Semperoper Dresden: Thielemanns „Freischütz“-Debüt

Am Pult der Staatskapelle statuierte der Dirigent ein Exempel: Wer deutsche Romantik ernst nimmt, scheitert auch nicht an ihr. Regisseur Axel Köhler hielt mit.

Der Freischuetz
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Der Freischuetz
Der Freischuetz – (c) Matthias Creutziger/Semperoper Dresden

Deutsche Romantik geht nicht mehr. So scheint es zumindest. Wie ein Fluch lasten die Bürden der jüngeren Geschichte auf der Kunst einer ganzen Epoche. Die Regisseurszunft in ihrer Überheblichkeit gibt vor lauter Kommentaren und Fußnoten den Blick auf das Stück nicht mehr frei. Bejubelnswert deshalb die jüngste Neuinszenierung der Dresdner Semperoper: Da haben Regisseur Axel Köhler und Dirigent Christian Thielemann sich nicht um die alles relativierende Etikette der jüngeren Interpretations-Geschichte geschert, sondern Libretto und Partitur bei Wort und Note genommen: Eine ernsthafte, musikalisch sogar große Umsetzung ist da gelungen. Sie kam der Ehrenrettung eines der bedeutendsten deutschen Musiktheater-Werke gleich.

Sensiblen Hörern dürfte das mit den ersten Takten der Ouvertüre klar geworden sein. Die Staatskapelle und Thielemann realisieren Interpretationskunst auf dem allerhöchstem Niveau; auf dem Seil, ohne Netz, sozusagen. Man erlauscht miteinander, was zwischen den Zeilen steht, man ergründet, was Klänge meinen, setzt nicht brav und feinsäuberlich Phrase neben Phrase. Man übt sich in der längst vergessen geglaubten Kunst dynamischer und – vor allem – tempomäßiger Kontrastwirkungen.

 

Ein kleines Dresdner Wunder

Das Fließenlassen, das Reagieren auf expressive Nuancen, auf Zwischentöne regiert das Spiel der Musiker: So entfalten sich Stimmungen, so werden dramatische Akzente, Überraschungsmomente, Überrumpelungen möglich, so redet die Musik in jeder Geste – das ist so stark, so überwältigend, das ist Theatermusik reinsten Wassers, die Bühnenaktion quasi von selbst provoziert.

Dass Regisseur Axel Köhler diese musikalische Erzählkunst nicht – wie viele seiner Kollegen – desavouiert, sondern seine Arbeit aus ihr heraus zu gewinnen sucht, macht den Dresdner „Freischütz“-Versuch zum kleinen Wunder.

Man bekommt zu sehen, was man hört: Wenn Kontrabässe und Fagotte der Staatskapelle „unterheben“, dann scheint das Weltengefüge ins Wanken zu kommen – ganz wie es die Geschichte der teuflischen Handlung (nicht erst in der „Wolfsschlucht“) suggeriert. Allein: Wer gut, wer böse ist, kann bei alledem niemand sagen; betroffen, verwundet, zerstört scheinen alle handelnden Personen – was im Libretto die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges sind, spiegelt sich nicht nur in den Klängen, sondern auch in den Bühnenbildern Arne Walthers: Da ist er, der deutsche Wald, vor dem so viele Regietheater-Bannerträger kapituliert haben; aber er wurde zum Symbol unserer Ängste und Alpträume.

Die Menschen hausen in Ruinen, haben sich arrangiert. Es herrscht das Faustrecht. Wenn die Allerärmsten, die Bauern, gegen die etwas weniger Armen, die Soldateska, aufbegehren, werden sie niedergeschlagen. Eine traurige, hinkende Figur schleicht durch die Handlung, in Schrecksekunden wird sie mit dem Bösen schlechthin gleichgesetzt, und für alles hält sie als Sündenbock her.

 

Lichte Momente in Kriegsruinen

Die lichten Momente in Webers Musik, die Christian Thielemann freilich auch liebevoll und in ätherischem Pianissimo ausspielen lässt, fungieren als imaginäre Hoffnungs-Inseln inmitten des ausweglos bitteren Lebens. Dass die Sänger mit der unerhörten Differenzierungskunst mithalten könnten, darf nicht behauptet werden, doch stehen alle ihren Mann, ihre Frau: Albert Dohmen als Erbförster Kuno, Sara Jakubiak – wenn auch mit ein wenig überstrapaziertem, lichtem Sopran – als Agathe, Christina Landshamer als rechtschaffenes Soubretten-Ännchen mit zauberhaft-unschuldigen Anflügen von Menschlichkeit, Michael König als wacker zwischen den lyrischen und den „frühheldischen“ Ansprüchen balancierender Max, nirgends wirklich daheim, aber überall lebensfähig.

 

Bis zur zynischen Schlusspointe

Souverän bietet nur der Kaspar von Georg Zeppenfeld den finsteren Höllenklängen der Staatskapelle Paroli, und gut schlagen sich die Interpreten der knapper gehaltenen Partien, der Kilian (Sebastian Wartig) und der Eremit (Andreas Bauer).

Wunderbar Adrian Eröd als Fürst Ottokar, der zynisch über den Dingen steht, ungerührt beobachtet, wie die Kinder während des Jägerchors schon ein brutales Rollenspiel als Ballett inszenieren: Die Buben jagen die Mädchen und bringen sie zur Strecke. Er sorgt auch für die böse Schlusspointe: Eben hat der Eremit den Probeschuss „verboten“ – schon hält der Herrscher, dem Humanität wohl nur als Marginalie „durchgeht“, den nächsten Burschen zum Schießen an. Packend – noch am 6. Mai unter Thielemanns Leitung, aber als unzeitgemäß stimmige Regie-Leistung auch weiterhin sehenswert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2015)

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