#OscarsSoWhite: "Jeder im Saal weiß, dass das Problem woanders liegt"

Der in Haiti geborene Filmemacher Raoul Peck setzte sich in seiner Doku "I Am Not Your Negro" mit der Realität der Schwarzen in Amerika auseinander. Der Film ist für einen Oscar nominiert.

Director Peck, producers Grellety and Peck of ´I Am Not Your Negro,´ Academy Award nominee for Documentary (Feature), pose at a reception at the Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Beverly Hills
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Director Peck, producers Grellety and Peck of ´I Am Not Your Negro,´ Academy Award nominee for Documentary (Feature), pose at a reception at the Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Beverly Hills
Regisseur Raoul Peck (in der Mitte). – (c) REUTERS (MARIO ANZUONI)

Im Jahr nach der Kontroverse um "#OscarsSoWhite" gibt sich die Academy geläutert: Bei der 89. Oscar-Gala am Sonntag gehen mehr schwarze Nominierte ins Rennen als je zuvor. Raoul Peck ist mit "I Am Not Your Negro" einer von ihnen. "Das ist eine oberflächliche Diskussion", betont der Regisseur im Interview mit der APA und anderen Medien. "Jeder im Saal weiß, dass das Problem woanders liegt."

Der 1953 in Haiti geborene Filmemacher ("Lumumba") zeichnet in seinem Dokumentarfilm aus Texten des afroamerikanischen Autors James Baldwin, Archivmaterial der Bürgerrechtsbewegung der 50er- und 60er-Jahre sowie Aufnahmen von Polizeigewalt ein beklemmendes Bild der Realität von Schwarzen im modernen Amerika. Die zentrale Auseinandersetzung mit dem Vermächtnis der drei ermordeten Bürgerrechtsaktivisten Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King Jr. wirft die Frage auf, inwiefern sich Amerika in den vergangenen 40 bis 50 Jahren mit Baldwins Beobachtungen rund um die Konstruktion rassistischer Stereotype beschäftigt hat. Gesprochen wird der Text aus dem Off von Hollywoodstar Samuel L. Jackson.

"Es zeigt uns, dass sich im Wesentlichen nichts geändert hat", beklagt Peck. "Weil wir zunehmend dazu tendieren, die Geschehnisse auf der Welt nur oberflächlich zu betrachten. Wir erfassen das große Ganze nicht mehr, sind unfähig, zu unterscheiden, was wichtig ist und was nicht, leben nur von einer 'breaking news' zur nächsten." Baldwin führe "uns zurück zum Wesentlichen, gibt uns Raum, um zu denken und zu sehen, wo das alles begonnen hat und wo wir heute stehen". Veränderung bedinge Einigkeit darüber, "wo die Probleme liegen". Und die Einsicht, dass "die kapitalistische Gesellschaft, in der wir leben, historisch bedingt ist. Es ist Teil der Ideologie, wenn man uns glauben lassen will, dass man nur auf eine gewisse Weise agieren kann, weil der Markt den Ton vorgibt."

Der 1987 gestorbene Baldwin war neben Karl Marx, dem Peck auch den aktuellen Spielfilm "Der junge Karl Marx" widmet, einer der richtungsweisenden Intellektuellen in Pecks Jugend. "Beide haben mich in einer Zeit sehr intensiven politischen Engagements stark geprägt. Sie haben Struktur in meinen Kopf gebracht", erzählt Peck, der Struktur bei Bewegungen wie "Occupy Wall Street" vermisst. "Ab einem gewissen Punkt muss man seiner Wut und seinem Widerstand eine Struktur geben. Man muss den Schritt in die Politik machen oder etwas Neues erstellen."

Auch Peck hat einst den Schritt in die Politik gemacht: Ende der 90er-Jahre war er eineinhalb Jahre lang Kulturminister in seiner Heimat Haiti. "Ich bin nicht zum Film gekommen, um Geschichten zu erzählen und es nach Hollywood zu schaffen. Es war immer die Frage, wie ich der Gesellschaft nützlich sein kann", erläutert er. "Als Filmemacher und Künstler war es verführerisch, zu sehen, wie Macht von innen funktioniert." Die aktuelle Politik blitzt in seiner Doku nur kurz auf: Donald Trump, der zum Zeitpunkt der Fertigstellung noch nicht US-Präsident war, ist in einer Reihe sich entschuldigender, weißer Politiker zu sehen. "Er ist Teil dieser Mythologie von Unschuld in den USA", erklärt Peck die Idee hinter der mahnenden Sequenz. "Man kann das schlimmste Verbrechen begehen und sich danach einfach entschuldigen und ist ein neuer Mann. Trump ist das perfekte Beispiel dafür."

Von der "Unreife als Tugend" sprach Baldwin in diesem Zusammenhang - im frühen Kino personifiziert von John Wayne. Hollywood - und das machen zahlreiche Beispiele in der Doku deutlich - hat bereits früh rassistische und sexistische Stereotypen verankert und eine "Welt kreiert, die eine Lüge ist", sagt Peck, der den Einfluss bereits als Kind gespürt hat. "Mit acht Jahren bin ich mit meinen Eltern in den Kongo gereist und war erstaunt, dass die Afrikaner da nicht um den Pfahl hüpfen, um mich willkommen zu heißen. Aber das war das Bild, das ich durch 'Tarzan' hatte."

Zehn Jahre lang hat Peck an "I Am Not Your Negro" gearbeitet und sich die Rechte an sämtlichen Texten Baldwins, darunter zahlreiche Filmkritiken, gesichert. "Aber eigentlich beschäftigt mich das schon viel länger, weil mich diese Bilder mein Leben lang begleiten", meint Peck. So wirft der Film ein ambivalentes Licht auf den Klassiker "Rat mal, wer zum Essen kommt" (1967), der mit seiner Darstellung eines "gemischtrassigen" Paars als bahnbrechend gilt. "Ich war damals stolz: Erstmals habe ich einen schwarzen, attraktiven, intelligenten Mann auf der Leinwand gesehen, der Doktor ist und das Mädchen abbekommt", erinnert sich der Regisseur an die Rolle von Sidney Poitier. "Aber ohne es zu bemerken, hat mir Hollywood ein Level vorgegeben, das ich erreichen muss, um akzeptiert zu werden. Die Botschaft ist immer doppeldeutig - so funktioniert Hollywood." Baldwin habe es verstanden, "die Traummaschinerie zu zerlegen und zu sagen: Es gibt keine Unschuld darin. Es gibt eine Absicht, und zwei Realitäten."

Politische Statements liberaler Hollywoodstars, wie sie auch bei den Oscars am Sonntag erwartet werden, sieht Peck kritisch. "Schon Baldwin hatte das Gefühl, dass sie kein Risiko tragen", so Peck. "Heute ist es nicht viel anders. Wir sind über den Moment hinaus, in dem es reicht, öffentlich seine Solidarität zu bekunden." Die Diskriminierung von ethnischen Minderheiten oder auch Frauen in Hollywood könnten die Oscars nicht lösen. "Das große Problem ist das Machtverhältnis auf Produzentenebene", weiß Peck. "Die Oscars können nur belohnen, was bereits existiert. Solange eine Regisseurin in der Produktionsfirma sechs weißen Männern in ihren 40ern gegenübersteht, wird sich nichts ändern."

Mit "I Am Not Your Negro" habe er sich so lange Zeit gelassen, bis genug Unterstützer an Bord waren, um den Film seinen Vorstellungen entsprechend zu machen. Der Titel - übersetzt "Ich bin nicht euer Neger" - mag viele provozieren, sagt Peck. "Aber zugleich zeige ich damit, wo ich stehe." Vorreiter wie Baldwin hätten in weitaus gefährlicheren Zeiten ihre Meinungen geäußert. "Ich gehe keine Kompromisse mehr ein. Wir haben keine Zeit zu verlieren, Menschen sterben weltweit, also warum soll ich mich einschränken? Es ist Zeit, dem ins Auge zu blicken."

(Die Fragen stellte u.a. Angelika Prawda/APA.)

(APA)

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