„White House Down“: Patriotisches Katastrophenkino

Terroristen attackieren das Weiße Haus, der Präsident schlägt zurück. Mit seinem neuen Actionspektakel zeigt sich der Schwabe Roland Emmerich wieder patriotischer als seine US-Kollegen.

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bdquoWhite House Downldquo – (C) Sony

Roland Emmerichs Verhältnis zum Weißen Haus ist explosiv. Immerhin hat er den Wohn- und Amtssitz des US-Präsidenten bereits mehrfach in die Luft gejagt; am ikonischsten wohl in seinem Erfolgsfilm „Independence Day“.

Das Werk des schwäbischen Regisseurs kreist beständig um externe Kräfte, die sein Idealbild der Vereinigten Staaten – von den meisten US-Filmemachern längst als Trugbild entlarvt – attackieren: Im Actionthriller „White House Down“ sind es Terroristen, die sich Zugang zum politischen Herz des Landes verschaffen und es von innen heraus vernichten wollen. Die Rechnung haben sie ohne Roland Emmerich gemacht.

In jedem Kader seines Films lässt er das Publikum wissen, wie stolz er auf seine Wahlheimat ist. Ihm symbolisiert sie einen Ort, an dem man es mit harter Arbeit nach ganz oben schaffen kann. Und wenn dieser angegriffen wird, schlägt Emmerich mit allen Mitteln zurück. Sein Präsident – eine Paraphrase Barack Obamas – greift dann auch selbst zum Maschinengewehr, um die Terroristen aus dem Haus zu vertreiben. „White House Down“ führt diesen James W. Sawyer (Jamie Foxx) als jemanden ein, der erfolgreiche Friedensgespräche mit dem Mittleren Osten führt und ganz nebenbei noch das US-Militär verkleinert – eine fast schon grotesk erscheinende Naivität, angesichts aktueller realpolitischer Entwicklungen hinsichtlich eines US-Militäreinsatzes in Syrien.

 

Es gibt keine Zweifel an den Heldenfiguren

Emmerichs Präsident lässt sich nach erfolgter Friedensmission und anderen humanistischen Amtshandlungen mit seinem Hubschrauber am Lincoln Memorial vorbeifliegen und blickt dabei dem 16. US-Präsidenten ganz tief in die Augen. Ernüchterung oder Verbitterung über die Politik und ihre mächtigsten Proponenten haben in „White House Down“ keinen Platz. Die konservativen Kreise in den USA waren dann auch nicht begeistert von den grellen Bösewichtern in Emmerichs Retro-Blockbuster.

Sie werden als ranghohe US-Geheimdienstler auf Rachemission, rechtsradikale Extremisten und Rüstungskonzern-Bubis entlarvt. In ihnen wittert Emmerich, patriotischer als die meisten US-Amerikaner, die größte Gefahr für den amerikanischen Wertekanon. Auf der anderen Seite der Macht steht wie in jedem Emmerich-Film ein proletarischer Held: Channing Tatum spielt diesen John Cale, einen mehrfach ausgezeichneten Kriegsveteranen und überzeugten Patrioten, der von einer Karriere als Personenschützer des US-Präsidenten träumt und warmherziger Vater einer Elfjährigen ist.

Es gibt keinen Moment des Zweifels in diesen beiden Männerfiguren, keinen moralischen Sündenfall, keinen zynischen Twist, der sie doch noch als Teil des terroristischen Komplotts auffliegen lassen würde. Cale ist ein lakonischer Sprücheklopfer und Paradefall eines unfreiwilligen Helden. Das Drehbuch von James Vanderbilt legt ihn als eine Variation von John McClane, Bruce Willis' Figur aus den „Stirb langsam“-Filmen, an. Im Muskelleiberl schießt und schlägt er sich durch das besetzte Weiße Haus. „White House Down“ kredenzt die obligatorischen, für Emmerich-Verhältnisse enttäuschend unauffällig inszenierten Actionsequenzen, lebt aber vor allem von der komödiantischen Dynamik zwischen Channing Tatum und Jamie Foxx.

Wenn der Präsident einem Terroristen seine Turnschuhe mit dem Kommentar „Take your hands off my Jordans!“ in das Gesicht tritt oder mit dem Raketenwerfer in den Händen aus dem Fenster seiner Limousine hängt, dann erweist sich dieser Thriller als unterhaltungswütiges und charmant unreflektiertes Spektakel. Ziemlich frech werden darin die sonst so ungreifbaren Machtsymbole der USA in wüste Krachbumm-Choreografien eingebaut und in Stücke geschossen, getreten oder gesprengt.

Wie in jedem Emmerich-Film steht nach all dem Krawall die Affirmation: Die Ordnung ist wiederhergestellt, die Terroristen sind vernichtend geschlagen, das Weiße Haus wird wieder aufgebaut. Am Ende lässt sich der Präsident erneut an seinen Amtskollegen Lincoln heranfliegen, bevor die Rolling Stones über dem Abspann vom „Street Fighting Man“ singen. Alles wird gut.

Zur Person: Action & Aktivismus

Roland Emmerich (*1955, Stuttgart) studierte Szenenbild in München. Er erregte bereits mit seinem aufwendigen Abschlussfilm „Das Arche-Noah-Prinzip“ (1984) international Aufsehen. „Universal Soldier“ (1992) brachte den Deutschen nach Hollywood, er etablierte sich als Spezialist für Action-Blockbuster, von „Independence Day“ (1996) bis zur Endzeitvision „2012“ (2009). Als Homosexueller gehört Emmerich auch zu den führenden Aktivisten für Schwulenrechte in Hollywood.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2013)

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