RSO Wien: 25 Minuten für den Lehrer

24.11.2012 | 18:04 |  von Helmar Dumbs (Die Presse)

Cornelius Meister hob mit dem RSO Wien und Nicolas Hodges im Musikverein Miroslav Srnkas Klavierkonzert aus der Taufe.

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Ein einsamer hoher Klavierton. Wie ein zaghaft gesetztes Fragezeichen hängt er für einen kurzen Moment in der Luft und ist auch gleich wieder verklungen, um der Stille Raum zu geben. Es ist ein berührender Moment, mit dem Miroslav Srnkas Freitagabend im Wiener Musikverein uraufgeführtes Klavierkonzert endet. Vor allem, wenn man weiß, dass Srnka das Werk zum Gedenken an seinen verstorbenen Lehrer Milan Slavický geschrieben hat, der ein geplantes Klavierkonzert nicht mehr zu Papier bringen konnte. Momente wie dieser sind allerdings dünn gesät in dem etwa 25-minütigen, einsätzigen Werk, das Solist Nicolas Hodges und das RSO Wien unter seinem Chef Cornelius Meister da auf die Welt brachten.

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, heißt es im „Vorspiel auf dem Theater“ zu Goethes Faust. Srnka bringt so einiges, aber mitunter erschließt sich nicht ganz, zu welchem Ende. Abschnittsweise treten Dialoge des Klaviers mit den einzelnen Instrumentengruppen in den Vordergrund, werden Orchester und Solist spezifische V-Effekte abverlangt, ohne dass sich beim ersten Hören daraus ein größerer Zusammenhang oder eine tatsächliche Entwicklung erschließen würden. Aber vielleicht ist das ja auch gar nicht die Absicht.


Flinkes Laufwerk.
Das Werk beginnt mit einer programmatischen Abwärtsbewegung, die dann auch gleich die ersten Minuten dominiert. Das Klavier ist zwar in dieser Phase, die mehr als eine Idee „Minimal Music“ enthält, immer auch vorhanden und ergeht sich in flinkem Laufwerk (die Arbeit der rechten Hand würde ohne Weiteres als Etüde durchgehen), wobei in der Schwebe bleibt, ob das orchestrale Gewebe den Hintergrund für das Mäandern des Solisten bietet, oder ob es sich nicht genau umgekehrt verhält.

Sukzessive wird das Klavier im Verlauf des Stücks dann selbstbewusster, tritt markanter in den Vordergrund, bis zu einer Serie von abgesetzten Glissando-Statements, die Hodges wie Rammböcke in den Raum treibt, und die – ein gelungenes Spiel mit Kontrasten – völlig unerwartet einem zart optimistisch gefärbten Streicherteppich weichen. Der zweite – also eigentlich erste – berührende Moment.

Hodges und Meister bemühten sich mit sichtlich großem Engagement, alles aus der Partitur herauszuholen. Nicht durchwegs schien allerdings der spieltechnische Aufwand, besonders seitens des Solisten, aber auch des Orchesters, gerechtfertigt, manche Stellen erschöpften sich in hektischer Geschäftigkeit. Zum Schluss gab es freundlichen Applaus für den sympathischen Komponisten (*1975) und sein Auftragswerk.


Begeisternder Dvořak. Regelrechte Begeisterungsstürme rief im zweiten Teil hingegen Meisters Interpretation von Dvořaks siebenter Symphonie in d-Moll hervor, die dem rein tschechischen Sandwich (den Auftakt hatte eine energiegeladene Wiedergabe von Dvořaks Karneval-Ouvertüre gemacht) sozusagen den Deckel aufsetzte. Der dynamische Maestro verordnete seinen Musikern eine straffe Sicht auf das Werk, die vom Bestreben geleitet schien, das wie entfesselt aufspielende Orchester an den allseits ausliegenden Schmalztöpfen vorbeizulotsen. Anflüge von Sentimentalität ließ Meister erst gar nicht aufkommen, ohne aber im Gegenzug die Grenze zur Ruppigkeit zu arg zu strapazieren. Ein Zugang, der gerade dieser Symphonie sichtlich guttat. Lediglich im zweiten Satz hätte manches etwas geheimnisvoller, etwas weniger diesseitig klingen dürfen, was dem erfrischenden Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch tat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2012)

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