„Beweinung Christi“ und abstrakte Kreise

Das Klangforum Wien veranstaltete einen multimedial poetischen Abend in memoriam Hans Landesmann.

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Horn – (c) Michaela Bruckberger

Seufzer. Immer wieder Seufzer in vielen Stimmen. Unterschiedlich gefärbt und rhetorisch aufgeladen, stärker oder schwächer verbrämt, meist als Glissandi, einmal aber auch wie eingefroren in eine pendelnde Mollterz: Das Klangforum Wien steuert filigrane Floskeln bei, wenn der Countertenor Daniel Gloger, nur zwischen zwei Tönen wechselnd, schmerzlich und doch distanziert von Unerhörtem kündet.

„In dem Sack, dem plastifizierten, seh ich den Kopf verschwinden, den blutverschmierten“, lautet Hans Raimunds deutsche Übertragung der dazugehörigen Stelle aus den „Parole di settembre“ des 2010 verstorbenen Dichters Edoardo Sanguinetti, die sich auf Bilder des Renaissancemalers Andrea Mantegna beziehen. Auf der Leinwand zittern abstrakte Kreise wie auf flüssiger Oberfläche, und es kriecht die „Beweinung Christi“ vorüber, durch die kühne perspektivische Verkürzung von Jesu Leichnam eines der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte...

 

Neue-Musik-Zyklus „Langstrecke“

Am 24.10. beginnt wieder Wien Modern– doch neben dem Festival tut auch kontinuierliche Auseinandersetzung mit Neuer Musik not. Das unverzichtbare Klangforum Wien sorgt dafür in dieser Saison unter dem Motto „Langstrecke“ mit sieben Konzerten, in denen je ein abendfüllendes Werk erklingt. Den Einstieg bildete nun im Großen Konzerthaussaal „Ein Abend mit Andrea Mantegna“, gewidmet dem Gedenken an Elaine und Hans Landesmann– wodurch die Elemente von Klage und Kontemplation in der Partitur vielleicht noch verstärkt erschienen.

Diese heißt wie Sanguinettis Dichtung „Parole di settembre“, stammt vom Komponisten Aureliano Cattaneo (*1974) und besteht aus drei Büchern, umrahmt von zwei Madrigalen und einer Frottola (einer Liedform der Renaissance). Cattaneo betrachtet darin, in ständiger kreativer Rücksicht auf die Musikgeschichte, das Werk Mantegnas – und zugleich Sanguinettis Blick darauf. Dessen fragmentierte Lyrik wird zum musikalischen Material, das die glänzenden Solisten mit der gleichen Intensität vortrugen wie das Klangforum die transparent ineinandergreifenden Instrumentalparts, die von zarten Luft- und Wischgeräuschen bis zu plastischen Soli, glockenartigen Basstönen, sensiblen Klängen barocker Blasinstrumente und einigen wenigen Massierungen reichten. Seine poetische Kraft bezieht das Stück nicht zuletzt aus dem Affektgehalt der altbekannten, aber in frische, sinnliche Farben gekleideten Gestik.

Dazu die Visualisierung des Künstlerduos Arotin & Serghei: geometrische Figuren, Flächen aus Lichtzellen und perspektivisch simulierte Räume, aber auch teils verfremdete Bildzitate auf der Projektionswand. Sie machte den Abend zum multimedialen Ereignis, ohne sich als Spektakel vor die Musik zu drängen. Viel Begeisterung nach kurzen 70 Minuten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2013)

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