Was Bach, Mozart von Neapel lernten

28.05.2007 | 18:08 |  WALTER DOBNER (Die Presse)

Pfingstfestspiele Salzburg. Domenico Cimarosas wieder entdeckte Opera buffa "Il ritorno di Don Calandrino" bildete den Auftakt der Festspiele unter Muti.

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Drei Jahrzehnte stand Neapel unter österreichischer Herrschaft, wetteiferte mit Wien um die musikalische Vorherrschaft in Europa. Tausende Manuskripte liegen in den Bibliotheken Neapels, harren einer Wieder- oder Neuentdeckung. Die einstige Metropole Neapel der Erinnerung zu entreißen, gleichzeitig den Blick auf die europäische Zusammenarbeit im 18.Jahrhundert zu lenken, ist Ansatzpunkt für die neu konzipierten Salzburger Pfingstkonzerte. „Dass das Alberne, ja das Absurde sich mit der höchsten Herrlichkeit der Musik so glücklich verbindet“, schwärmte Goethe Schiller über Cimarosas „Il matrimonio secreto“ vor. Eine Buffo-Oper von ihm bildete den Auftakt der diesjährigen Pfingstfestspiele: „Il ritorno di Don Calandrino“.

Die Schwester des Bürgermeisters, Irene, und die kokette Dorfschönheit Livietta buhlen um die Gunst des von Studien aus Neapel in sein Dorf zurückgekehrten Don Calandrino. Der angeblich weltgewandte Stadtvogtsohn kann allerdings nicht mit Wissen, nur mit Worthülsen aufwarten, muss sich einem Konkurrenten stellen: Monsieur Le Blonde, dem es wie dem Bürgermeister Livietta angetan hat. Schließlich gibt es ein lieto finale. „Vom Glück hallen alle im Lande wider, das Echo gibt uns Antwort“ singen die Protagonisten. Nach den üblichen Wirrnissen hat der als Hochstapler entlarvte Titelheld seine Livietta, Le Blonde Irene bekommen. Bürgermeister Valerio bleibt ohne das von Calandrino erhoffte Geld und Livietta.


Spielerischer Witz auf weißer Bühne

Riccardo Muti hatte das vital wie subtil aufspielende Orchestra Giovanile „Luigi Cherubini“ auf diese anspruchsvolle Aufgabe fabelhaft vorbereitet. Mit spielerischem Witz zeichnete Juan Francisco Gatell den Calandrino. Laura Giordano präsentierte sich als outrierte Livietta, Monica Tarone als das einfache Mädchen aus dem Dorf, Marco Vinco als den in seiner Eitelkeit gekränkten Le Blonde, Leonardo Caimi als den in seinen Bemühungen scheiternden Valerio. Sie alle spielten in stimmigen Kostümen des 18.Jahrhunderts (Carlo Poggioli) auf einer weißen Bühne mit wenigen Requisiten wie Kisten, Koffern, Podesten oder Illusion imaginierenden Wundermaschinen.

Regisseur Ruggero Capuccio ging es in dieser Ko-Produktion mit dem Ravenna Festival weniger um die Psychologie der Personen als um die Vielschichtigkeit der sich rasch wandelnden Situationen. Gleich Italo Calvino setzte er auf Leichtigkeit, Schnelligkeit, Exaktheit, Sichtbarkeit, Vielschichtigkeit, lenkte nie von der spritzige Virtuosität mit melancholischen Tönen mischenden, unterschiedlich spannenden Musik ab.


Scarlatti als Wegbereiter Bachs

Der von Neapel nach Wien als Hofpoet berufene Pietro Metastasio war bei dieser Pfingstreihe als Textautor in Leonardo Leos Oratorium über die Wiederentdeckung des Heiligen Grabes und die Auffindung des Kreuzes „SantElena al Calvario“ vertreten. Hier zu hören in einer differenzierten Wiedergabe durch „Europa Galante“ mit Fabio Biondi und Robert Invernizzi, Gemma Bertagnolli, Roberto Abbondanza, Marina De Liso und Anna Chierichetti als ideal korresponierendem Solistenensemble.

Unter dem Titel „Il Settecento napoletano“ konfrontierte – ebenfalls im Mozarteum – das hinreißende Accordone Ensemble mit dem außerordentlichen Sänger Marco Beasley das Publikum mit einer Kantate des Wiener Hofkomponisten Giuseppe Porsile, einem Lamento von Giulio Cesare Rubino, einer Weihnachtsliedbearbeitung von Alfonso Maria dei Liguori, zwei virtuosen Sonaten von Nicola Matteis und Angelo Ragazzo sowie der zwischen Rezitativ, Ariosi und Arien abwechselnden, sich zu einer packenden theatralischen Szene steigernden Kantate von Alessandro Scarlatti „Ammore, brutto figlio de pottana“.

Alessandro Scarlatti, einem der Väter der neapolitanischen Schule, gehörte auch das Festivalfinale mit dem zweiteiligen „Oratorio a quattro voci“. Nimmt Cimarosa in seinem „Calandrino“ Wendungen von Mozarts „Don Giovanni“ und Situationen von dessen „Così fan tutte“ vorweg, so führt Scarlatti in dieser weitläufigen Passionsgeschichte Christi aus der Perspektive Marias mit ihren langen Rezitativen und der Dominanz der Solotrompete in einigen Arien direkt zu Johann Sebastian Bach. Auch das zeigte Muti mit seinem exzellent studierten Cherubini-Jugendorchester und den hochkarätigen Solisten Anna Bonitatibus, Franco Fagioli, Ekaterina Gubanova, Matthew Polenzani und Elena Tsallagova (Echo) in der Kollegienkirche überzeugend vor.

PFINGSTEN 2008 in Salzburg

Eröffnet wird am 9. Mai mit Paisiellos Oper „Il matrimonio inaspettato“. Muti und das Cherubini Orchester spielen auch das Schlusskonzert am 12. Mai: mit Hasses Oratorium „I pellegrini al sepolcro di Nostro Signore“. Countertenor Andreas Scholl und die Accademia Bizantina gestalten eine Matinee mit Arien für Kastraten (10. Mai).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2007)

 
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