„Der Nanny“: Im Film trinken alle dasselbe Bier

Die unlustige Komödie „Der Nanny“ illustriert die triste Gegenwart des deutschen Kommerzkinos. Wie Til Schweiger will auch Matthias Schweighöfer es endlich vom Kunstverdacht befreien. Erschütternd erfolgreich.

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Filmemacher Matthias Schweighöfer in der Rolle des bösen Immobilienspekulanten: Anti-Intellektualismus wird hier als Volksnähe verkauft. – (c) Warner

Der Schweighöfer wär' halt auch so gern ein Schweiger. Aber, das muss man dem immer noch jugendlich wirkenden Regisseur und Hauptdarsteller des Lustspiels „Der Nanny“ lassen: Er kommt seinem erklärten Vorbild mit jedem Film näher. Matthias Schweighöfer und Til Schweiger: zwei Männer, eine Mission. Mit möglichst breitenwirksam angelegten Unterhaltungsprodukten möchten sie das deutsche Kino endlich vom generellen Kunstverdacht befreien, unter dem es ihrer Meinung nach spätestens seit der Berliner Schule (Christian Petzold, Thomas Arslan usw.) steht und vor dem das Publikum in Scharen davonläuft.

Und so erschütternd es ist: Die Rechnung der beiden durchschnittsdeutschen Kommerzkünstler scheint aufzugehen. Sehr zur Freude der bereits seit langer Zeit von jedem Verdacht einer authentischen Kunst- und Künstlerförderung befreiten deutschen Filmförderinstitutionen, die in jeden Schweiger- und Schweighöfer-Film massiv Geld pumpen, weil sie wissen, dass bei solchen Projekten das, was oben reingeht, unten auch ziemlich sicher wieder rauskommt.

 

Alles aus dem Beliebigkeitenregal

Der Nachteil daran: Im Zuschauerhirn bleiben keine wie auch immer gelagerten Nährstoffe oder Spurenelemente hängen, weil es gar keine gibt. Schweiger und sein Einserschüler Schweighöfer sind sogar ziemlich stolz auf ihren Anti-Intellektualismus, den sie als Volksnähe verkleiden und verkaufen: Til Schweiger zeigt seine Werke den Filmkritikern etwa überhaupt nicht mehr vorab, da er meint, es gäbe eine gewaltige Schere zwischen dem, was über seine Filme geschrieben wird, und deren Akzeptanz beim Publikum. Dass er damit auch jeden Diskurs verunmöglicht, nimmt er bewusst in Kauf. Auch zu Matthias Schweighöfers „Der Nanny“ dürften die Pressestimmen verhalten ausfallen. Das ahnt man spätestens, nachdem man dem solide agierenden Regisseur als Schauspieler in seiner Paraderolle des tollpatschigen Hysterikers dabei zusehen musste, wie er in „Der Nanny“ auf einen Verkaufsautomaten einschlägt, nachdem dieser sich weigert, das gewünschte Produkt auszuwerfen. Sequenzen wie diese findet man in jeder zweiten Fließbandkomödie. 2015 wirkt so etwas ähnlich billig effekthaschend wie der Klassiker des Autos, das just dann nicht anspringt, wenn man es eigentlich am dringendsten benötigte. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner einer dramatischen Zuspitzung, eine Sequenz aus dem Beliebigkeitenregal, so universell bekannt in Ausführung und Konsequenz, dass schon ein besonders uninspirierter Filmemacher am Werk sein muss, um darauf zurückzugreifen.

 

Das hat Veronica Ferres nicht verdient!

Dass Schweighöfer eher auf Kalauer steht als auf einen Humor, der etwas sickern muss und vielleicht auch noch etwas zu sagen hat, weiß man seit seinen letzten drei Regie-Filmen, allesamt Besuchererfolge in Deutschland. Aber nicht einmal Veronica Ferres hat es sich verdient, gleich eingangs in „Der Nanny“ von einem wohlstandsverwahrlosten Balg in ihrer Außenwirkung mit einem Scheidenpilz gleichgesetzt zu werden. Nach „Dich wollte einfach keiner bumsen“ und anderen Verbalinjurien flüchtet sie. Schweighöfers egomanischer Immobilienspekulant goutiert den Kindermädchenverschleiß seiner beiden Sprösslinge nicht, meint aber im untersetzten, eulengesichtigen Rolf (Milan Peschel) guten Ersatz gefunden zu haben. Was er nicht weiß: Letzterer ist eigentlich gekommen, um den gewissenlosen Neureichen per Faust aufs Aug' davon zu überzeugen, sein Zuhause, den Fischerkiez, doch nicht plattzumachen.

Wo jetzt noch Proletenoriginale leben, die der Film allerdings vorwiegend bei Bier, Wein und Schnaps in einer Altberliner Bar hockend zeigt, soll ein Luxuswohnkomplex entstehen. Jedwede potenziell sozialkritische Komponente wird allerdings von Schweighöfer zum Zotenaufhänger zurechtgeklopft. Das Erschütternde ist, dass man sich immer wieder dabei ertappt, diesen Film mögen zu wollen. Denn im Gegensatz zu Til Schweiger wirkt Matthias Schweighöfer wirklich wie ein Sympathieträger, einer, mit dem, eben weil er so ein netter Kerl ist, einfach alle immer wieder zusammenarbeiten wollen.

Das Drehbuch zu „Der Nanny“ stammt etwa federführend von Murmel Clausen – eine humoristische Allzweckwaffe, herangezüchtet in der Bullyparade –, der bereits Schweighöfers „Vaterfreuden“ und die Romanvorlage dazu schrieb. Fernseh-Spaßmacher Joko Winterscheidt, kein Schauspieltalent nach konventioneller Definition, hat mit dem Regisseur 2009 ein Modelabel gegründet und tritt im Film als dessen noch ruchloserer Geschäftspartner Augustin in Erscheinung. Und Milan Peschel, also „Der Nanny“ höchstselbst, und Schweighöfer sind bereits in dessen zweitem Regiefilm „Schlussmacher“ gemeinsam vor der Kamera gestanden – und zwar in ganz ähnlichen Rollen wie im aktuellen Werk.

 

Botschafter für ein Bierunternehmen

Dass der Filmemacher im letzten Jahr zum Markenbotschafter (was immer das sein mag) eines bekannten deutschen Bierunternehmens wurde und seine Filmfiguren jetzt immer genau diesen Gerstensaft saufen müssen, überrascht da auch nicht mehr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2015)

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