Woody Allens Suche nach dem erlaubten Mord

"Irrational Man" von Woody Allen entpuppte sich in Cannes als Federgewicht-Hitchockiade. Provokant und preisverdächtig: In "Son of Saul" will ein Sonderkommando-Mitglied in Auschwitz eine Kinderleiche würdig bestatten.

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(c) REUTERS (BENOIT TESSIER)

Woody Allen hat sein altersweises Lächeln aufgesetzt: „Letzten Endes ist das Leben sinnlos“, sagt er bei der Pressekonferenz zu seinem Film „Irrational Man“, der am Freitag in Cannes außer Konkurrenz Premiere feierte. „Man muss sich ablenken, um die Realität ertragen zu können. Ich mache Filme, das ist eine wundervolle Zerstreuung.“ Die ausgestellte Weltanschauung Allens ist bekannt, auch seine im Jahrestakt erscheinenden Regiearbeiten verharren schon länger in einem wohltemperierten ästhetisch-thematischen Äquilibrium. Standhafte künstlerische Haltung oder Stagnation? Jedenfalls bietet Allen den meisten Fans trotz finsterer Weltsicht, was ihm sein Handwerk bedeutet: verlässliche Zerstreuung.

 

Töten wie Dostojewskis Raskolnikow

Auch „Irrational Man“ variiert ein altes Motiv, greift nach „Match Point“ zum zweiten Mal die Grundfrage seines Schlüsselwerks „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ auf: Sind Moral und Glück vereinbar? Diesmal gibt Joaquin Phoenix mit Wampe und Flachmann die Hauptfigur. Als Philosophieprofessor Abe Lucas, Stargast an einer Elite-Uni, predigt er Desillusionierung auf Sartre-Basis und punktet mit lässiger Abgeklärtheit: Ein Großteil seiner Disziplin sei Verbalmasturbation, die Wirklichkeit harsch und unerbittlich. Das Leben-ist-Leiden-Gehabe beeindruckt Kollegen ebenso wie die Studentin Jill (Emma Stone), die seine Nähe sucht. Bei einer Party offenbart sich Abes manische Ader, als er russisches Roulette spielt, für ihn bloß „eine existenzielle Lektion“. Später hat er auf der Suche nach einem Ausweg aus der Sinnkrise eine Zufallsepiphanie: Ein gerechter (und perfekter) Mord in Raskolnikow-Manier, ist das nicht der einzig wahre Weg zur Selbstverwirklichung?

Was folgt, ist eine Art Federgewicht-Hitchcockiade, die den Zuschauer zwischen Komplizenschaft mit und Aversion gegen Abe oszillieren lässt. Die Milieu- und Figurenzeichnung ist karikaturesk und unglaubwürdig, das Menschenbild zynisch, doch im Unterschied zu „ernsten“ Allen-Filmen mit ähnlichem Inhalt profitiert „Irrational Man“ von seiner konsistenten Lakonie und Albernheit, die sich spannend mit der Themenschwere schneidet, sowie der Eigenwilligkeit einiger Darsteller, allen voran die an Selbstparodie grenzende Performance von Phoenix. Derzeit dreht Allen an einer Miniserie für Amazon, bei ihrer Veröffentlichung wird sich diese bestimmt als „kosmische Peinlichkeit“ entpuppen, scherzte der Regisseur.

Um einen Mann in der Lebenskrise geht es auch in Gus Van Sants Festivalbeitrag „The Sea of Trees“. Darin spielt Matthew McConaughey einen lebensmüden Naturwissenschaftler, der nach Japan reist, um sich im „Selbstmörderwald“ Aokigahara von der Welt zu verabschieden. Als er dort auf einen anderen Verlorenen trifft (Ken Watanabe), entspinnt sich auf ihrer Wanderung durch das Baummeer eine Geschichte um Trauerbewältigung und Sinnfindung. Die schönen Naturkulissen können die Rührseligkeit des Drehbuchs nicht verdecken, das sich zunehmend in esoterische Plattitüden verstrickt und trotz einer Handvoll stilistischer Schnörkel wenig von der formalen Risikobereitschaft anderer Van-Sant-Filme aufweist. Für sein neuestes Werk gab es bei der Pressevorführung in Cannes Buh-Rufe – manchmal bloße Impulsreaktion auf die Radikalität eines Films, in diesem Fall hingegen durchaus nachvollziehbar. Aussichten auf Preise hat er kaum, doch vielleicht lassen sich später Oscar-Jurys von der tränenreichen Schauspielleistung McConaugheys überzeugen.

 

„Son auf Saul“: schrecklich intensiv

„The Sea of Trees“ ist der bisherige Tiefpunkt des Wettbewerbs, der allerdings auch Überraschungen bereithielt. Der ungarische Debütfilm „Son of Saul“ von László Nemes etwa ist ethisch diskutierbar – er folgt den Bemühungen eines Sonderkommando-Mitglieds in Auschwitz, dem Leichnam eines Kindes eine würdige Bestattung zu gewähren –, reflektiert diesbezügliche Einwände aber in seiner Ästhetik mit (kalkulierte Unschärfen, Großaufnahmen wie Schraubzwingen) und erreicht als kakophonische Höllenvision eine schreckliche Intensität – Chancen auf einen Palmengewinn sind trotz potenzieller Kontroversen nicht auszuschließen.

WEITERE FILME IN CANNES

Patricia Highsmiths' Roman „Carol“ handelt von einer lesbischen Liebe, Highsmith verarbeitete darin Autobiografisches; Todd Haynes Verfilmung mit Cate Blanchett hatte am Wochenende in Cannes Premiere, ebenso wie Nanni Morettis Film „Mia madre“: Eine Regisseurin dreht einen Film, ist aber innerlich mit ihrer sterbenden Mutter beschäftigt. Außer Konkurrenz wurde die Doku „Amy“ über die britische Sängerin Amy Winehouse gezeigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2015)

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