischen Commedia dell'arte ihren Ursprung hat und hier in leicht abgewandelter Form den Jeeves-und-Wooster-Romanen von P.G. Wodehouse nachempfunden ist: Stets ist es der kompetente Knecht, der seinem geckenhaften Herrn die Haut rettet, obwohl selbst der ergebenste Einsatz dessen Ignoranz und Mangel an Dankbarkeit keinen Abbruch tut.

„Mortdecai“ ist in vielfacher Hinsicht ein Anachronismus: Das Drehbuch basiert auf einem Roman aus den Siebzigern, der Film selbst imitiert verspielten Krimiklamauk à la „Der rosarote Panther“; gefiltert ist das alles aber durch das selbstironische Persiflageprisma der Neunziger. Bei der überspitzt neckischen Dynamik zwischen Depp und Paltrow etwa denkt man an die Liebesgeplänkel des cartoonhaften Ehepaars aus den Addams-Family-Filmen. Nur erreicht die Kopie nie die Verve ihrer Vorbilder – ein Großteil ihrer Blödeleien und Herrenwitze erstarren im inszenatorischen Vakuum.

Koepp zeichnet als Autor für einige der größten Blockbuster der vergangenen Dekaden verantwortlich („Jurassic Park“, „SpiderMan“), als Regisseur hat er seine Handschrift noch nicht gefunden. Die Handlung jettet von einer Metropole zur nächsten, bleibt dabei aber unübersehbar in schalen Studiosets stecken, und obwohl Mortdecai vom unflätigen Automechaniker bis zum ruppigen Neurussen eine wahre Stereotypenparade auffährt (Jeff Goldblum hat einen Kurzauftritt als US-Milliardär), bleibt keine davon über das Klischee hinaus im Gedächtnis.

So ist es am Ende doch wieder Johnny Depp, der als Alleinunterhalter die Show am Laufen hält. Die humoristische Wirkung des Films ist stark davon abhängig, inwieweit man noch auf seine charakteristische Rumdruckserei, mimische Gymnastik und blumigen Bonmots anspringt, die ihm das Script in den Mund legt – oder wie schnell einem Dauerschmähs über Mortdecais „sympathischen Würgereflex“ oder seine Bartobsession zum Hals heraushängen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2015)

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